Das Schönste überhaupt

01.08.2025 |

Von der Faszination des Wassers ...

Von Barbara Puppe
 
Was gibt es Schöneres als ein Sommertag am Wasser? Noch schöner ist es, auf dem Wasser in einem Boot dahinzutreiben. Vorbei an Schwänen und Haubentauchern, ab und an springt ein Fisch, Libellen schweben vorbei, nur gelegentlich stört eine Stechmücke die Idylle. Im Uferschilf steht majestätisch ein Reiher, Weidenzweige wehen ein wenig in der sanften Brise, glitzernde Sonnenfunken tanzen über die ruhige Oberfläche. Ein Ort jenseits des Alltags, eine vollkommen andere Welt. Er liegt in den Oberrheinauen, einem zum Segeln abgewehrten Teilstück des Rheins. Mit Freunden nutzen wir dort ein altes Segelboot, dessen Mast gebrochen ist, weil es einmal bei aufkommendem Sturm in die Bäume getrieben wurde. Seither leistet es als Ausflugs-, Bade- und Picknickboot gute Dienste. Es beschert uns entschleunigte Nachmittage, Abkühlung im Wasser, spannende Naturbeobachtungen und atemberaubende späte Sonnenuntergänge. 

„Komm mit, lass uns Boot fahren. Es ist ein wunderbarer Tag für ein Abenteuer auf dem Fluss“, sagt Ratte, sie ist eine der vier Hauptakteure in dem großartigen englischen Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“, geschrieben 1908 von Kenneth Grahame. Obwohl über 100 Jahre alt, fasziniert das Buch bis heute kleine, aber auch große Leser mit seinen schönen Zeichnungen, der manchmal ein wenig veralteten Sprache und den Abenteuern und Lebensweisheiten der Tierfreunde Maulwurf, Dachs, Ratte und Kröte. Die genießen jeden glücklichen Augenblick, die verlockende Natur am Flussufer, ihre Freundschaft, und sie haben ein magisches Auge für die kleinen Schönheiten des Lebens. 
 
„Des Menschen Seele gleicht dem Wasser"

Das Element Wasser übt eine unglaublich starke Anziehungskraft aus. Mal ruhig dahinplätschernd, mal stürmisch oder gar bedrohlich aufgewühlt wird es zum Symbol für das Leben. In seiner glatten Oberfläche spiegelt sich der Himmel, und wer ins Wasser blickt, kann Lebensweisheit erlangen und sich selbst finden. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser. Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es und wieder nieder zur Erde muss es. Ewig wechselnd“, hörte Johann Wolfgang von Goethe die „Geister über den Wassern“ singen“. 
 
Faszination H₂O: Es sind nicht nur die chemische Struktur und die physikalischen Eigenschaften, die das Element Wasser so faszinierend machen.

Dem Fließen des Wassers zuzuschauen hat meditative Wirkung. Hermann Hesse beschreibt in seiner indischen Dichtung „Siddhartha“, wie der gleichnamige junge Pilger auf seiner Suche nach Weisheit Erkenntnis erlangt an einem Fluss: „Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, in die kristallenen Linien seiner geheimnisvollen Zeichnung ... Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, würde ... alle Geheimnisse verstehen.“ 
Das Leben kommt aus dem Wasser. Es ist Lebensgrundlage und so auch zentrales Bild der Religionen. Der Geist Gottes schwebte über den Wassern, heißt es in der Bibel am Beginn der Schöpfung. Nach ebenfalls biblischem Bericht entspringt im Garten Eden ein Strom, der sich in vier Paradiesflüsse teilt. In das Wasser eintauchen bedeutet Reinigung und Neubeginn. In manchen Religionen sind Flüsse heilig, oft sind sie Ziel der Pilgerschaft und Orte schicksalhafter Entscheidungen. Ein Bad im Ganges soll von Sünden befreien, im Buch Genesis wird beschrieben, wie Jakob den Fluss durchschreiten muss, um mit Gott zu kämpfen. An den Strömen von Babylon trauerten einst die in die Sklaverei verschleppten Juden um ihre verlorene Heimat: „Wir weinten, wenn wir an Zion dachten, wir hängten unsere Harfen an die Weiden“, lesen wir im Buch der Psalmen. 
 
Gelobt auch die Schwester Wasser

Im Zuge der gewachsenen Aufmerksamkeit für die bedrohte Schöpfung rückt der Gedanke wieder in den Mittelpunkt, wie eng wir mit der Natur verbunden sind. Das hat Franz von Assisi bereits im 13. Jahrhundert in seinem berühmten „Sonnengesang“ beschrieben. In dieser Hymne lobt er den Schöpfer für sein großartiges Werk und bezeichnet alles Geschaffene als Brüder und Schwestern: „Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen ...“, heißt es da. „Gelobt seist du ... für unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt ...“ Gelobt auch für „Schwester Wasser. Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.“ Der verstorbene Papst Franziskus zitierte den Heiligen, dessen Namen er gewählt hat, in seiner vor zehn Jahren veröffentlichten Enzyklika „Laudato Si“ häufig und fordert darin ein „ökologisches Bewusstsein“. Mit ihm hat zum ersten Mal ein Papst die Schäden an der Natur und die Folgeschäden für die Gesellschaft zum Thema des Glaubens gemacht. Gottes Geist wohnt in allem Geschaffenen, hat er gesagt. Er hat auch gefordert, Wasser niemals als bloße Ware, als Tauschmittel oder Spekulationsobjekt zu betrachten, es müsse als grundlegendes Menschenrecht allen zugänglich sein.  

Je mehr wir in den digitalen Medien unterwegs sind, desto mehr nimmt die Sehnsucht nach dem einfachen Leben in der Natur zu. Das spiegelt sich in den Urlaubsangeboten und auch in den Programmheften der christlichen Erwachsenenbildung: Vom Urlaub im Baumhaus, vom Waldbaden bis zum Heilkräutersammeln und -trocknen reicht das Angebot. Vollmondwanderungen sind schnell ausgebucht und „Pilgern vor der Haustür“ findet immer mehr Freunde. Das Bewusstsein, die Natur schützen zu wollen, hat zugenommen, jeder weiß den alten, den Indianern zugeschriebenen Spruch der Umweltbewegung zu ergänzen: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist ...“ – die Umsetzung geht noch schleppend voran. Dabei hängt das Überleben nachfolgender Generationen davon ab. Kenneth Grahames Naturabenteurer wissen jedenfalls, was es heißt, die Natur zu lieben und zu genießen: „Es ist das Schönste überhaupt ... in einem Boot über das Wasser zu schippern, sich einfach treiben zu lassen ... einfach so ... immer weiter ...“