Gemeinschaft im besten Sinne - mit Gott und Menschen
Zum normalen Programm der sonntäglichen Gottesdienste gehören in den evangelischen wie katholischen Kirchen hierzulande Lieder aus dem „Evangelischen Gesangbuch“ beziehungsweise aus dem „Gotteslob“, von der versammelten Gemeinde gesungen und meist von der Orgel begleitet. Beide Kirchen können dabei aus einem reichen, zum Teil gemeinsamen Schatz an Liedern und Gesängen schöpfen, deren Texte und Melodien aus verschiedenen Jahrhunderten vom Christentum der Spätantike bis zur Gegenwart stammen, wobei das Kirchenlied traditionell für den evangelischen Gottesdienst stärker konstitutiv ist als für die katholische Eucharistiefeier. Auf beiden konfessionellen Seiten hat so gut wie jeder Kirchgänger darüber hinaus seine eigenen Lieblingslieder, die ihm oft seit Kindertagen vertraut sind.
Wo wird, außer im Fußballstadion, noch öffentlich gesungen?
Aber inzwischen sind die meisten Gottesdienstgemeinden zumindest an gewöhnlichen Sonntagen massiv zusammengeschrumpft, und damit ist auch die Zahl der mitsingenden Frauen und Männer entsprechend zurückgegangen. Bei besser besuchten „Kasualien“, also bei Gottesdiensten etwa zu Trauungen oder zu Beerdigungen, können oft die meisten Besucher mit den vorgesehenen Liedern offensichtlich nur wenig bis nichts anfangen und bleiben entsprechend stumm auf ihren Plätzen. Da können auch eine fetzige Band oder ein guter Organist nicht viel ausrichten.
"Singe, wem Gesang gegeben! Wer lang singt, der wird lang leben", weiß der Volksmund. Am schönsten ist das im Chor ...
Es geht hier – leider – vieles verloren, und zwar nicht nur für Kirchen und Gemeinden, sondern auch für die Kultur insgesamt. Wem sind, außer Spezialisten in germanistischen Seminaren, Gedichttexte aus dem 16.oder 17. Jahrhundert heute noch vertraut? Aber Liedtexte aus dieser Epoche, sei es aus der Feder von Angelus Silesius oder Friedrich von Spee, werden in evangelischen und katholischen Gottesdiensten nach wie vor wie selbstverständlich gesungen. Andere Lieder führen sogar bis ins europäische Mittelalter zurück, und haben heute noch ihren Platz im liturgischen Repertoire. Ähnlich wie bei romanischen, gotischen oder barocken Kirchengebäuden sind die Kirchen auch mit vielen ihrer Lieder Orte einer Traditionspflege im besten, weil lebendigen und reflektierten Sinn. Von ihr kann eine fragmentierte Gesellschaft nur profitieren.
Und wo wird jedenfalls in Deutschland – außer bei Fangesängen in Fußballstadien- heute gemeinsam und sozusagen öffentlich gesungen als in Kirchen oder auch bei entsprechenden Anlässen im Freien, etwa bei Katholiken- oder Kirchentagen? Es gibt so etwas wie eine Kraft des Gesangs; das belegt nicht zuletzt die breite Singebewegung, die in den baltischen Staaten vor Jahrzehnten das Ende der sowjetischen Herrschaft mit vorbereitet hat. Natürlich ist gemeinsames Singen nicht per se gut oder unschuldig, haben singende Großgruppen ihre eigene Ambivalenz. Aber viele Menschen werden sich gern an gemeinsam bei großen Ereignissen gesungene Gesangbuchlieder erinnern, die im besten Sinn Gemeinschaft untereinander und mit dem religiösen Zentrum ihres Zusammenseins gestiftet haben. Ich werde jedenfalls das von vielen Bläsern begleitete „Nun danket alle Gott“ zum Abschluss des Nürnberger Kirchentags von 1979 nicht vergessen, genauso wenig wie das „Geh aus mein Herz, und suche Freud“ (Text von Paul Gerhardt) bei der Vereinigungssynode der evangelischen Kirche in der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik 1990 in der prächtigen Coburger Morizkirche.
Das eigene Lied von Bruchstückhaftigekeit und Unsicherheit
Singen kann dabei helfen, Identität zu schaffen, nicht nur, aber auch im religiösen Sinn. Christliche Identität ist zwar nie ungebrochen; Paulus spricht nicht zufällig vom „Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Korinther 4, 7). Wer sein Leben in der Nachfolge Jesu an Gott als dem bleibenden Geheimnis auszurichten versucht, wird jeweils sein eigenes Lied von Bruchstückhaftigkeit und Unsicherheiten singen können. Es braucht deshalb stabilisierende Gegengewichte, wie den mit Gebet und gerade auch mit Gesang mitvollzogenen Gottesdienst, sei es in der eigenen, eher bescheidenen Pfarrkirche oder in einem architektonisch besonders herausragenden Kirchenraum mit entsprechend kompetenter und sensibler musikalischer Gestaltung der Feier, als unspektakuläre, aber nicht zu unterschätzende Hilfe zur Identitätsstiftung.
Die Zukunft des Gottesdienstes in unseren Breiten ist genauso wenig verlässlich vorauszusagen wie die von Christentum und Kirche insgesamt. Wenn sich der gegenwärtig vorherrschende Trend fortsetzt, wird es schon wegen des fortschreitenden Mangels an einigermaßen regelmäßigen Kirchgängern in den beiden großen Kirchen in Deutschland weniger Gottesdienste geben, zumindest als flächendeckendes Angebot. Damit dürfte auch die Zahl der Mitsängerinnen und Mitsänger weiter zurückgehen, zumal die selbstverständliche Vertrautheit mit dem kirchlich- religiösen Liedgut in der Generationenfolge abnimmt. Es sind schon heute in vielen Gemeinden fast ausschließlich Frauen und Männer über 70 oder 80, die dem Gesang im Gottesdienst tragen.
Gottesdienstliches Singen lässt sich nicht erzwingen und auch nicht verordnen, wie der Gottesdienstbesuch überhaupt- trotz der noch offiziell bestehenden katholischen „Sonntagspflicht“. Man kann nur bei allen sich bietenden Gelegenheiten zum Singen im Gottesdienst einladen und ermuntern. Eine wichtige Rolle können dabei die Kirchenchöre oder auch andere zum Vorsingen fähige Gruppen und Kreise spielen: Sie können Hilfestellungen leisten und die jeweiligen Gottesdienstgemeinden zum Mitsingen animieren. Und warum sollte nicht ab und zu eine Predigt ein Kirchenlied textlich und musikalisch erklären? Der in Gesangbüchern und Noten vorhandene Schatz an qualitätsvollen Kirchenliedern und anderen Gesängen bleibt nicht sozusagen naturwüchsig am Leben, sondern muss bewusst gepflegt werden. Das ist in den Kirchen alle Mühen wert – um des Singens willen!