Wäre es wirklich gut, wenn der Tag noch mehr Stunden hätte?
Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Nutzen wir sie? Vergeuden wir sie, (wem) schenken wir sie?
Der Tag hat 24 Stunden. Schaue ich auf andere Menschen, so habe ich bei manchen den Eindruck, deren Tag habe 48 oder gar 72 oder 96 Stunden. Sie erbringen eine solche Leistung, dass es erstaunen lässt, wie sie das in so kurzer Zeit schaffen. Da wünschte ich mir manchmal, mir wäre es auch gegeben, die Zeit so nutzen zu können. Zugleich kommen aber auch Zweifel: Wäre es wirklich gut, wenn der Tag noch mehr Stunden hätte oder wenn ich immer die Zeit so vollends nutzen könnte? Würde das nicht zwangsläufig mit mehr Stress einhergehen? Die Zahl der Aufgaben könnte sich auch noch steigern. So legt es sich mir nahe: Es ist gut, wenn eine jede und ein jeder für sich das Tempo findet, das ihr oder ihm gemäß ist.
Social Media bietet heute viele Möglichkeiten der Kommunikation und auch der Zeitersparnis. Nutze ich die Öffentlichen Verkehrsmittel, so sticht ins Auge, dass fast jede Person ein Mobilfunkgerät in Händen hält und sich damit beschäftigt. Diese werden gewiss vielfältig genutzt: Die einen verständigen sich mit Bekannten, andere hören Musik, andere sondieren die ihnen zugegangenen Nachrichten, wieder andere telefonieren. Selber greife ich am ehesten auf die Möglichkeit zurück, die Zeitung im E-Paper zu lesen. Das ist für mich ein Zeitgewinn. Viel anderes kann ich während des Fahrens eh nicht tun, und die Zeit zur Zeitungslektüre muss ich dann nicht mehr daheim aufwenden. Ich kann mich vielmehr gleich meinen anderen Aufgaben widmen.
Was noch hinzukommt, ist, dass heutzutage auch die Stundenliturgie auf einer App abrufbar ist. Ich kann also auch die Gebetzeiten im ICE oder in der Straßenbahn halten, mich auf die Messfeiern oder Predigten vorbereiten. Das alles kommt meiner Zeiteinteilung sehr entgegen. Jedenfalls kann ich die Zeit des Fahrens auf unkomplizierte Weise nutzen, wie es bis vor einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht möglich war. Doch ab und zu frage ich mich auch: Was habe ich nun wahrgenommen von der Gegend, durch die wir gefahren sind? Gab es da nicht auch etwas zu beobachten? Hätte dies nicht mein Inneres bereichern können? Und wäre eine Zeit des schlichten Nachsinnens nicht auch einmal gut?
Was mich jedoch auch bedrückt, ist, dass so viel Zeit ungenutzt vergeht oder besser gesagt vergeudet wird. Ist es wirklich wichtig, mehrmals am Tag Nachrichtenportale anzuklicken, um zu erfahren, ob sich etwas Neues getan hat? Da spielt auch eine gewisse Lust am Spektakulären eine Rolle. Verläuft alles in gewohnten Bahnen, empfinden wir das schnell als langweilig. Doch ein ständiges Stöbern nach interessanten Nachrichten kann diese Langeweile ja nicht wirklich vertreiben. Und manchmal geht es auch darum, sich vor einer Aufgabe zu drücken, die schwer fällt, darum, das Anfangen hinaus zu zögern. Da wird auf einmal etwas ganz wichtig, was eher belanglos ist. Die Zeit wird dann nicht wirklich genutzt, vielmehr vergeudet.
Wäre es nicht bestens, wenn wir Zeit kaufen könnten, mehr Zeit?
Hilfreich ist gewiss ein ganz persönliches Konzept der Zeiteinteilung. Dazu kann es gehören, eine äußere Langeweile aushalten zu wollen, um die Strategie der Ablenkung und Zerstreuung zu verhindern. Das ermöglicht ein schnelles Herangehen an sich stellende Aufgaben. Es kommt auch darauf an, die Aufgaben zu sortieren, die zur Verfügung stehende Zeit zu sichten. Was kann ich wann am sinnvollsten tun? Es braucht auch Vorordnungen. Welche wichtige Erledigung stelle ich voran? Welche Kleinigkeit schiebe ich nach hinten, auch wenn sie vielleicht schnell erledigt wäre? Gehen wir sie zuerst an, dann nehmen sie nicht selten mehr Zeit in Anspruch als tatsächlich nötig ist. So kann schließlich Zeitdruck sich auch einmal als hilfreich erweisen. So manches Mal spüre ich: Da geht es dann wirklich voran. Und dann darf eines nicht ins Hintertreffen geraten: Wir brauchen nicht nur Zeit zur Erledigung unsrer Aufgaben, wir benötigen genauso sehr Ruhe und Erholung, Zeit zum Innehalten. Wie auch immer, wir haben nicht selten das Gefühl, dass die Zeit nicht reicht, wünschten, es stünde uns mehr zur Verfügung. Wäre es nicht bestens, wenn wir Zeit kaufen könnten, mehr Zeit?
Im Brief an die Gemeinde in Ephesus schreibt der Verfasser: „Erkaufet die Zeit, denn die Tage sind böse“ (5, 16). Und im Brief an die Gemeinde in Kolossä ein anderer: „In Weisheit wandelt gegenüber denen draußen, die Zeit kaufet aus“ (4, 5). Selbstverständlich geht es nicht darum, sich Zeit zu kaufen. Es gilt, die Zeit zu nutzen, so, als ob etwas Wertvolles erworben würde. Im Urtext steht das Wort „Kairos“, welches die geeignete Zeit meint. Es gilt, aus ihr etwas zu machen. Mit den „bösen Tagen“ sind im Epheserbrief die Zeiten des Weltendes gemeint, die eine Zeit der Bosheit sein werden. Im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth mahnt dementsprechend der Apostel Paulus: „Die Zeit ist kurz …, denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (7, 29. 31). Wenn wir uns auch nicht am Ende der Welt sehen – doch wer weiß –, Böses geschieht allenthalben in unserer Welt. Die Zeit recht zu nutzen, zu erkaufen, kann nur meinen, in ihr in unserem Tun und Lassen dem Evangelium, dem Wort des Herrn zu folgen.
Im Kolosserbrief wird im Zusammenhang deutlich, dass unsere Zeit befristet ist, abläuft. „Du wächst uns bleibst für immer, doch unsre Zeit nimmt ab“, heißt es in einem Lied zur Sommersonnenwende (GL 465). „Auskaufen“ meint also, die Zeit intensiv zu nutzen, gewissermaßen auszubeuten dazu, selber stets am Evangelium und an den Geboten ausgerichtet zu sein, um nach Ablauf der Zeit bereit zu sein, vor Gott treten zu können. Paulus mahnt schon im Brief an die Gemeinden in Galatien: „Lasst uns also, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen!“ (6, 6). Haben wir vorhin bedacht, dass es sinnvoll ist, sich die Zeit gut einzuteilen, so tritt hier in den Blick, worauf es dabei vornehmlich ankommt. Unser Handeln soll auf das Gute ausgerichtet sein, auf das, was wirklich anderen zu Gute kommt. Von daher ließe sich auch manches Tun und Lassen noch einmal ganz eigen bewerten und sich manches Unnütze von Nutzbringendem scheiden. Zeiten der Ruhe, Erholung und Besinnung könnten uns auch dazu dienen, uns bezüglich unsrer Zeiteinteilung neu zu orientieren. Was tut anderen gut? Was tut mir gut? Was ist unnütz oder schadet eher? Sagen wir es nochmals mit dem Lied: „… die Tage loszulassen, und was vergänglich ist, das Ziel ins Auge fassen, das du Herr selber bist.“