Im Rhythmus der Natur

29.08.2024 |

Obst und Gemüse im eigenen Garten anzubauen, das war früher selbstverständlicher als heute. Der bewusste Umgang mit den frischen Produkten ist ein lukullisches, aber auch ästhetisches Vergnügen – und lehrt weit über den Tag hinaus zu denken, wie unsere Autorin erzählt.

Hinter der Ordnung im eigenen Gärtchen und dem Genuss der Früchte ist viel Arbeit verborgen, eine lehrreiche Arbeit ...
 
Als Kind war ich häufig für längere Zeit bei meinen Großeltern, die etwa zwei Stunden entfernt wohnten. Sie hatten einen riesigen Gemüsegarten, viele Obstbäume und Beerensträucher  voller Johannes-, Josta-, Stachel- und Himbeeren. Denke ich an meine Großeltern zurück, so kommt mir der Geschmack von eingemachten Kirschen, selbst hergestelltem Apfelessig und einer wunderbar schmeckenden Mangoldlasagne in den Sinn. Selbstverständlich waren der Mangold aus dem Garten und die Lasagneplatten von Hand durch die hundert Jahre alte Nudelmaschine gedreht. Essen genießen war sicherlich ein, wenn nicht sogar das verbindende Element zwischen meiner Großmutter und mir sowie ihren weiteren vier Enkelinnen, die alle heute die Leidenschaft für gutes Essen teilen. 
Damit einher ging aber nicht nur der Genuss, sondern insbesondere die Wertschätzung der reichen Erntegaben. Steckte doch jahrein, jahraus eine große Menge an Arbeit in all den guten Gaben – was im Sommer bereits um halb sechs aufstehen hieß, um zu gießen und in der Morgenfrische Unkraut zu jäten, aber auch in der Mittagshitze zu ernten, im Herbst Vorräte einzuwecken, Früchte einzukochen oder zu entsaften und – wie im Fall von Sauerkraut – zu fermentieren. Lediglich im Winter ruhte der Garten und damit auch, zumindest ab und zu, meine Oma. Und die Vorräte reichten jedes Jahr mindestens bis in den nächsten Frühsommer; und das, obwohl immer großzügig auch die Nachkommen mitversorgt wurden. 
 
"Die Oma war nie um ein hilfreiches Rezept verlegen"

Später, während des Studiums, durften wir fünf Enkelinnen uns bei unseren Besuchen nämlich selbstverständlich an den endlosen, immer gefüllten Kellerregalen bedienen – drei Gläser Sauerkraut, zwei Gläser eingemachte Kirschen, diverse Marmeladen sowie – das durfte nie fehlen – selbst gemachter Holundersaft. All diese begehrten Gaben wurden in Rucksäcke und Taschen gepackt und in Wohngemeinschaften deutscher Uni-Städte mitgenommen, dort geteilt und genossen. Nicht nur dem Holundersaft sagte meine Großmutter Heilkräfte nach – Anekdoten erzählten vom erkälteten Großonkel, der nach einem Glas von Omas „Holdersaft“ blitzartig genesen war – auch Löwenzahnhonig, Hustensirup aus schwarzem Rettich und Ringelblumen- sowie Beinwellsalbe wurden selbst gemacht, erprobt und für unschlagbar heilsam befunden. Für uns war es besonders heilsam, bei kleinen Leiden unsere Oma anzurufen, um nach Hausmitteln zu fragen. Auch hier war sie um kein Rezept verlegen – Haferschleim (heute Porridge genannt) wirke Wunder bei Magenleiden und eine kräftige Hühnersuppe mache bei Grippe und anderen Infekten ganz schnell wieder gesund. 

Meine Großeltern waren fast Selbstversorger und Naturkreisläufe – inklusive eigener Pflanzenkläranlage – waren strukturgebend in ihrem Leben. Die Dinge, die eingekauft werden mussten, weil sie nicht selbst angebaut oder hergestellt wurden, wurden sorgfältig ausgewählt: Schier für jedes Produkt hatte meine Großmutter eine spezielle Bezugsquelle: Käse und Quark vom Bio-Hof überm Berg, Rauchfleisch vom Landmetzger im Tal, Schwäbische Seelen vom Beck im Nachbarort: die persönlichen Beziehungen zum Produzenten waren mindestens genauso wichtig wie die Qualität der Produkte. Wenn, ohne an der Tür zu läuten, plötzlich der Nachbar in der Küche stand und 30 Eier vorbeibrachte (die DGE-Ernährungsempfehlung ein Ei pro Woche hat meine Oma nicht mehr erlebt), dann gab es Omelett mit frischem Schnittlauch aus dem Garten und zum Kaffee eine Biscuitrolle. Auch an Butter wurde nicht gespart und wenn sich bei mir bei einem Esslöffel Butter für das Anbraten von Kartoffeln das Umweltgewissen meldet, so merkte man bei meiner Großmutter, dass Butter und Sahne in ihrer Kindheit und Jugend nie Mangelware waren – stammte sie doch von einem Milchviehbetrieb.
 
Das Essen und die Küche als Wohlfühlort der Kindheit

Tischgespräche mit ihr drehten sich, wie könnte es anders sein, ums Essen: wer hat Tipps und neue Ideen? Warum kommt nur Bio auf den Tisch und warum geht Oma niemals zum Discounter? Was schmeckt besonders gut und vor allem, was gibt es denn heute zu Mittag und zu Abend? Was könnten wir aus den Resten noch Leckeres zubereiten? Und ist der Kuchen im Ofen schon fertig? Übers Essen zu sprechen war mindestens genauso wichtig wie zu essen. Und meine Großmutter verschloss sich dabei keineswegs modernen Entwicklungen, den Einflüssen ihrer Enkelinnen sowie neuen Produkten. So fanden Ingwer und von ihren Enkelinnen aus fernen Ländern mitgebrachte Gewürze den Eingang in ihre Gemüseküche. Bulgur, Grünkern und Hülsenfrüchte waren, seit ich denken kann, Teil ihrer Vollwertkost und nicht erst, seit diese als Trends in die Küchen Einzug hielten. Traditionelle Gerichte wie Saure Bohnen, Dampfnudeln oder Linsen und Spätzle schmeckten einfach besser bei Oma, aber auch indische Currys und italienische Pasta sowie eine vielseitige vegetarische Kochkunst waren Teil ihres Repertoires. Heute als „Soul Food“ bezeichnet, waren das Essen und die Küche meiner Oma innere und äußere Wohlfühlorte meiner Kindheit, Jugend und auch später als Erwachsene. Dabei war klar, dass das Tier, wenn es schon getötet werden musste, ganz verwertet wurde und es entsprechend – nicht immer zu unserer Begeisterung – auch mal saure Nierle, „Kuttelsupp‘“ oder Leberle gab. Dies betraf auch die eigenen Enten, die, angeschafft zur Schneckenabwehr im Garten, kurz vor dem Winter zum Weihnachtsbraten wurden.

Die Küche und alles, was sich drum herum abspielte, war der Mittelpunkt ihrer und unserer gemeinsamen Welt. Alles, was ich persönlich mit Lebensmitteln und der Zubereitung derselben emotional verbinde, habe ich von meiner Großmutter: die Sinnlichkeit und Ästhetik frisch geernteter Tomaten, eingelegter Zucchini und frisch gehobeltem Kraut, die Verwendung von Lebensmitteln in ihrer Ursprungsform, die Ganzheitlichkeit von Genuss. So war das Waschen der Essigmutter eine fast schon existenzielle Erfahrung und der sogenannte „Opa-Essig“ aus eigenem Streuobst trotzdem unverzichtbar – bis heute reichen die Vorräte und geben dem Salatdressing den unvergleichlichen Geschmack. Das Ausmaß harter Arbeit, die erbracht werden musste, um all dies so zu ermöglichen, wird mir erst bewusst, seit ich versuche, meinen eigenen kleinen Gemüsegarten zu pflegen.

Auch wenn meine Großeltern selten essen gegangen sind, nie Austern oder Hummer auf ihrem Speiseplan standen, und ihr Leben arbeitsreich war, war es ein Leben in Fülle (Johannes 10, 10). Der Reichtum von Gottes Schöpfung und die Vielfalt der Gaben der Natur sowie das Teilen dieser Gaben waren bis kurz vor ihrem Lebensende mit knapp 90 Jahren sinnstiftend für meine Großmutter. 

Das Staunen über die Fülle und die Vielfalt der Erntegaben drückt Wertschätzung aus
 
– auch im Wissen darum, dass diese Fülle, aus der wir schöpfen können, nicht selbstverständlich ist. Die damit verbundene Dankbarkeit geht einher mit Verantwortung für Schöpfung und Gerechtigkeit in dieser einen Welt. Vor dem Hintergrund globaler Krisen, die sich auch unmittelbar auf unser Ernährungssystem auswirken (seien es nicht funktionierende Lieferketten aufgrund des Krieges in der Ukraine oder klimakrisenbedingte Ernteausfälle) lädt die Schöpfungszeit mehr denn je dazu ein, Dank für die Güter der Schöpfung zu zeigen und diese gemeinsam zu feiern. 
 
Eva Jerger