Wer den Spannungen und Belastungen des Lebens nicht ausweicht, erfährt das Wunder von Weihnachten. Gedanken aus einer Meditation zu Weihnachten von Alfred Delp.
„Das Weihnachtsfest war immer schon vielen Missverständnissen ausgesetzt. Oberflächlichkeiten, familiäre Geborgenheit, idyllische Krippenspielerei u. a. m. haben den Blick verstellt auf das ungeheure Geschehen, von dem dieses Zeugnis gibt. In diesem Jahr sind die Versuchungen zum Idyll wohl weniger groß. Die Härte und Kälte des Lebens hat uns mit früher unvorstellbarer Wucht gepackt. Und mancher, dessen Wohnung nicht einmal den Kälteschutz des Stalles von Bethlehem mehr aufbringt, vergisst die Idylle von Ochs und Esel und kommt vielleicht vor die Frage, was eigentlich geschehen sei (...)
„Lasst uns dem Leben trauen, weil diese Nacht das Licht bringen musste.“ Die Sehnsucht ist groß, dass das Licht alles erhellt und jeden.“
Man muss gerade Weihnachten mit einem großen Realismus feiern, sonst erwartet das Gemüt Wandlungen, für die der Verstand keine Begründungen weiß (...) Der Gott, dessen Ankunft wir feiern, bleibt der Gott der Verheißung (...) Das ist (...) eine der tragenden und zugleich quälenden Spannungen unseres Daseins: dass der Mensch vieles weiß und vernommen hat und doch keine Herberge findet (... Immer) wieder überkommt ihn (...) die Vermutung, die oft sehr unangenehme Ahnung, dass der Weg noch nicht zu Ende ist (...) Der Mensch muss weiter, muss wandern, um den Preis seines Lebens. Ein zu früher Halt wäre zugleich sein Tod, sein metaphysischer und religiöser Ruin.
"Im Wort bleiben, unerschüttert und unermüdet, ist die große Antwort, die ein Mensch Gott geben kann"
(... Es ist immer) wieder unser Schicksal: Da haben wir Verheißungen gehört und Botschaften geglaubt und Sendungen gespürt, und plötzlich hängen wir allein im Schicksal. Das passiert so im Menschenleben. Auch im Christenleben? Sollte es nicht gerade da ganz anders sein und ganz gelten? Aber es ist so. Und gerade dies sind die Entscheidungsstunden für den Wert und Unwert unseres gläubigen Daseins. Wider das Zeugnis der Steine, an die unser Fuß gestoßen, wider das Zeugnis der Geißeln, die uns blutig geschlagen, wider das Zeugnis der Ketten, die uns binden, im Wort bleiben, unerschüttert und unermüdet stehenbleiben: Das ist die große Antwort, die ein Mensch Gott geben kann. Und nach der Gott jeden Menschen fragen wird. Jeden. Es wird keinem geschenkt, der wach und erwachsen vor Gott dem Herrn gelten soll. Hundertfältig stellt Gott heute diese Frage. Dass wir fähig seien, die Antwort zu geben. Die Tugend der Unermüdlichkeit ist anstrengend. Aber sie erst macht den Menschen gottesfähig. Und öffnet ihm auch die Augen für die eigentliche Wirklichkeit Gottes.
"Das Antlitz der Welt und des Lebens wird mütterlicher und väterlicher ..."
Und wo dies vom Menschen ehrlich versucht wird, da gewinnt die Welt ein neues Gesicht. Die starren Züge innerweltlicher Kausalität, logischer Verknüpfung und Notwendigkeit lösen sich. Das Antlitz der Welt und des Lebens wird mütterlicher und väterlicher. Es beginnt jenes Geheimnis der hundert und hundert kleinen Aufmerksamkeiten, mit dem Gott den Menschen umsorgt. Die Dinge und Zusammenhänge bleiben in ihrem Lauf und in ihrer Sicherheit, und doch geschieht in ihnen und ihrer leisen Abstimmung zu einem neuen Ergebnis die väterliche Sorge, die Gott denen zuwendet, die seinen Fragen gewachsen waren. Der Mensch erfährt auf einmal, dass der Lauf der Welt nicht mehr seinen universalen Anblick hat und seine allgemeine Gültigkeit, sondern dass die Dinge mehrdeutig und mehrwertig sind. Im persönlichen Dialog zwischen Gott und dem Menschen, der Höchstform menschlichen Lebens, haben die Ereignisse einen ganz anderen Stellenwert als im allgemeinen Geschehen. Und beides geschieht zu Recht: dass der eine nur eine banale Alltäglichkeit bemerkt und dem andern das gleiche Geschehen ein Zeichen der Erbarmnis und der Führung ist (...)
Als Letztes gilt: Der Mensch ist nicht mehr allein. Der Monolog war nie die gesunde und glückhafte Lebensform des Menschen. Der Mensch lebt nur echt und gesund im Dialog. Alle diese Mono-Tendenzen sind vom Übel. Aber dass das Bestehen der Spannungen des Daseins und der Lasten Gottes den Menschen nun in den Dialog mit Gott beruft, das überwindet die schrecklichste menschliche Krankheit: die Einsamkeit, endgültig und wirklich. Es gibt keine Nächte mehr ohne Licht, keine Gefängniszellen ohne echtes Gespräch, keine einsamen Bergpfade und gefährlichen Schluchtwege ohne Begleitung und Führung. Gott ist mit uns: So war es verheißen, so haben wir geweint und gefleht. Und so ist es seinsmäßig und lebensmäßig wirklich geworden: ganz anders, viel erfüllter und zugleich viel einfacher, als wir meinten. Den Lasten Gottes soll man nicht ausweichen. Sie sind zugleich der Weg in den Segen Gottes. Und wer dem herben und harten Leben die Treue hält, dem werden die inneren Brunnen der Wirklichkeit entsiegelt und ihm ist die Welt in ganz anderem Sinn nicht stumm, als er ahnen konnte. Die Silberfäden des Gottesgeheimnisses alles Wirklichen fangen an zu glänzen und zu singen (...) Gott wird Mensch. Der Mensch nicht Gott. Die Menschenordnung bleibt und bleibt verpflichtend. Aber sie ist geweiht (...) Lasst uns dem Leben trauen, weil diese Nacht das Licht bringen musste. Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“
Hintergrund von Andreas Feige Die Meditation zu Weihnachten folgt der gleichen Logik wie die geistlichen Texte des Advents. Alfred Delp ist davon überzeugt, dass der Mensch im bewussten Durchleben von Spannungen und Belastungen in der Ausrichtung auf Gott drei Dinge erfährt:
(1) Er erfährt, dass er auf diesem Weg nicht allein ist, sondern Gott begegnet.
(2) Er erfährt, dass diese Begegnung eine Kraft freisetzt, die ihn unterstützt.
(3) Er erfährt Befreiung.
Diese Erfahrung gleicht einem Durchbruch, einer Verwandlung des Menschen, die zwar die äußeren Ursachen der Belastungen und Spannungen nicht verändert, sie aber dennoch wirklich zu lösen vermag. Zentral ist für Delp, dass der Mensch diese Erfahrung nicht selbst erzeugen kann. Dafür muss er anerkennen, was Delp auf die Formel bringt: „Gott wird Mensch. Der Mensch nicht Gott.“ Nur in der Ausrichtung auf Gott kann das ständige Kreisen des Menschen um sich selbst enden und das göttliche Licht seinen Weg finden.