Vertrauen, deuten, sehen

31.10.2024 |

Die Seele weiß: Der Mensch ist offen für ein Geheimnis, größer als er selbst. Ein Impuls von Pater Anselm Grün.

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, fragen sich viele: Wie kann ich heute noch glauben, da der Glaube von allen Seiten infrage gestellt wird? Meine Erfahrung sagt mir, dass in allen Menschen eine Sehnsucht ist, zu glauben. Doch wenn viele den Glauben ablehnen, so rebellieren sie damit gegen den Glauben, wie sie ihn in ihrer Kindheit vermittelt bekamen. Andere lehnen den Glauben ab, weil sie ihre Sehnsucht verdrängen, weil sie sich in ihrer Lebensweise nicht verunsichern lassen möchten. Wir sollten der Weisheit der Seele vertrauen. Und die Weisheit der Seele weiß, dass der Glaube an etwas, was größer ist, zum Wesen des Menschen gehört, dass der Mensch von seinem Wesen her offen ist für ein Geheimnis, das größer ist als er selbst.
 
Wie finden wir den Schlüssel zum Geheimnis des Glaubens?

Wenn wir uns fragen, wie wir heute glauben können, so ist es gut, sich erst einmal darüber Gedanken zu machen, was Glauben eigentlich bedeutet. Ich möchte meinen Blick nur auf drei Aspekte des Glaubens richten, auf drei Sichtweisen, wie wir glauben können.

Glauben als Vertrauen
 
Viele Menschen haben heute das Vertrauen in die Welt, in das Leben, in eine gute Zukunft verloren. Sie fragen sich: Kann ich an Gott glauben, wenn ich das Leid in der weiten Welt, aber auch in meiner persönlichen Umgebung wahrnehme? Das Leid der Welt stellt meinen Glauben an einen Gott infrage, der als liebender Vater für uns sorgt. Durch die Kriege und all das Schreckliche, das in der Welt geschieht, wird mein Gottesbild erschüttert. Das fordert mich heraus, mich zu fragen: Was heißt dann „Glauben“? Glauben bedeutet nicht, dass ich alles verstehe, sondern dass ich bei all dem Unbegreiflichen doch darauf vertraue, dass ich in Gottes guter Hand bin. Ganz gleich, was passiert, ich werde nicht aus Gottes barmherzigen Armen herausfallen. Ich bin getragen. Und wenn ich mich selbst nicht annehmen kann, wenn ich enttäuscht bin über mich selbst, dann heißt glauben: ich vertraue, dass Gott mich bedingungslos annimmt. Wenn ich die Zusage in der Taufe „Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, an dir habe ich Wohlgefallen“ tief in mein Herz fallen lasse, dann lösen sich die Selbstzweifel auf, die mir im Alltag das Leben oft schwer machen. Dann gibt mir der Glaube mitten in den Turbulenzen und Unsicherheiten dieser Welt einen Halt. Der Glaube ist ein fester Grund, auf dem ich mitten in den Stürmen der Welt zu stehen vermag.

Glauben als Deutung des Lebens
 
Beim Glauben geht es nicht zuerst darum, dass ich an bestimmte Wahrheiten glaube. Glauben ist vielmehr eine Deutung unseres Lebens. Wir sind immer dabei, unser Leben zu deuten. Wie wir unseren Alltag erleben, das hängt von der Deutung ab, mit der wir am Morgen aufstehen und in den Tag gehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles so schwer ist, dass die Welt voller Lüge und Ungerechtigkeit ist, dann ist das eine Deutung. Und mit dieser Deutung fällt es mir schwer, den heutigen Tag zu leben. Glaube heißt jetzt nicht, alles in einem rosaroten Licht zu sehen. Die Welt ist so, wie sie ist. Ich soll sie mit offenen Augen anschauen. Aber im Glauben deute ich die Welt doch so, dass in dieser ungerechten Welt Gottes Liebe mich immer umgibt. Wenn ich mit dieser Deutung in den Tag gehe, wird mein Herz nicht beschwert von Sorgen, sondern es wird weit, weil es die Liebe Gottes um sich spürt. 

Manche sagen: Ich kann nicht glauben. Dann antworte ich: Du musst auch gar nicht glauben. Aber mach mal ein Experiment. Lebe einen Tag lang mit dem Psalmvers „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Psalm 23, 1). Du musst an dieses Wort nicht glauben. Aber lebe mal einen Tag lang so, als ob es stimmt. Du deutest dein Leben dann mit diesem Wort. Am Abend kannst Du dann überlegen: Wenn dieses Wort stimmt, wie erlebe ich dann meinen Alltag? Welche Sorgen relativieren sich dann? Der Glaube, so wie ihn die Bibel uns lehrt, will uns helfen, unser Leben von Gott her und von seiner Sorge für uns her zu deuten und nicht von den Sorgen, die uns täglich quälen. 
 
Glauben als Sehen
 
Im Johannesevangelium wird der Glaube als Sehen bezeichnet. „Seht das Lamm Gottes!“, sagt Johannes der Täufer (Johannes 1, 29). Und Jesus sagt zu den ersten Jüngern, die sich für ihn interessieren: „Kommt und seht!“ (Johannes 1, 39), Glauben heißt: in diesem Menschen Jesus Gott sehen. Darum geht es im Glauben: in allem, was Jesus tut und spricht, Gott zu schauen. Im Alltag heißt das: in den Menschen, denen ich begegne, den göttlichen Kern schauen. Benedikt verlangt von uns Mönchen, dass wir in jedem Bruder und in jeder Schwester Christus sehen. Wir legen den andern nicht fest auf die äußere Fassade. Wir sehen in den Grund. Und dort ist in jedem Menschen ein göttlicher Kern. Der Glaube an Gott muss sich daher ausdrücken im Glauben an den Menschen, im Glauben, dass in jedem Menschen, auch wenn er uns noch so böse erscheint, die Sehnsucht nach dem Guten ist, auch wenn manche Menschen diese Sehnsucht zugeschüttet haben und sich nur noch mit dem Bösen identifizieren.
 
Die Griechen haben Gott immer mit dem Sehen verbunden. „Theos = Gott“ kommt von „theorein = schauen“. Wir können Gott nicht direkt sehen, aber wir können in der Schönheit der Schöpfung Gottes Spuren schauen. Denn Gott ist das Urschöne. In jeder schönen Blume, in der Schönheit einer Landschaft schaue ich Gottes Schönheit. Der griechische Philosoph Platon ist überzeugt: Indem wir die Schönheit Gottes in der Natur schauen, kommen wir auch in Berührung mit unserer eigenen Schönheit. Platon verbindet Schönheit mit Liebe. Die schöne Landschaft, ein schöner Mensch erzeugt in uns Liebe. Und die Liebe lässt uns die Schönheit im andern, aber auch in uns selbst erkennen. Jeder Mensch ist schön. Aber er erkennt seine Schönheit nur, wenn er sich liebevoll anschaut. Wer sich hasst, fühlt sich hässlich. Wenn wir uns vom Schönen faszinieren lassen, dann ist das schon eine Weise des Glaubens. Es kommt nur darauf an, uns für das Schöne zu öffnen. Wenn wir das tun, dann erfahren wir Gott als den, der uns mit dem Schönen auch Freude und Glück gönnt. Und wir erleben Gott als den, der uns gut tut, von dem eine heilende Kraft ausgeht. Das Schöne – so ist der russische Dichter Dostojewskij überzeugt – ist heilsam für uns, es befreit uns von dem ständigen Kreisen um uns und unsere Probleme und öffnet unseren Blick für das Geheimnis Gottes, das uns immer wieder von Neuem staunen lässt.
 
Von Pater Anselm Grün OSB