Kindsein, Lächeln, Genuss, Obst ... Und die besten Dinge des Lebens sind alle kostenlos! Wofür alles zu danken ist, zeigen Spaziergänge im Herbstwald, Drachensteigen im Sturmesbraus oder ein Abstecher zum Markt.
Heißa, hussa – der Herbst ist da! Nichts wie raus und Drachen steigen lassen ...
„Pfalzkind“: Die Chefin am Marktstand meines Vertrauens trägt ein Motto-T-Shirt. Die Wirkung (auf mich): verblüffend. Pfalzkind! Erinnert mich sofort an „Gotteskind“! So nennt uns der Zelebrant der Sonntagsmesse regelmäßig im Hochgebet, eine Anrede, über die ich mich jedes Mal freue. Auch wenn ich mir anschließend oft die Frage stelle: Weiß ich überhaupt, „wes Geistes Kind“ ich bin?
Arbeitstage, an denen ich zuerst auf den Wochenmarkt gehe und erst anschließend ins Büro, tragen über Stunden diese besondere Stimmung: Ich war länger draußen als die Anfahrt mit dem Fahrrad dauert, ich habe schon was erlebt, mehr als „zwischen Tür und Angel“ passt. Vielleicht hat mir die „Pälzer“ Marketenderin, mit berechtigtem Stolz, ihr selbst erwirtschaftetes Sortiment vorgestellt: Blattsalate, Karotten, Lauch und Tomaten „aus eigenem Anbau“, wie das Schild verrät. Meine Fragen nach Neuerscheinungen und Verwendungszweck oder möglicher Zubereitung beantwortet sie gewissenhaft, ihre Empfehlungen schließen oft mit dem persönlichen Gütesiegel: „Die sind sehr fein!“
Ich liebe das. Da steht eine Gartenwirtschafterin am Stand persönlich ein für die Arbeit ihrer Hände – und ihrer täglichen Organisation. Landwirtschaft ist Planwirtschaft und ein Stand auf dem Wochenmarkt eine logistische Meisterleistung. Frage ich danach, wie ihrem Team der Aufbau an diesem stürmischen Herbstmorgen oder im Schneegestöber geglückt ist, bekomme ich auch dazu Auskunft – immer mit Verweis auf die großartige Unterstützung der Männer, die seit Jahren und stundenlang mit ihr dort stehen, einräumen und verkaufen, wegpacken und abbauen.
Mir selbst etwas Gutes tun: was für ein belebendes Gefühl!
Immer wieder spüre ich eine große Hochachtung in mir aufsteigen über diesen harten Job: eine Knochenarbeit, der ich niemals gewachsen wäre, so sehr ich die Gartenarbeit liebe. Vor allem bei Schönwetter ... An den Nachbarständen das gleiche, geliebte Ritual: Ich genieße die Kräuterexpertise des Fachhändlers (vor allem, wenn mich seine Söhne bedienen) und lasse mich verführen zum Kauf einer neuen Teemischung. Mit griechischen Bergkräutern, „das soll sogar Demenz vorbeugen“, sagt der Experte vor Ort. Das dann doch gerne! Denke ich mir, kaufe, packe ein und bin sodann unterwegs mit dem belebenden Gefühl, (schon bald) etwas Gutes für mich zu tun.
Nicht selten löst so ein Abstecher auf den Markt euphorisches Empfinden aus: Ich bin Teil eines größeren, sinnvollen Ganzen, ein Glied in der Kette – vom Acker bis zur Küche, vom Strauch bis zur (Tee-)Tasse. Das ist der erste Eindruck. Gefolgt von einem zweiten, der weniger übermütig daherkommt. Eher leise, ehrfurchtsvoll und demütig. Dass ich meine frischen Lebensmittel auf dem Wochenmarkt einkaufen kann, ist nicht selbstverständlich. Ich kann (und will) es mir leisten, weil ich einer fair bezahlten Arbeit nachgehe und selbst in Zeiten von Inflation und so genannten Lieferengpässen nicht jeden Cent umdrehen muss. Lebensmittel, Bildung und Kultur sind die Töpfe, wohin mein Geld geht. Weil alle drei Bereiche für mich, nahrhaft und nachhaltig sind. Weil ohne sie kein Leben ist, zumindest nicht im Vollsinn des Wortes.
Das eindrücklichste Gefühl im Nachgang zum Einkauf ist Dankbarkeit. Der Eindruck, dass die Erlebnisse und Ereignisse, die mein Leben reich und schmackhaft machen, so wenig machbar, herstellbar, käuflich oder zuverlässig und sicher zu haben sind. Sondern: geschenkt! Wie das Lächeln, die freundliche Bedienung als Teil der eingefleischten „Stammkundschaft“ – wieder bin ich Teil eines größeren Ganzen, verbunden mit Menschen, Böden und den Früchten der Erde. Mit der Schöpfung, deren Teil ich bin. Warum nur ist mir das so selten bewusst? Ein Gedicht von Eva Strittmacher, geboren 1930 in Neuruppin, gestorben 2011 in Berlin, kommt mir in den Sinn:
„Die besten Dinge des Lebens / sind alle kostenlos. Die Luft, das Wasser, die Liebe, / wie machen wir das bloß: Das Leben für teuer zu halten, / wenn die besten Dinge kostenlos sind? Das kommt vom zu frühen Erkalten, / Wir genossen nur damals als Kind Die Luft nach ihrem Werte / und Wasser als Lebensgewinn. Und Liebe, die unbegehrte, / nahmen wir herzeleicht hin. Nur selten noch atmen wir richtig / und atmen die Zeit mit ein. Wir leben eilig und wichtig / und trinken statt Wasser Wein. Und aus der Liebe machen / wir eine Pflicht und Last. Denn das Leben kommt den teuer, / der es als billig auffasst.“
Kindsein, Lächeln, Genuss und Obst ... Wofür nicht alles zu danken ist!