Was lässt uns leuchten?

05.12.2025 |

Beten, Feiern Brücken bauen: Geistlich leiten im Frauenverband

„Hast du Lust, das Amt der Geistlichen Leiterin in der kfd im Dekanat Karlsruhe zu übernehmen“, fragte mich die Dekanatsvorsitzende eines Tages im Jahr 2007, ganz nebenbei. kfd-Frau war ich schon einige Jahre; das gehört bei mir dazu: als Frau, der das Engagement in der Kirche wichtig ist. Pfarrer, die das Amt des Präses innehatten, hatte ich schon erlebt. Eine Geistliche Leiterin noch nicht.
Leitungserfahrungen verband ich eher mit viel Organisation und Management. Die Vorstellung, eine geistlich-spirituelle Leitung wahrzunehmen, hat mich neugierig gemacht. Und wohl auch eine tiefere Sehnsucht in mir angesprochen. Glaubenserfahrungen, Gottesbilder und biblische Zugänge einzubringen, die Alltag und Lebensvollzug von Frauen geprägt haben, konnte ich mir gut vorstellen
Ein Jahr später dann wieder das konkrete Anliegen: Wir wollen eine Geistliche Leiterin! Eine Begegnung mit der damaligen Geistlichen Leiterin auf Diözesanebene – ganz unspektakulär in einer Bahnhofsgaststätte – brachte die Entscheidung: Ja, das ist etwas für mich. Ich stelle mich zur Wahl. Auf der Dekanatsversammlung 2010 wurde ich gewählt und bekam Ende des Jahres meine bischöfliche Beauftragung.
 
Was macht dieses Amt aus?
Geistliche Leiterinnen in der kfd gibt es seit mehr als 30 Jahren, seit 25 Jahren im Erzbistum Freiburg, zunächst auf Diözesan- und Dekanatsebene, dann auch auf der Pfarrebene. Ein „geistliches“ Amt, für das keine Weihe vorausgesetzt wird, ist kein Notbehelf im Blick auf den Priestermangel. Es entspricht dem Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils: Durch Taufe und Firmung sind alle Gläubigen gesandt, die Kirche mitzugestalten und auch Leitung wahrzunehmen, je nach ihren Begabungen und Fähigkeiten. Geistliche Leitung durch Frauen ist Berufung; sie ergänzt das Weiheamt.
Das hat die kfd früh erkannt und konsequent umgesetzt. Gewählt durch das zuständige Gremium auf der jeweiligen Verbandsebene, ist die Geistliche Leiterin Mitglied des Vorstands und „arbeitet zusammen mit den anderen Vorstandsmitgliedern an der Umsetzung der Ziele der kfd. Auf dieser gemeinsamen Basis hat sie besondere Verantwortung dafür, dass die kfd sich ihrer kirchlichen Verwurzelung stets bewusst bleibt und immer neu nach Wegen sucht, aus der Quelle des Evangeliums zu leben“ (Grundlagenpapier Geistliche Leitung, kfd, Diözesanverband Freiburg).
 
"Geistlich leiten" bedeutet auch, sich zu fragen: Warum und wozu tun wir, was wir tun?
 
Und was heißt das konkret? 
Das kann sehr unterschiedlich sein, wird von den betreffenden Frauen auf vielfältige Weise gemacht, je nachdem, was ihnen wichtig ist. In meinem Fall kann das heißen, die innere Haltung in den Blick zu nehmen: Wie können wir Brücken bauen – zwischen gegensätzlichen Positionen?
Oder die Anliegen des Synodalen Wegs, die nötigen Schritte zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und neuen Zugangswegen wachzuhalten. Uns gegenseitig zu stärken durch die Zusagen, die in unserem Leitbild stecken: „Starke Frauen gestalten Veränderung durch Gemeinschaft, Vielfalt und Glauben.“ Gemeinsam mit anderen Frauen zu überlegen: Was bedeutet das ganz praktisch und konkret für uns vor Ort? Und wo gibt uns der Weg Jesu Orientierung?
Als große Bereicherung erlebe ich den Kontakt und die Begegnung mit den kfd-Ortsgruppen. Gern nehme ich Anfragen zur Mitgestaltung von Besinnungstagen oder thematischen Treffen wahr und bringe ein, was mich begeistert. Viele Frauengestalten, Lebens- und Glaubensthemen, die uns Frauen interessieren, Bibliologe – eine meiner Lieblingszugänge zum biblischen Geschehen – habe ich mir in der Vorbereitung auf solche Treffen erarbeitet. Wenn dann im Austausch deutlich wird, wie vielfältig die Geschichten Gottes sind, die er mit den Menschen auf je persönliche Weise hat, erfüllt mich das. Und bringt mich auch in meiner Beziehung zu Gott weiter. 
Ähnliches gilt für die Liturgie: Bei besonders gestalteten Gottesdiensten mit Gebeten, Texten und Formen, die Frauen ansprechen und Neues ausprobieren, geht mir das Herz auf. Als Leiterin von Wortgottesfeiern habe ich immer wieder Möglichkeiten, in diesem Bereich auch Leitung wahrzunehmen. Der Frauengottesdienst am Festtag der Apostelin Maria Magdalena (22. Juli), der Predigerinnentag rund um den Festtag der Apostelin Junia (17. Juni) sowie der Gottesdienst zu den „Orange Days“ (25. November: „Nein zu Gewalt gegen Frauen“) sind bei uns im Dekanat feste Termine. In den letzten Jahren haben wir begonnen, auch Eucharistiefeiern mitzugestalten, um die Gemeinde teilhaben zu lassen an der Verkündigung durch Frauen und an dem, was unsere Spiritualität prägt.
 
Ein weiteres Anliegen ist mir die Vernetzung mit Frauenverbänden im säkularen Bereich, die ökumenische und religionsübergreifende Zusammenarbeit. Auch da kann ich von meiner vom Glauben getragenen Motivation erzählen, mich mit Frauen anderer Konfessionen und Religionen verbünden. 
Als Geistliche Leiterin auf Dekanatsebene nehme ich auch an den jährlichen Diözesanversammlungen der kfd teil. Hier geht es besonders auch um die wichtige „politische“ Aufgabe, die Anliegen der Frauen in die Diözese und in den Bundesverband hinein zu transportieren, den Verband weiterzuentwickeln und in die Gesellschaft hinein Position zu beziehen in den Themen, die Frauen beschäftigen. Die spürbare Frauenpower und das gemeinsame Feiern ist auch eine riesige Motivation für die eigene Arbeit!
 
„Geistlich leiten“ bedeutet für mich: Immer wieder zu fragen, warum und wozu tun wir, was wir tun? Woraus nehmen wir die Kraft für unser Engagement? Und von Zeit zu Zeit innezuhalten, um sich bewusst zu machen: Was lässt uns leuchten? 
In der Kirche ist die Geistliche Leitung ein noch recht junges Amt. Doch in 30 Jahren hat sich viel entwickelt. Ein Amt, das in die Zukunft weist und das es weiter zu entfalten gilt. 
Meine Zeit als Geistliche Leiterin neigt sich dem Ende zu. Die Höchstdauer der Wahlperioden nach der Satzung sind ausgeschöpft. Aber ich werde neugierig, gespannt und hoffnungsvoll die Weiterentwicklung mitverfolgen – und wünsche allen Engagierten Fantasie, Mut, Beharrlichkeit und den Segen der Heiligen Geistkraft!
 
Annette Bernards