Ausgegossen über das Fleisch

30.05.2025 |

Auf dem Pfingstweg können wir erkennen: Ohne IHN ist alles Nichts
 
 

Mit Wasser und mit Geist getauft, leben wir im Geheimnis des christlichen Glaubens.
 
Vor einem Jahr, in der österlichen Zeit, ist mein Zwillingsbruder gestorben. Nun geht es wieder auf Pfingsten zu. Wir fragen uns, was das heißt: um das Kommen des Geistes in unser von Traurigkeit, Kriegen und Ängsten gezeichnetes Leben zu bitten, den „Tröster in Verlassenheit“ zu erflehen?
 
Dass der vom Auferstandenen verheißene Geist in unsere Herzen kommen will, ja kommen muss, wenn wir lebendig sein wollen, hat der Autor der Pfingstsequenz klar und unmissverständlich formuliert:
 
O seligstes Licht,
Erfülle das Innerste des Herzens
Deiner Gläubigen.
Ohne dein göttliches Walten
Ist Nichts im Menschen,
Ist nichts unbeschädigt.(Eigene Übersetzung aus dem lateinischen Text.)
 
Was aber haben wir in unseren Herzen, dass dort oft kein Raum mehr, kein Platz ist, um dem Geist Wohnstatt zu bieten? Die Pfingstsequenz benennt Einiges davon, wenn sie die Bitten an den Heiligen Geist aufzählt: Schmutz, Trockenheit, Verwundungen, Starrheit, Kälte und Verirrung. Dazu eine Traurigkeit, die dieses Herz völlig zu besetzen droht.
 
Womöglich haben wir uns in der vorösterlichen Bußzeit bemüht, vieles davon anzuschauen und zu verändern. Dennoch bleibt vermutlich eine Wunde, die nicht verheilen will. Doch ich spüre, dass der Schmerz nicht davon entbindet, zu fragen, ob unser Bemühen reicht, um uns dem Wirken des Geistes ganz zu öffnen.
 
Was die Pfingstsequenz als den Zustand unseres Herzens benennt, geht wohl tiefer und ruft geradezu nach einer Herztransplantation, von der bereits der Prophet Ezechiel gesprochen hat: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“ (Ezechiel 16, 26). Weil wir es nicht selbst machen können, ist das inständige Flehen notwendig, Gott selbst möge durch seinen Geist heilen, was verwundet ist, trösten, wo die Traurigkeit überhandnehmen will.
 
Freilich drängt sich die Frage auf, was wir denn selbst beitragen können, um in unseren Herzen Raum zu schaffen für das Innewohnen des Geistes, ohne den im Menschen „Nichts“ ist. Eine erste Hilfe könnte sein, dass wir uns vergegenwärtigen, dass die Heiligen Schrift für Geist, Atem und Wind dasselbe Wort gebraucht. Wenn wir zur Ruhe kommen, in der Stille uns sammeln und unsere Aufmerksamkeit auf das Kommen und Gehen des Atems richten, dürfen wir spüren, dass der Geist selbst in uns wehen will, dass ER in uns atmet.
In der Konzentration auf uns selbst und ohne Ablenkung durch anderes, mag so manches in uns aufsteigen, das wir als Verwundung, Starrheit oder inneres Frieren erleben, das uns beunruhigt oder gar verwirrt. Dann sollten wir selbst zu erkennen suchen, was uns zu schaffen macht, welcher „Seelenmüll“ sich in unserem Herzen angesammelt hat und dem Geist den Platz verwehrt. Ein schwieriges Unterfangen, wenn schmerzliches Erleben alles andere zu verdrängen sucht. Aber wie anders sollten wir unsere Angst und Unruhe beruhigen, als dass wir unsere Armut begreifen, um die der Geist als „Vater der Armen“ weiß und nicht müde werden, um den Geber der Gaben und das Licht des Herzens zu bitten.
 
In diesen Tagen wird klar wie nie zuvor: Vor der Frage, wie unser verletztes Leben vor IHM Halt und Sinn haben kann, wird alles andere unwesentlich und unwichtig. So ist unsere Bitte um das Kommen des Geistes im wahrsten Sinne des Wortes Not wendend, weil wir – wenn auch nur bruchstückhaft – begreifen, dass ohne SEINEN Geist nichts in uns ist, was zum wahren Leben führt.
 
Was kann uns Mut machen, dem Wirken des Geistes zu vertrauen? Die Predigt des Petrus, die uns der Evangelist Lukas in seinem „Pfingstbericht“ bietet, deutet das Ereignis der Geistausgießung als Erfüllung der Weissagung des Propheten Joel (3, 1-5): Der Geist wird „ausgegossen über alles Fleisch“, und alle werden vom Geist erfüllt, Frauen und Männer, Junge und Alte, Knechte und Herrschende. Die Gabe des Gottesgeistes wird allen zuteil. Sie hebt alle Unterschiede zwischen Menschen auf. Söhne und Töchter reden prophetisch, die Älteren werden Träume haben und die Jungen Visionen. Diese vom Geist gewirkten Erfahrungen vermitteln eine direkte Verbindung mit Gott. Es braucht keine anderen Mittler mehr. Ausgegossen über „alles Fleisch“ erinnert uns an unsere Vergänglichkeit, die aber durch die Geistesmacht zur Auferstehung hin überwunden wird. Nun geht es darum, im Geist „den Namen des Herrn“ – also Gott – anzurufen, um Rettung zu erfahren (Apostelgeschichte 2, 21), die wir so sehnsüchtig erhoffen.
 
Helmut Jaschke 
 
Hymnus
 
O komm, du Tröster, Heil’ger Geist!
Du Hauch, der neues Leben zeugt,
du Licht, das jede Nacht erhellt,
ergieße dich in unser Herz!
Erfülle uns mit deiner Kraft!
Belebe, was erstorben ist!
Komm, atme in uns, treibe uns,
denn nichts gelingt uns ohne dich.
Erhöre, Vater, dies Gebet
und nimm uns an durch deinen Sohn;
mit ihm und mit dem Heil’gen Geist
lenkst du die Welt in Ewigkeit. Amen.
Aus dem Stundengebet der Benediktinerinnenabtei Kellenried, Berg (Landkreis Ravensburg)