Die kühne letzte Hoffnung

12.12.2025 |

Christen vertrauen, in der Beziehung mit Gott gehalten zu sein

Von Eva-Maria Faber

Der Politologe Giuliano da Empoli bekannte sich kürzlich in einem Interview dazu, von seinem Naturell her ein Optimist zu sein. In seinem beklemmenden Buch „Die Stunde der Raubtiere“ über aktuelle machtpolitische Entwicklungen habe er jedoch drei abschließende Seiten im Grundton „Ja, aber am Ende gibt es auch Licht“ wieder gestrichen. Im selben Interview öffnete er gleichwohl eine Perspektive mit der Frage: „Wie bewahrt man jetzt nicht nur die Hoffnung, sondern auch das, was die Franzosen ‚envie‘ nennen?“ Solange Menschen Lebensfreude pflegten, könnten sie sich der Realität stellen. Hoffnung ist ein großes Wort der gegenwärtigen Zeit. Es taucht auffällig häufig in Buchtiteln auf – Gegenpol zu einer zeitgenössischen Grundstimmung, die von Ohnmachtserfahrungen und düsteren Zukunftserwartungen geprägt ist.

Hoffnung ist auch ein großes christliches Wort. Was es bedeutet, ist in den Alltag des Lebens ebenso wie in die großen weltgeschichtlichen Entwicklungen hineinzubuchstabieren. „Ja, aber am Ende gibt es auch Licht“, das könnte sich christlich auf eine große Auflösung „am Ende“ beziehen. Einst wird Gott alles gut machen. Eine solche Hoffnung gehört tatsächlich zum christlichen Glauben. Doch ist es eine kühne letzte Hoffnung, ohne dass wir über den Ausgang Bescheid wüssten. Zudem lassen sich damit die Herausforderungen dieser Welt nicht überspringen. Christliche Hoffnung darf nie bloße „Jenseitsvertröstung“ sein, als könne man aufgrund solcher Hoffnung auf ein Engagement für diese Welt und Geschichte verzichten.
 
Gläubige Hoffnung vertraut darauf, dass Gott die Kostbarkeit der Welt umfängt und erhält

Im Blick auf das Geschick dieser Welt und Geschichte lässt sich nicht dahersagen: „Ja, aber am Ende gibt es auch Licht.“ Es wäre fahrlässig, Hoffnung mit unbekümmertem Optimismus zu verwechseln. Interessanterweise gelten in unserer Zeit Erzählungen oder Filme mit Happy End zwar eher als kitschig, doch leben wir andererseits in einer Kultur, die gewissermassen einem kitschigen Lebensmodell anhängt. Der unmäßige Verbrauch der Ressourcen unseres Planeten setzt wider besseres Wissen darauf, dass auch ohne Verhaltensänderungen alles ein gutes Ende nehmen wird. Solcher Optimismus kommt einer Vogel-Strauß-Taktik gleich. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, löst weder Krisen noch hat es mit Hoffnung zu tun.
 
Vertrauen aus der Beziehung zu Gott

Christliche Hoffnung sieht den Realitäten ins Auge, gerade weil sie aus dem Glauben das Vertrauen gewinnt, mitten in diesen Realitäten in der Beziehung mit Gott gehalten zu sein und aus der Treue Gottes Kraft zu schöpfen: Ich werde in der ungewissen Zukunft nicht alleingelassen; ich bin selbst dem Bedrohlichen nicht völlig ausgeliefert. Wie das lebbar ist, wird bei jeder und jedem anders aussehen. Der eine hört die Verheißung, bei Gott Ruhe und Zuflucht finden zu dürfen; die andere lässt sich von den zahlreichen Zusagen „Fürchte dich nicht“ ermutigen. Menschen erfahren, dass sie – in die Enge getrieben – doch noch Raum finden, dass sie nicht weiter wissen und doch nicht verzweifeln (siehe 2. Korintherbrief 4, 8). Im Glauben erkennen Menschen sich – und alle Menschen – mit Würde bekleidet, die niemand nehmen kann.

Diese Hoffnung ermöglicht es, Widerstand gegen das Achselzucken zu leisten, dass die Welt nun einmal so ist: unerbittlich, brutal und ungerecht – Menschen auf der Verliererseite haben eben Pech gehabt. Nein, der Gang der Welt ist nicht ein fatalistisches Schicksal; uns umgibt nicht pure Gleichgültigkeit. Gott steht auf der Seite des Lebens und auf der Seite derer, die um dieses Leben betrogen werden. Im Engagement für Gerechtigkeit und in der gelebten Solidarität entfaltet sich das, was wahrhaft den Namen Leben und Sinn verdient. Dies bewegt Menschen, nicht wegzuschauen, nicht aufzugeben, sondern selbst für menschenwürdiges Leben einzutreten. Christen und Christinnen gehen dabei in der Spur Jesu, und sie schauen aus auf die tröstende Gegenwart des Auferstandenen.
 
Dadurch nährt sich die Hoffnung, dass tatsächlich auch über die Geschichte hinaus das, was in dieser Welt in Liebe gelebt und unter Schmerzen gelitten wurde, nicht vergeblich ist. Die Kriterien für das, was Bestand, Wert und Zukunft hat, bemessen sich nicht am irdischen Erfolg, nicht an irdischer Größe. Die gläubige Hoffnung setzt darauf, dass Gott die Schönheiten und das Kostbare dieser Welt rettend aufhebt. Die Hoffnung setzt darauf, dass das Licht, das Gott hier und jetzt Menschen anvertraut, nicht verlöschen wird.
 
Eva-Maria Faber lehrt Dogmatik an der Theologischen Hochschule in Chur (Schweiz).