Wie lange muss man in einer Stadt, einem Land leben, um ein Einheimischer zu werden?
Wo haben Sie ihren Sommerurlaub verbracht? Oder liegt der noch vor Ihnen? Wir gehören schon seit langem zu den reisefreudigsten Zeitgenossen und verbringen unsere Urlaubszeit wie selbstverständlich in der Fremde. Viele verbringen ihre Ferienzeit immer wieder an denselben Urlaubsorten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in meinem Heimatort Elzach beim Heimatabend Feriengäste für langjährige Treue zum Kurort geehrt wurden. Wie langweilig, ja spießig – dachte ich damals! Und heute? Scheinbar hat sich an diesem Verhalten nicht sehr viel geändert. Ich kenne viele, nicht nur ältere Menschen, die jedes Jahr sogar mehrmals nach „Malle“ fliegen. Die beliebte Ferieninsel – und nicht nur sie – ist für viele Menschen zu einer Art zweiter Heimat geworden. Sie fühlen sich wie zuhause! So verschwimmen in der Urlaubszeit die Begriffe „Heimat“ und „Fremde“, ohne dass wir uns darüber viel Gedanken machen. Angesichts vieler gedankenloser Debatten um diese Begriffe lohnt es sich vielleicht doch, darüber nachzudenken, was wir darunter verstehen und was sie für uns bedeuten.
Wo bin ich zuhause? Bin ich ein Bühler, weil ich seit fast 30 Jahren hier wohne? Oder bin ich nach wie vor ein „Zugezogener“? Ist mein Geburtsort Elzach meine Heimat, obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr dort wohne? Wie lange muss man in einer Stadt, einem Land leben, um ein Einheimischer zu werden?
„Komm, bau ein Haus, das uns beschützt ...“ Diese junge Künstlerin malt eins – samt Regenbogen.
Ein Blick in unsere Geschichte hilft nicht sehr viel weiter: Die frühesten Bewohner unserer „Heimat“ waren die Kelten. Sie sind eingewandert. Dann kamen römische Soldaten den Rhein und die Murg entlang, haben sich niedergelassen und den Mädchen vermutlich nicht nur das Latein beigebracht. Im 3. Jahrhundert wollten die Germanen aus dem Norden Deutschlands am angenehmen und luxuriösen Leben der Römer teilhaben, drangen in unsere Gegend ein und ließen sich nieder. Missionare, die uns den christlichen Glauben brachten, kamen aus dem fernen Irland. Ritter, die Burgen bauten, Mönche und Nonnen in den Klöstern ... auch sie waren meist Fremde. Eine enorme „Vermischung“ der einheimischen Bevölkerung brachte der Dreißigjährige Krieg: Landsknechte und Reiter aus aller Herren Länder durchquerten unsere Gegend, etliche blieben hier und wurden sesshaft.
Zu Beginn der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert begann dann die Zuwanderung „ausländischer Wanderarbeiter“, die, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, nicht in ihre Heimatländer zurückkehrten, sondern die Familien nachholten und blieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen bei uns eine neue Heimat. Das „Wirtschaftswunder“ wäre nicht möglich gewesen ohne die Italiener, Spanier, Portugiesen, Griechen und Türken, die unser Leben mit vielen kulturellen und gastronomischen Impulsen bereichern. Erinnern wir uns noch an die sogenannten „Boat-People“, die nach Ende des Vietnamkrieges auf kleinen Fischerbooten aus ihrer Heimat flohen und bei uns Aufnahme fanden? Nicht zu vergessen die unzähligen „Russlanddeutschen“, die nach dem Ende der Sowjetunion aus Ländern wie Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan, deren Namen ich zuvor noch nie gehört hatte, zu uns kamen. Sie alle sind heute bestens integriert und heimisch geworden.
Bewegung und Begegnung von Menschen war immer die Regel
Fazit: Es war und ist ein stetes Kommen und Gehen, denn aus religiösen, politischen und wirtschaftlichen Gründen verließen auch viele Menschen in Deutschland ihre Heimat. Allein aus meinem kleinen Bühler Wohnort Moos sind zwischen 1830 und 1900 etwa 300 Erwachsene und Kinder in die USA oder Kanada ausgewandert. Die große wirtschaftliche Not zwang sie dazu. Einige überlebten die lange beschwerliche Überfahrt nicht, andere starben kurz nach Ankunft in dem für sie unbekannten Land. Doch viele von ihnen wurden in Amerika sesshaft, gründeten Familien, waren beruflich erfolgreich und fanden eine neue Heimat. Allein Amerika nahm über 5 Millionen „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Deutschland auf.
Nur wer die Geschichte nicht kennt, erlebt die Gegenwart als bedrohliche Ausnahmesituation. Die räumliche Bewegung und kulturelle Begegnung von Menschen war die Regel. Sie bedeutete stets eine wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung für alle.
Ich bin davon überzeugt, dass den meisten Menschen der Wunsch nach einer Heimat innewohnt, denn es tut gut, eine Heimat zu haben und zu wissen, wo man hingehört. Heimat verbinde ich nicht nur mit einem bestimmten Ort, sondern mehr noch mit Menschen, die ich mag und die mich mögen. Heimat ist dort, wo ich Wertschätzung und Akzeptanz erfahre, wo man sich gegenseitig achtet und vertraut und Liebe und Geborgenheit geschenkt bekommt.
Die Aufnahme von Fremden ist auch „Christenpflicht“ gemäß der Rede Jesu (Matthäus 25, 31-46)
Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Menschen, wo immer sie ihre Wurzeln, ihre ursprüngliche Heimat haben, ebenso denken und fühlen. Ich bin ebenso davon überzeugt, dass kein Mensch freiwillig und ohne Not seine Heimat aufgibt und sie verlässt. Umso tragischer ist es, wenn Menschen ihre angestammte Heimat verlassen müssen, auf der Flucht sind und nach einer neuen Heimat suchen, weil ihre bisherige zerstört wurde. Niemand wird leichtfertig seine Wurzeln aufgeben, seine vertraute Umgebung verlassen, wenn er nicht dazu gezwungen wird und seine Existenz bedroht sieht. Sein vordringlichstes Bestreben wird sein, wieder irgendwo beheimatet zu sein. Wer Heimat zu schätzen weiß, wird das verstehen und sich dafür einsetzen, diesen Menschen eine neue Heimat zu er-möglichen. Darüber hinaus ist Gastfreundschaft nicht nur dem Judentum und Islam heilig. Die Aufnahme von Fremden ist auch „Christenpflicht“ gemäß der Rede Jesu vom Weltgericht (Matthäus 25, 31-46) „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen ... denn was ihr für einen der Geringsten getan habt, das habt ihr für mich getan.“
Ich kenne etliche, vor allem junge Menschen, die als Fremde, als Flüchtlinge und Auswanderer nach Bühl gekommen sind, hier eine neue Heimat gefunden haben und echte „Bühler“ geworden sind.
Und noch etwas scheint mir wichtig: Der Mensch braucht nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch ein Dach für seine Seele, eine geistige Heimat. Besonders für Menschen, die auf der Flucht sind, ist ihr Glaube oft der einzige Halt, den sie noch haben. Wir sollten das respektieren. Es könnte sogar ein Anlass sein, sich der eigenen religiösen Wurzeln zu besinnen, um nicht religiös heimatlos zu werden.
Nikolaus Wisser ist Pastoralreferent (i. R.) und lebt in Bühl.