Die letzte Frage

20.09.2024 |

Wie weit gehe ich aus Liebe? Eine Reise in den Nordosten Indiens

Von Pater Reinhold Maise SAC
 
Im äußersten Nordosten Indiens gibt es sieben Bundesstaaten. Sie sind nur durch einen schmalen Korridor zu erreichen, der zwischen Bhutan im Norden und Bangladesch im Süden verläuft. Der nördlichste Bundesstaat stößt an die Grenze zu China. 
Es ist eine bergige Region, die schon zu den Vorläufern des Himalaya-Gebirges zählt. Es gibt viel Regen, viel Nebel und aufgrund der bergigen Lage kann es kalt werden. Befestige Straßen gibt es nicht. Die sind im Bau. Es gibt bloße Erde, bei Regen viel Schlamm, ansonsten Staub, und viele Steine auf unbefestigten Trampelpfaden.
Die Vegetation ist subtropisch. In den Wäldern wachsen Bananen, Palmen, Baumfarne und viel, viel Bambus. Zahlreiche Wasserfälle stürzen immer wieder in die Tiefe. Hängebrücken überspannen die Täler. Es sieht sehr wildromantisch aus. Doch das ist es nicht. Diese Region ist die Heimat zahlreicher verschiedener Tribes, Stämme. Ureinwohner. Es wird geschätzt, dass im Nordosten Indiens rund 3000 verschiedene Stämme leben. Sie bauen sich ihre Häuser an den Hängen, auf Stelzen und aus Bambus. Strom gibt es für ein paar Stunden am Tag. Kein Internet, kein Telefon. Für Informationen und Nachrichten braucht es Boten und Kuriere. 
 
Wenn einer eine Reise tut ... In der weiten Berglandschaft, unweit des Himalaya, kann man sich trefflich verlieren – oder neu finden.

Seit 2008 leben in dieser Region Pallottiner an verschiedenen Orten. Zusammen mit Schwestern kümmern sie sich um Seelsorge in den Pfarreien. Sie haben Schulen gegründet, damit die Kinder überhaupt eine Chance auf Bildung haben. 
Auf meiner zweiten Reise durch Indien hatte ich die Gelegenheit, die Mitbrüder dort zu besuchen. Dort, gefühlt am Ende der Welt, verbrachte ich eine Woche. Mit dem Flugzeug kam ich in Itanagar, der Hauptstadt des Bundesstaates Arunachal Pradesh, an. Dort empfingen mich die Mitbrüder. Mit dem Auto ging es weiter. Wir fuhren von einer Station zur nächsten, immer tiefer in das Land hinein. Je weiter im Inneren, umso schlechter die Straßen, umso länger die Fahrten. Die längste mehr als zwölf Stunden– durch Matsch, vorbei an Schlaglöchern und Abhängen. 
 
"Zurücklehnen war nicht möglich"

Anfangs konnte ich die wildromantische Landschaft und die Ausblicke genießen. Auch das Abenteuer an sich. Doch das verging schnell. Die Fahrten wurden anstrengender und anstrengender. Vor allem körperlich. Zurücklehnen war nicht möglich. Irgendwann kam mir die Fahrt endlos vor. Matsch, Geröll, die Befürchtung, darin stecken zu bleiben waren permanent zugegen.
Irgendwann landete ich bei der Frage: Wie weit gehe ich aus Liebe? Was bin ich bereit, aus Liebe auf mich zu nehmen? – Ich wusste, dass meine Erfahrung hier im Nordosten, unter diesen Umständen nach ein paar Tagen vorbei sein würde. Doch was ist mit den Menschen, die hier leben? Leben müssen? Mit den Kindern, die zu Fuß lange Wege zurücklegen müssen, um zur Schule gehen zu können? Wobei die Großen die Kleineren oftmals kilometerweit tragen.
Was ist mit den Mitbrüdern, die hier leben und arbeiten? Tagtäglich. Die regelmäßig diese schlechten Wege und stundenlangen Fahrten auf sich nehmen müssen? Die trotzdem Ja sagen und bei den Menschen bleiben? 
Wie weit gehe ich aus Liebe? Was bin ich bereit, aus Liebe auf mich zu nehmen? 
Die Menschen, die hier leben, haben oft keine andere Wahl. Sie bleiben, weil es nicht wirklich eine Alternative gibt. 

Die Mitbrüder dagegen müssen sich entscheiden und diese Fragen ganz persönlich für sich beantworten. Wenn der Provinzial kommt und sie fragt, ob sie bereit sind, in diesen abgelegenen Teil Indiens zu gehen. 
Wie weit gehe ich aus Liebe? Was bin ich bereit, aus Liebe auf mich zu nehmen?
Diese Frage haben wir alle täglich zu beantworten und zu entscheiden. Ehepartner in ihrer Ehe; Ordensleute in ihren Versprechen und Gelübden; die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen …  
Wie weit gehe ich aus Liebe? Woher bekomme ich die Kraft für das, was auf mich wartet an Aufgabe, an Pflicht, an Herausforderung, für das Schwere, das mir begegnet? Für die Trauer, für die Angst, für die Verzweiflung, die auszuhalten ist? 

Wie weit Jesus aus Liebe gegangen ist, sehen wir im Kreuz. Er war bereit bis zum Äußersten zu gehen. Er war bereit, sein Leben zu geben, zu sterben. Aus Liebe. 
Das möchte ich nun nicht als Aufforderung zum Leiden verstehen nach dem Motto: Wir sind nur gute Christen, wenn wir leiden wie der Herr. Vielmehr möchte ich das Kreuz verstehen als ein Gegenüber, das mich ruft und lockt in die Liebe hinein: Wie weit kannst Du gehen aus Liebe? Und diese Frage habe ich ganz persönlich zu beantworten. Da gibt es nichts Pauschales, das für alle gilt, was letztlich wertet und bewertet. 
 
Wie weit kannst Du gehen?

Das Kreuz mir gegenüber lässt mich in die Liebe hineinwachsen. Es zieht mich in die Liebe hinein: Was kannst Du geben aus Liebe zum anderen, aus Sorge um ihn? Wie weit kannst Du gehen? Wo sind Deine Grenzen? Das Kreuz mir gegenüber hilft mir, mich ins Leben hinein immer wieder neu auszustrecken.
Das Kreuz, der Blick auf Jesus am Kreuz sagt: Es geht nicht um Leiden an sich, um das Aushalten von Schmerz, Qual, Demütigung, von Last und Beschwernis als solche. Es geht um die Frage: Wie weit halte ich all das aus und gehe damit um – aus Liebe? 
Ich bleibe bei Dir, weil Du es bist. Weil Du mir wertvoll bist. Weil Du mir am Herzen liegst. Weil ich Dich liebe. 
 
Die Lebensmöglichkeiten und das Leben selbst dort im Nordosten Indiens, dass Menschen sich diesem Leben stellen und nicht ausweichen – all das hat in mir diese Fragen ausgelöst: „Wie weit gehe ich aus Liebe? Wozu bin ich bereit?“ 
Ich bin dankbar dafür, weil ich in diesen Fragen keine Anklage erkenne, sondern Grundfragen meines Lebens als Christ. Ganz existenziell erkenne, weil direkt aus dem Leben kommend. Das Kreuz Jesu tritt mir gegenüber in seiner tiefsten Bedeutung für mein Leben.