Paul Celan hatte sich gegen Gott gewandt, doch das Herz hoffte ...
„Einmal, / da hörte ich IHN, / da wusch er die Welt.“ Welche eine ungeheuerliche Vorstellung, die in diesen Versen anklingt, ein die Welt waschender Gott, ein Gott, der das Unheil und Übel von uns fortschafft. Der bibelkundigen Leser mag sich hier an die Sintflut-Geschichte der Genesis erinnert fühlen, oder auch an die Johannesapokalypse. Gott, der in das Geschehen der Welt eingreift, und sei es nur so, dass jemand ihn hören kann, der nun Zeugnis gibt. Die Person, die ein Gedicht mit diesen Versen beginnt, ist ein Autor, den gemeinhin niemand mit religiöser Dichtung in Verbindung würde. Es ist Paul Celan, bekannt als der Dichter der immer wieder als „Jahrhundertgedicht“ bezeichneten „Todesfuge“, bekannt auch für ein eher sperriges, hermetisches Werk. Manche Interpreten, wie etwa der französische Altphilologe Jean Bollack, haben Celans Werk explizit und harsch jeden religiösen Bezug abgesprochen und ihn gegen die scheinbare Vereinnahmung durch Theologen verteidigt. So einfach ist es aber nicht. Celan hat in sein Werk mehrere ganz offensichtlich religiöse Gedichte eingestreut, und einige treten durch den jeweils gleichen Titel, „Einmal“, über einen größeren Schaffenszeitraum hinweg zueinander in Beziehung.
Eingeleitet wird diese Folge aber durch die persönliche Begegnung Celans mit Nelly Sachs, die Enzensberger in einem Erinnerungstext eine „Seherin“ genannt hat. Wie Paul Celan ist auch Nelly Sachs als jüdische Dichterin in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen, die das Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg zum Thema ihres Schreibens gemacht hat. Paul Celan und sie beeinflussten einander in ihren bedeutenden Werken gegenseitig, ihr Briefwechsel gibt uns eine Vorstellung davon.
Was für eine berührende Vorstellung: Gott reinigt behutsam die Welt, spült alles Unheil und Übel von uns weg …
Nach ihrer ersten persönlichen Begegnung in Zürich schrieb Celan ein berühmtes Gedicht über seine Zwiesprache mit Nelly Sachs, „Zürich, zum Storchen“, in dem eine Strophe lautet:
„Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
ließ das Herz, das ich hatte,
hoffen: auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort-“
Dass die 1966 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Nelly Sachs eine religiöse Autorin war, ist bekannt; ihre beiden religiös-mystischen Spätwerke „Glühende Rätsel“ und „Teile dich, Nacht“ haben ihr Bild in der Öffentlichkeit mitgeprägt. Gott und das hoffende Herz, von denen in diesem an Nelly Sachs gerichteten Gedicht die Rede ist, sollten nun im Schreiben Paul Celans eine Fortsetzung erfahren.
„Einmal,
da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.“
So beginnt das Gedicht „Einmal“, das in dem Band „Atemwende“ als einzelnes Gedicht einen ganzen Zyklus darstellt und so von Celan besonders hervorgehoben wird. In der ersten Fassung des Gedichtes ist das „ihn“ noch in Großbuchstaben geschrieben, der Gottesbezug also eindeutig. „Ungesehn“ und „wirklich“ kontrastieren miteinander, das Zeugnis ergibt sich aus dem „Hören“. Es dauert an, lässt sich vergewissern, „nachtlang“, kann keine Einbildung sein, es ist „wirklich“. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, die sich in dem Zürich-Gedicht für Nelly Sachs schon vorankündigte: „Licht war. Rettung.“
Dieser so lichtvolle und helle Schlussvers lässt in einem sonst eher dunklen und schwermütigen Werk aufhorchen. Das „Hoffen des Herzens“ auf „sein Wort“ scheint sich erfüllt zu haben, das Gedicht gibt Zeugnis davon.
In dem Gedichtband, der auf „Atemwende“ folgte, „Fadensonnen“, war erneut ein Gedicht mit dem Titel „Einmal“ enthalten: „Einmal, wars das Leben…“, es wurde aber für den schließlich publizierten Band wieder aussortiert.
Dort, wo Licht war, wurde Rettung
Für Celan zur Veröffentlichung vorgesehen war schließlich ein drittes Gedicht gleichen Titels, aus dem posthumen Band mit dem sehr sprechenden Titel „Lichtzwang“, dessen Druckfahnen der Dichter noch selbst korrigiert hatte. Es ist ganz kurz:
„Einmal, der Tod hatte Zulauf
verbargst du dich in mir.“
Wer ist es, der sich hier verbirgt? Paul Celan hatte in Czernowitz die Verfolgung und Deportation der Juden während der deutschen Besatzung erlebt, darunter die seiner Eltern. Er selber konnte in einem rumänischen Arbeitslager, ständig von der Verschleppung bedroht, diesem Schicksal nur knapp entgehen. Dass Celan kurz vor seinem Tod erneut auf die „Einmal“-Situation zurückkommt, greift vielleicht die gleiche Erinnerung auf, die schon im „Zürich zum Storchen“-Gedicht zur Sprache kommt. Nicht gegenüber Nelly Sachs hatte er „gegen ihn“, gegen Gott gesprochen, sondern früher, und der Freundin dann von dieser Erinnerung erzählt. So wurde die Spur gelegt, die in den „Einmal“-Gedichten immer wieder aufgegriffen wurde. Davon erzählte er. Angesichts des Leidens hatte er sich gegen ihn gewandt, gegen Gott, doch das Herz hoffte auf den Zuspruch, „hadernd“ gleichwohl, und „umröchelnd“. „Einmal, das hörte ich ihn, da wusch er die Welt“, die mit dem Tode bedrohende Welt. Und es gab das Überleben, das Licht, die Rettung.
Das späte „Einmal“-Gedicht nun wechselt die Perspektive. Wie bisweilen in den Psalmen, etwa dem 121sten Psalm, in dem erst ein Betender zaghaft fragt, woher denn die Hilfe kommen könne, und die Antwort dann von anderswoher gesprochen kommt und mitteilt: „Deine Hilfe kommt vom Herrn“, so ist es auch hier eine andere Stimme, die spricht. Es ist nicht mehr der, der Zeugnis gibt von der „Einmal-“, der Gottessituation, sondern es ist der damals Hörbare selbst, der nun spricht: „Einmal (…) verbargst du dich in mir.“
Was tut der in Not Geratene anderes, wenn er, wie in den Klagepsalmen, um Beistand fleht, als sich in Gott zu verbergen? Der so Angeflehte, der „Umröchelte“ ist es, der sein Wort gibt, darin die Hoffnung liegt, Rettung und Licht. Und so sind diese Einmal-Gedichte vielleicht auch dies: ein Selbstzuspruch des Dichters Paul Celan, der immer wieder einen Augenblick vergegenwärtigt, der zuerst im Gespräch mit Nelly Sachs in Erinnerung gerufen wurde, und bei dem im Gerettet-Werden einmal Gott gegenwärtig war. „Einmal, der Tod hatte Zulauf, / verbargst du dich in mir.“
Besser als in diesem Bild, in diesem „Sich-in-Gott-Verbergen“, kann der Wirkungsraum des Gebetes nicht ausgedrückt werden.