Maria Heimsuchung

26.06.2025 |

... oder: Frauenchöre singen Revolutionslieder

„Heimsuchung“ – ein Wort, das so gar nicht zu unserem Alltagswortschatz gehört. Und wenn, dann eher negativ gefärbt: Wenn mich was heimsuchen will, möchte ich am liebsten gerade nicht da sein, wo die Heimsuchung hinkommt, zum Beispiel in Form von Heuschnupfen, Geldmangel, einer Aufgabe mit hohem Seufz-Faktor oder in Gestalt einer eher weniger gemochten Verwandtschaft … Und dabei bedeutet Heimsuchung eigentlich einfach nur „Besuch“. Und den Gedenktag „Mariä Heimsuchung“ gibt es, um an den Besuch der schwangeren Maria, die spätere Mutter Gottes, bei ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabeth zu erinnern.

Ein sehr willkommener Besuch übrigens. Die biblische Erzählung dazu ist nachzulesen im Lukasevangelium 1, 39-56. Und da heißt es gleich zu Beginn, dass Maria eilig durch das Gebirge in eine Stadt Judäas wandert. Kein kleiner Spaziergang für eine so junge und schwangere Frau. Und sie bricht allein auf. Da muss ihre Motivation oder auch Sehnsucht groß gewesen sein: Maria will eine andere Frau treffen, eine, die auch so unerwartet schwanger geworden ist. Eine, die die Heilige Geistkraft kennt und ihr Wirken loben, preisen und verkünden kann – gerade in widrigen Umständen. Eine, der Maria sich anvertrauen und in deren Familie sie ganz selbstverständlich mitleben kann – drei ganze Monate lang.
 
„Maria Heimsuchung“: Alpenländisch, um 1510/20, Diözesanmuseum Rottenburg-Stuttgart.
 
Aber spulen wir nochmal zurück bis zu der Stelle, die die ersten Momente der Begegnung der beiden Frauen beschreibt: Maria geht ins Haus des Ehepaars Elisabeth und Zacharias und sagt vielleicht: „Hallo Elisabeth, ich bin’s: Maria. Du weißt schon, deine Kusine aus Nazareth.“ Jetzt würden wir vielleicht ein „Wie schön, dass du da bist. War der Weg anstrengend? Hast du Durst?“ erwarten. Aber: Die Geistkraft weht eben, wo und wie sie will! Elisabeth hört Marias Stimme und gleichzeitig spürt sie, wie das Kind in ihrem Bauch hüpft, sie spürt diese Heilige Geistkraft und sie ruft ganz laut in die Welt hinaus: Willkommen bist du unter Frauen, und willkommen ist die Frucht deines Bauches!“ Ja, genau, bei jedem Ave Maria, jedem Rosenkranz zitieren wir Elisabeth! Elisabeth deutet das Hüpfen ihres ungeborenen Kindes als Jubel. Ein noch ungeborenes Kind bejubelt den Anbruch einer neuen Zeit und die Erfüllung einer uralten Zusage Gottes zu seinem Volk.
 
Es gibt viele Darstellungen in der christlichen Bildersprache, die diesen Jubelmoment einzufangen versuchen: Maria schwanger mit Jesus, Elisabeth schwanger mit Johannes – da begrüßen sich vier Menschen und erkennen einander auf einer tieferen Ebene.
 
Die uralte und immer hochaktuelle Zusage Gottes bringt Maria seither in immer neuen Worten zum Ausdruck. Manchmal wird dieses Magnificat auch Elisabeth zugeschrieben, denn in diesem Text klingt der Gesang von Hanna an, ebenfalls eine als unfruchtbar abgestempelte Frau, die ihre Schwangerschaft genau wie Elisabeth dem Heilswirken Gottes zuschreibt. Es lohnt sich übrigens, Hannas Lobliedgebet nachzulesen in 1 Samuel 2, 1-10. Ungeschönt beschreibt die Hebräische Bibel hier die Verachtung, der Frauen ausgesetzt sind, die ihren Status in einer patriarchalen Gesellschaft nicht durch das Gebären eines Sohnes verbessern können.
 
Frauen ziehen Widerstandskraft aus eigenen Revolutionsliedern
 
Aber zurück zum Magnificat, dem Loblied auf Gottes alles verändernde Macht: als Revolutionslied verstanden, wurde es immer wieder in die Gegenwart hinein aktualisiert. Eine kraftvolle Version davon ist zum Beispiel ein Text von Dorothee Sölle aus dem Jahr 1976. Hier ein Ausschnitt:
 
Es steht geschrieben daß maria sagte /
hungrige hat er mit gutem gefüllt /
und die reichen leer hinweggeschickt /
er gedenkt der barmherzigkeit
und hat sich /
Israels seines knechts angenommen /
Heute sagen wir das so /
frauen werden zum mond fahren /
und in den parlamenten entscheiden /
ihre wünsche nach selbstbestimmung /
werden in erfüllung gehen /
und die sucht nach herrschaft
wird leer bleiben /
ihre ängste werden gegenstandslos
werden /
und die ausbeutung ein ende haben
 
Beim Fest Maria Heimsuchung erinnern und feiern wir prophetische Frauen. Wir besingen mit ihnen unser ungebrochenes Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wir verheutigen unseren Glauben an einen Gott, der einen guten Plan hat mit der Welt und mit uns. Und wir lassen uns inspirieren von Glaubensgeschwistern, die dieses Loblied mit ihrer eigenen Stimme gesungen, durchlitten und bestätigt haben, wie etwa Dietrich Bonhoeffer: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“ (Dietrich Bonhoeffer, Theologe, am 17.12.1933)
 
Ich persönlich finde ja, dass dieses Lied und das Fest Maria Heimsuchung außerdem aufzeigen und vordenken, was die im Jahr 2000 vom UN-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 1325 in weltpolitischem Handeln verankern will: Die Einbeziehung von Frauen bei der Verhütung und Lösung von Konflikten. Denn Frauen sind nicht nur Opfer von Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen – sie gestalten auch aktiv Friedensprozesse und den Wiederaufbau nach Konflikten mit. Nachweislich halten Friedensvereinbarungen länger, wenn Frauen daran mitgewirkt haben. Denn – und hier schließe ich den Bogen zu Maria, Hanna, Elisabeth, Dorothee Sölle und anderen Schwestern: Frauen, die in vielen Ländern immer noch am unteren Ende sind, wenn es um Bildung, Nahrung und ein selbstbestimmtes Leben geht, ziehen Widerstandskraft und Einmischungsstärke aus ihren je eigenen Revolutionsliedern; aus Liedern, Texten, Bildern, Filmen, Podcasts, in denen sie – wie die biblischen Frauen und deren mutige Nachfolgerinnen – ungeschönt und authentisch öffentlich machen, wo solidarisches Handeln nötig ist. Und politische Entscheidungen und Maßnahmen, die für sie Partei ergreifen.
 
Vereinfacht gesagt: Erstmal hört Gott auf Frauen wie Maria und Hanna, nimmt ihre Lebenssituationen in Gänze wahr und „antwortet“ darauf mit göttlichen Verheißungen und unkontrollierbarer Geistkraft. Und darauf singen Maria und Elisabeth/ Hanna dann wie im Chor ihr Loblied – auch als Aufforderung an die Mächtigen dieser Welt.
 
Petra Heilig