Ort der Solidarität

11.12.2024 |

In der Herberge kein Platz, aber bei uns im Stall: bei der Familie, die zusammenrückt. Und sich dem Neuen öffnet. Die teilnimmt am Leben der Fremden und Anderen.

Von Michael Hartmann
 
Viele Bilder prägen die Weihnachtszeit. Sie sind oft vertraut und liebgewonnen. Gerade in krisenhaften Zeiten hilft Vertrautes. Es schenkt Sicherheit und kann eine Stütze in schwierigen Momenten sein. Selten hinterfragen wir deshalb diese Bilder und Geschichten auf ihren Wahrheits- oder Realitätsgehalt hin. Und im Alltag gibt es ebenso nicht hinterfragte Bilder und Aussagen. Denn eine kritische Nachfrage erzeugt immer erstmal Irritation, wenn sie Selbstverständliches in Zweifel zieht. Und nicht selten blocke ich sie aus diesem Grund ab. Mir Liebgewordenes darf nicht in Zweifel gezogen werden. Manchmal aber tauchen Sätze und Überlegungen wie zufällig auf, die mich stutzig machen, irritieren, gewohnte Muster hinterfragen und mich deshalb in Gedanken länger begleiten. Je länger diese Gedanken bei mir wirken, umso mehr ändert sich nach und nach auch meine Wahrnehmung auf das Gewohnte. 
Im Laufe dieses Jahres begleiteten mich zwei solcher Aussagen. Sie schärften zunehmend meinen Blick auf meine Arbeit, die darin besteht, eine neue Art von Kirche in einem gerade entstehenden Freiburger Stadtteil zu entwickeln.
 
Nicht die Einsamkeit steht am Beginn, sondern die Solidarität

Im letzten Advent las ich in einer Meditation zur Weihnachtsgeschichte die Aussage: „Der Stall ist nicht weit draußen, der Stall ist im Haus der Familie, die die Neuen zu sich aufgenommen hat. Nicht die Einsamkeit steht am Beginn, sondern die Solidarität“ (Christ in der Gegenwart 51/2023). Der Artikel „Es beginnt mit Solidarität“ stammt von der Theologin Annette Jantzen. Sie wirft einen anderen Blick auf die Herberge und den Stall. Die Begriffe stellt sie in ihren ursprünglichen Kontext der israelitischen Lebenswelt. In Israel gab es damals in der Regel nur Ein-Raum-Häuser. Die Herberge bezeichnet von daher den angebauten Raum für zahlende Gäste, wenn jemand die finanzielle Möglichkeit für diesen Anbau hatte. Der Stall, das heißt der Ort mit der Futterkrippe, ist hingegen der ureigene Raum der Familie. Die Familie lebt mit den Tieren zusammen, nur abgetrennt durch die Futterkrippe. Der Satz „sie legten ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz mehr für sie war“ kann dann als ein Akt der Solidarität der Menschen gelesen werden: Der bezahlte Raum ist belegt. Die Familie rückt zusammen, damit die junge Familie einen Schlafplatz im doch eigenen Haus hat. Aus Sicherheitsgründen wird das Kind in die Krippe gelegt.

Das aus den Krippenspielen gewohnte Bild der grimmigen Herbergswirte, die Menschen abweisen und sie in die Einsamkeit des heruntergekommenen Stalles außerhalb des Dorfes verweisen, wird in diesem Fall abgelöst von einer Vorstellung des solidarischen Miteinanders. Der Raum wird mit denen geteilt, die in Not sind und ihn benötigen. Dieser Akt der Solidarität wird für die hinzukommenden Hirtenfamilien zum Zeichen für Frieden auf Erden und zur Erfahrbarkeit von Gottes Nähe.
 
„Wir erkannten, dass unsere Kirche ein gemeinsamer Ort für alle ist“
 
Der zweite Satz, der mich begleitet hat und aufhorchen ließ, stammte aus dem Mund einer englischen Freundin, die wir im Sommer besuchten. In ihrer Heimatstadt steht eine der kleinsten Kirchen in England. Die alte, anglikanische Kathedrale hatte in den letzten Jahren immer weniger Besucherinnen und Besucher, so dass die plausible Frage aufkam, wie sie weiter erhalten werden könnte. In dieser Phase entdeckte die Gemeinde von Neuem die Tatsache, dass ihre Kathedrale nicht nur den Gottesdienstbesuchenden, sondern letztlich der ganzen Stadt gehört: „We realized our Church as a common ground.“ Übersetzt heißt es etwa: „Wir erkannten, dass unsere Kirche ein gemeinsamer Ort für alle ist.“ „Common“ bedeutet in diesem Fall auch „Kommune“ im weiteren Sinne. Deshalb steckt dahinter die Bedeutung, dass die Kirche, also das Sakralgebäude, als ein öffentlicher Raum des Dorfes, der Stadt, des Stadtteils zu verstehen ist. Dieser Gedanke brachte die kleine Gemeinde dazu, ihre Kirche mit kleinen Schritten umzuändern. Zuerst nahmen sie die Kirchenbänke heraus und stellten Stühle hinein. Dann bauten sie eine Küche und Toiletten an. Plötzlich konnte die Schule dort Mittagessen anbieten oder es konnten Feste im Raum gefeiert werden. Transportable Tische wurden in die Kirche gestellt. Die Beleuchtung geändert. Das alles mit recht einfachen Mitteln, so dass der Raum besser nutzbar war. Irgendwann fand die erste „Silent Disco“ statt, ein Tanzabend, bei dem die Teilnehmenden über Kopfhörer Musik hörten und tanzzen. Jeder und jede hört unterschiedliche Musik und doch gibt es ein gleichzeitiges Erleben. Daneben gab es ein Buffett und eine Cocktailbar – antialkoholisch, versteht sich. Die Leute aus der Stadt nahmen die Angebote dankbar an und die Kirche ist dadurch seitdem immer wieder voller Menschen. 
 
Die Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig lädt als erste offizielle „Her(r)bergskirche“ des Thüringer Waldes Wanderer und Radler zum Übernachten ein. Daneben versteht sie sich als soziokulturelles Zentrum für die Region. Es finden Konzerte, Lesungen, Feste, Vorträge und Filmvorführungen statt.
 

Beibehalten wurde eine Seitennische für das stille Gebet. Einfach mit einem Vorhang abgetrennt, und trotzdem ist das „Sakrale“ dieser Nische spürbar und wird respektiert. Einerseits wirkt der ganze Raum zwar mit den vielen Gegenständen etwas unkoordiniert, andererseits schenkt die Architektur den Anlässen eine besondere Würde und Schönheit. Hinzu kommt, dass zu fast jeder Zeit eine Person da ist, die eintretende Menschen anspricht oder ansprechbar ist – Ehren- oder Hauptamtliche. Für die Gemeinde ist dieser Begrüßungsdienst eine entscheidende Aufgabe ihres aktiven Gemeindelebens. Und diese Begrüßung ist herzlich und zweckfrei. Der Raum soll allen einen gastfreundlichen Platz bieten. 

Der Stall als Ort der Solidarität und die Kirche als gemeinsamer Raum stehen für mich für ein Kirchenbild, das eine neue Dynamik ausdrückt. Mein vertrautes Bild einer Kirche, eines Sakralraums hat sich dadurch verändert. Was würde denn geschehen, wenn wir unsere Kirchenräume öffnen würden, für die Menschen, die dieses Raumes bedürfen? Was wäre, wenn die Kirche als ein Ort erfahrbar wäre, an dem alle Menschen Solidarität erleben könnten, das Alleinsein aufgehoben würde, keine Leistung erbracht werden müsste und kein zwingender Nutzen im Vordergrund stünde, sowie jeder und jede freundlich angesehen würde?
Es gibt einige Projekte, die diese Öffnung der Kirchenräume beispielhaft umzusetzen versuchen. Das ist nicht immer einfach. Vielleicht wäre es aber einen Versuch wert, zumindest in der Spur der zwei Bilder, die mich 2024 begleitet und geprägt haben, eine neue Herangehensweise für das Weiterleben unserer Kirchen einzuüben: In der Herberge ist zwar kein Platz, aber hier bei uns im Stall.
 
Michael Hartmann ist Pastoralreferent in der Kirchengemeinde Freiburg Südwest.