»Wahre dir in allen Dingen die Freiheit des Geistes. Schiele in nichts nach Menschenrücksicht, sondern halte deinen Geist innerlich so frei, dass du auch stets das Gegenteil tun könntest. Lass dich von keinem Hindernis abhalten, diese Geistesfreiheit zu hüten. Sie gib niemals auf.« Überfordert sich der Mensch nicht, wenn er dies anstrebt? Sollen nicht gerade Menschen mit ihren Anliegen und Nöten mich zum Handeln bewegen? Ist Rücksichtnahme nicht eine wirkliche Tugend?
Innere Freiheit zu gewinnen, gehört zu den Aufgaben der Geistlichen Übungen. Allerdings geht es nicht darum, »innere Freiheit« zum Lebensziel zu machen oder zum Selbstzweck zu praktizieren, sondern sie bleibt – ganz im Sinne der Unterscheidung von Ziel und Mittel (KS 10) – ein wichtiges Mittel zum Erreichen des Lebenszieles.
Dazu lohnt ein weiterer Blick auf das »Prinzip und Fundament«. Nachdem Ignatius die Unterscheidung von Ziel und Mittel getroffen hat und alle geschaffenen Dinge den Mitteln zugeordnet hat, fährt er fort: »Daraus folgt, dass der Mensch sie so weit gebrauchen soll, als sie ihm für sein Ziel helfen, und sich so weit von ihnen lösen sollen, als sie ihn dafür hindern.«
Ignatius sagt also nicht: Gutes Leben, Ehre, Reichtum oder Gesundheit, Partnerschaft oder Familie sind abzulehnen oder nachzuordnen, sondern entscheidend ist, dass sie Mittel bleiben für mein Lebensziel. Was mir hilft und was mich hindert (zum Lob Gottes und zum Dienst und der Ehrfurcht ihm gegenüber) ist also das Kriterium! Diese Unterscheidung muss der einzelne Mensch für sich und sein Leben treffen, das kann niemand anderes für ihn tun.
Wohin fliegen meine Wünsche? Bin ich verstrickt in Begehrlichkeiten? Wie bekomme ich meinen
Kopf wieder frei?
Um diese Fähigkeit einzuüben und zu bewahren, braucht es innere Freiheit. Ignatius bezeichnet diese innere Freiheit allen geschaffenen Dingen gegenüber als »Indifferenz« – ein schwieriger und leicht missverständlicher Begriff. Indifferenz meint nicht, wie häufig verwendet, Leidenschaftslosigkeit. Sie meint die innere Freiheit, an einer Sache nicht so zu hängen, dass ich sie nicht wieder lassen kann.
Die Fastenzeit lädt ein, »Dinge«, denen ich zu sehr anhänge, und die mich innerlich unfrei machen, bewusst in den Blick zu nehmen. Ignatius weiß, dass es zu unserer menschlichen Verfasstheit gehört, dass es solche »Anhänglichkeiten« gibt. Auch sie sind nicht per se schlecht oder abzuwerten. Entscheidend ist für ihn, dass ich mich von solchen, wie er es in seiner Sprache nennt, »ungeordneten Anhänglichkeiten« frei machen kann.
Ich möchte das Gesagte an einem Beispiel aus meiner Tätigkeit als Lehrerin beschreiben. Es gehört zu mir als Mensch, dass es in einer Klasse Kinder gibt, die mir mehr liegen, die mein Herz aufgehen lassen und andere, mit denen ich mich eher schwertue. Wenn ich mir nicht immer wieder bewusst sage, es gibt auch diese anderen, nimm sie in den Blick, schenke ihnen Raum und versuche alle gleich gelten zu lassen, kann das für meine Aufgabe und meinen Auftrag als Lehrerin schwierig werden. Ich komme diesem Auftrag mehr und besser nach, wenn ich meine »Vorliebe» für Einzelne gut kenne und auch zurückstellen kann. Das braucht zunächst das Bewusstsein, dann den Willen und die Entscheidung, mich davon nicht bestimmen zu lassen.
Innere Freiheit gibt es nicht ohne Selbsterkenntnis
Manchmal braucht es auch die Entscheidung, eine Zeitlang bewusst anders zu handeln, um der »Anhänglichkeit« ihre Dominanz und Stärke zu nehmen. Das geschieht etwa beim bewussten Verzicht auf Genussmittel, die in meinem Leben zu viel Bedeutung gewonnen haben und ohne die ich nicht sein kann. Solche Anhänglichkeiten kann es in allen Lebensbereichen geben. Fragen Sie sich in diesen Tagen: Was will ich unbedingt? Woran hänge ich so sehr, dass ich es nicht lassen kann? Was bestimmt mich so, dass ich keinerlei innere Freiheit davon habe?
Wenn ich mich diesen und ähnlichen Fragen stellen will, brauche ich einen Ort und einen Raum, an dem ich ungestört und mit möglichst wenig Anregungen vor Gott und mir da bin. Es braucht den Mut zur Stille und zum Alleinsein mit mir im Alltag – eine große Herausforderung in einer Zeit, die uns täglich mit so vielen Informationen, Bildern, Geräuschen, Kommentaren, Interpretationen und Urteilen versorgt.
Warum für Ignatius der tägliche Tagesrückblick so wichtig war, sollte nun nochmals deutlicher geworden sein. In diesem Rückblick können mir auch solche Anhänglichkeiten und Tendenzen bewusst werden. Ich kann darum bitten, mich davon nicht bestimmen zu lassen und mich entscheiden, es immer wieder anders zu versuchen. Innere Freiheit erlangen wir nicht ohne radikale Selbsterkenntnis. Es braucht die Bereitschaft, das Bild, das ich von mir habe, verändern und korrigieren zu lassen, meine innere Unordnung anzuschauen und in den Blick zu nehmen – nicht zur Selbstoptimierung, sondern um mein Ziel mehr (magis) verwirklichen zu können. Ohne Selbstreflexion und gesunde Selbstkritik wird das schwierig.