Ankommen bei uns und bei ihm: Vielleicht ist es ratsam sich klarzumachen, dass zur Zeit Jesu Palästina Besatzung, Terror und Gewalt erlebte. In diese Welt hinein sind jene Worte gesprochen, die das Herz der Weihnachtsbotschaft sind. Sie standen schon damals in krassem Gegensatz zur Lebenswirklichkeit der Menschen.
In einer Welt, die erschüttert ist von Kriegen, Hass und Gewalt bereiten wir uns auf das Fest der Geburt Jesu vor. Das ist nicht leicht angesichts des unermesslichen Leides. Und doch ist es gerade jetzt notwendig, innezuhalten und uns zu fragen, was dieses Fest uns sagen kann, auf das wir zugehen, ohne dass wir Traurigkeit und aufkommende Resignation verdrängen. Vielleicht ist es ratsam, dass wir uns zuerst klar machen, dass zur Zeit Jesu Palästina Besatzung, Terror und Gewalt erlebte. In diese Welt hinein sind jene Worte gesprochen, die die Mitte der Weihnachtsbotschaft sind: „Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden wird. Denn heute ist euch in der Stadt Davids ein Heiland geboren …“ (Lukas 2, 10-11). Sie standen schon damals im krassen Gegensatz zur alltäglichen Realität der meisten Menschen. Doch Lukas will mit dem „Heute“ der Geburt Jesu zweifellos jene Kunde, die quer steht zu aller augenscheinlichen Erfahrung, vergegenwärtigen, sie auch in das Jahr 2024 hineinsprechen.
Es erscheint wie ein Komet: Das Unvorhergesehene im Alltag
Wenn wir nicht die Augen verschließen wollen vor dem, was um uns – und wohl auch in uns – geschieht, dann gilt es gerade in den Wochen des Advents, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, wo und wann wir erleben, dass Unvorhergesehenes in unseren Alltag, unsere Sorgen und Ängste einbricht, mag es auch nur kurz gleichsam kometenhaft erscheinen. Das geschieht sicher auch, wenn wir in das Gesicht eines neu geborenen Kindes schauen. Lässt uns das kalt? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Geburt eines Kindes davon spricht, dass es weitergeht, dass es Zukunft gibt, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben, wenn es darum geht, das Leben lebenswert und sinnvoll zu finden? Denn das ist die Botschaft des adventlichen Propheten Jesaja, dass es Zukunft gibt, weil Gott ist.
Der Umgang mit Kleinkindern lehrt vieles und zuweilen weckt er auch die Sehnsucht nach der eigenen, heilen Kindheit.
Die Sehnsucht wird entfacht nach einer heilen Kindheit
Und doch ist für viele Menschen diese Sicht auf das Kind versperrt. In meinen Gesprächen erlebe ich so oft, dass das innere Kind erst mit Mühe entdeckt werden muss, dass es vergessen und verdrängt wurde, weil es mit seiner Not und Hilfsbedürftigkeit nur gestört hätte. Denn für die Eltern galt ja, alle Kraft in die Aufgaben zu investieren, die alltäglich erledigt werden mussten. Aber nun meldet es sich bei der Vorbereitung auf Weihnachten. Denn jetzt kommen die Erinnerungen an die schöne Vorbereitungszeit auf das Fest mit Adventskranz und die Türen des Adventskalenders in der Kindheit, welche die üblichen täglichen Erfahrungen des Nicht-gesehen-werdens, des Im-Weg-Stehens oder gar Sich-überflüssig-Fühlens unterbrachen. Nun wird die Sehnsucht nach einer heilen Kindheit, nach bedingungslosem Geliebt werden so wie man ist, wieder entfacht durch Kerzen und vertraute Lieder. Aber sie trifft auf die harte Realität des jetzigen Erwachsenenlebens und zerbricht in Gefühlen des Aussichts- und Hoffnungslosen. Ich denke, es ist nicht falsch, gerade in diesen Wochen, in der unsere Umgebung schon ganz in weihnachtliche Stimmung gehüllt ist, auch an die Menschen zu denken, die jene Zeit eher als Belastung erleben und ihr am liebsten entfliehen wollen (was ja viele auch tun). Wie sollen sie damit umgehen, dass sich da ein trauriges oder wütendes inneres Kind Gehör verschaffen will, statt freudige Erwartung zu spüren?
Die Versuchung ist groß, bedrückende Gefühle zu unterdrücken
Auch wenn es schwer ist: Es gilt nun, sich diesem inneren Kind zuzuwenden und ihm Verständnis und Mitgefühl zu zeigen. Dazu trete ich mit ihm in einen inneren Dialog, stelle es mir vor und rede zu ihm wie zu einer anwesenden Person. Dieses Kind braucht unsere Liebe, die würdigt, was es gelitten hat. Und es darf erfahren, endlich gehört und angenommen zu werden. Freilich, die Versuchung ist groß, die bedrückenden Gefühle zu unterdrücken, oder sie mit Alkohol und Fernsehkonsum zu überdecken. Und doch ist die Annahme dieses Kindes der Weg, um durch das Dunkel zum Licht, von der Traurigkeit zur Freude zu finden. Nie ist das Dunkel so tief und das Licht so hell wie in der Adventszeit. Es ist dann keine laut jubelnde Freude, keine künstliche und aufgesetzte, sondern ein innerlich Zur Ruhe kommen und Warten, was ankommen will im Herzen. Und dann könnte es geschehen, dass Hoffnung aufkeimt wie bei den Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft, denen Jesaja Mut zuspricht, auf Gottes größere Möglichkeiten zu vertrauen. Denn das ist doch die Mitte des adventlichen Wartens, dass Gott ankommen will bei uns als göttliches Kind, um uns zu trösten und zu heilen. Helmut Jaschke