Die Waffen schweigen

26.11.2024 |

Krieg zu spielen ist einfach, aber „wie spielt man eigentlich Frieden?“, fragt sich ein Kind. Erhard Bechtold, stellvertretender Dekan des Dekanats Karlsruhe, schreibt eine Frohe Botschaft für ein bisschen Weihnachtsfrieden: „We not shoot, you not shoot“.

Verletzlich wie das Menschenkind: Rote Nelken in Gewehrläufen mögen die Älteren von uns noch kennen als Symbol der Revolution in Portugal im Jahr 1974.
 
„Wie spielt man Frieden?“ Sie kennen vielleicht die Geschichte von Jörg Zink, in der von einem Mann erzählt wird, der Kinder beobachtet, die, mit Stöcken aufeinander gerichtet, „Peng, peng!“ rufen. Und der Mann, der sie da so spielen sieht, spricht sie an, sie sollen doch nicht Krieg spielen. Und dann fragen die Kinder eben etwas ratlos: „Wie spielt man Frieden?“
 
Ganz offensichtlich ist es nicht nur für Kinder schwer, „Frieden zu spielen“. Erwachsene scheinen auch im richtigen Leben eher zu wissen, wie Krieg geht, als Frieden leben und gestalten zu können. Wer von uns erschrickt zurzeit denn nicht vor den Bildern und ist verunsichert mit all den Nachrichten, die uns jeden Tag erreichen? Da ist das Heilige Land mit Raketenangriffen, da ist die mit einem Angriffskrieg überfallene Ukraine, da sind die vielen bewaffneten Konflikte, da sind Leid, Flucht, Zerstörung – all das ist eigentlich nicht zu ertragen. Wie verständlich ist da der Wunsch nach Frieden. Aber wie „spielt“ man Frieden?
 
„We not shoot, you not shoot“ – kein perfektes Englisch – „wir nicht schießen, ihr nicht schießt“ – so riefen am Heiligen Abend mitten im Ersten Weltkrieg deutsche Soldaten über die Frontlinie hinüber englischen Soldaten zu. Am 1. August 1914 hatte es begonnen, mit wehenden Fahnen und flotter Marschmusik – so sind viele Tausende junger Männer in den Krieg gezogen. „An Weihnachten sind wir wieder daheim“, hatten sie ihren Familien beim Abschied auf dem Weg zur Front zugerufen. Ein Abenteuer mit Ferienlagerstimmung – mögen manche gedacht haben. Und es wurde Dezember und an ein „zu Hause Weihnachten feiern“ war nicht zu denken. Stattdessen Kälte, Schlamm, Schützengräben – und die Sehnsucht nach dem Christbaum und den Lieben daheim.
 
„We not shoot, you not shoot“. Diese Botschaft wurde da gerufen am Heiligen Abend, um doch wenigstens ein bisschen Weihnachtsfrieden zu spüren. Und tatsächlich, es kam dazu. Die Waffen schwiegen und das „Stille Nacht“ war zu hören. Sogar ein Fußballspiel soll es noch gegeben haben.
 
Die Botschaft der Engel an die Hirten damals in Betlehem war – wenn auch nur am Weihnachtsfest – auch in den Herzen dieser Soldaten angekommen. Die Engel verkündeten es in die Dunkelheit hinein, nicht nur in die Dunkelheit der äußeren Nacht, sondern in die Dunkelheiten dieser Welt und in die Dunkelheiten, die es in so manchen Menschenherzen gibt. Damals, mitten im Krieg, hat der Weihnachtsfrieden wenigstens in einem kleinen Frontabschnitt stattgefunden. Ich habe vor kurzem Bilder im Fernsehen gesehen von Schützengräben im Donbas in der Ukraine. Wenn sie schwarz-weiß gewesen wären und man nicht einen Laptop gesehen hätte, dann hätte man denken können, es seien Bilder aus Verdun vor etwas mehr als 100 Jahren. Haben wir nichts gelernt, hat die Menschheit nichts gelernt?
 
Und es stellt sich tatsächlich die Frage, wie man erreicht, dass ein Leben in Frieden miteinander in der Welt möglich ist. „Wer den Frieden will, rüste zum Krieg“, so heißt eine römische Weisheit und meint, dass man den Frieden mit der Androhung und Ausübung kriegerischer Gewalt erzwingen muss, sonst gibt es keinen Frieden. Oder ist doch nur die Gewaltlosigkeit, womöglich der Pazifismus der richtige Weg, der zum Frieden führt?
 
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ So lesen wir es ja im Lukasevangelium und hören es an Weihnachten wieder. Und dann gibt es da eine Anklage an die Religionen, also auch an uns Christen, die sich gewaschen hat: Die Religionen sind schuld! Im Ersten Weltkrieg stand auf den Koppelschlössern der Soldaten „Gott mit uns!“ und die Kinder daheim beteten: „Hilf uns Deutschen, lieber Gott, gib uns Milch und Butterbrot. Doch der Feind im Schützengraben soll von alledem nichts haben. Mach, dass unsre Truppen siegen, dass wir wieder schulfrei kriegen.“
 
Wenn Gottesbilder blutrünstig sind, dann auch Menschen ...
 
Auch beim Attentat vom 11. September 2001 in New York waren religiöse Motive dabei. Man fand in einer Reisetasche, die versehentlich nicht in das Flugzeug eingeladen worden war, einen Zettel vom Attentäter Muhammad Atta, sozusagen eine geistliche Anleitung für das Attentat. Dort heißt es: „Wenn du an Bord des Flugzeugs gehst, wiederhole die Gebete und führe dir vor Augen, dass dies ein Kriegszug auf dem Wege Gottes ist. Du musst laut ausrufen: Allahu akbar – weil das Ausrufen von Allahu akbar in den Herzen der Ungläubigen Angst hervorruft. Wenn sich dann die wahre Verheißung nähert, zerreiße dein Gewand und lege deine Brust frei, um den Tod auf dem Wege Gottes willkommen zu heißen und sei ständig Gottes eingedenk.“
„Eine Welt mit Religionen, besonders mit Religionen der abrahamitischen Art, zu füllen, bedeutet so viel wie die Straßen mit geladenen Waffen zu verschmutzen. Wundert euch nicht, wenn sie benutzt werden“, sagt Richard Dawkins, Evolutionsbiologe und Religionskritiker.
 
Manche Bilder von Gott in der Menschheitsgeschichte waren grauenvoll, blutrünstig, Opfer fordernd. Und so haben sich auch Menschen in ihrer Gewaltanwendung als Werkzeuge Gottes gesehen. Aber es gab auch immer Götter, die besänftigen und menschliche Gewalt kanalisieren. In den Hochreligionen kommt es zu neuen Entwicklungen im Blick auf Deutung, Eingrenzung und Überwindung von Gewalt. Alle Religionen enthalten auch wichtige Friedenspotentiale. Mit dem Glauben an den einen Gott verband sich die Abschaffung der Menschenopfer, das Tötungsverbot, die Überzeugung, dass alle Menschen eine gleiche Würde haben und die Vision einer gerechten Welt für alle.
 
Weil wir Menschen von Natur aus zu Gewalt neigen, ist gerade diese friedensstiftende Kraft der Religion von besonderer Bedeutung. Alle irdischen Reiche sind auch immer von Gewalt und Krieg geprägt, das Reich Gottes, das Jesus verkündete, ist ein Friedensreich. Indem Jesus das Böse mit Gutem vergilt, unterbricht er das Endlosband von Gewalt und Gegengewalt und eröffnet einen Weg, die Macht des Bösen zu überwinden. Jesus selbst erleidet Gewalt, schlägt aber nicht zurück. Er weist den neuen Weg: Es ist besser, Opfer von Gewalt zu werden, als Gewalt anzuwenden, so ist Jesu Weg. Er legt sein Schicksal in die Hand Gottes. Er hofft, dass Gott dafür sorgen wird, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Hier wird ein Gott verkündet, der auch auf Gewalt noch einmal gewaltfrei reagiert.
 
„Wie spielt man Frieden?“, haben die Kinder gefragt. Da haben Soldaten im Ersten Weltkrieg mitten im Krieg ein Fußballspiel miteinander begonnen. Wie gut, wenn wir im anderen Menschen nicht den Feind, sondern immer den Mitspieler, den Mitmensch, der auch Kind Gottes ist, wie ich es bin, sehen. Wenn dieser Mensch auch zu unserem „Lebensspiel“ dazu gehören darf, dann ist Friede auf Erden.
 
Erhard Bechtold
ist Stellvertretender Dekan des Dekanats Karlsruhe.