Eine evangelische Gemeinde in Hamburg geht neue Wege: Um dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken, bietet sie Yoga in der Kirche an. Funktioniert das, und wie passt die indische Philosophie zum Christentum? Ein Ortsbesuch.
Das Abendlicht fällt durch die großen Fenster der Apostelkirche. Ein Helfer räumt die Stühle beiseite und zündet drei Kerzen an. Bald darauf kommen die ersten Gäste, streifen ihre Schuhe ab und rollen Gymnastikmatten aus. Auch Pastorin Nina Schumann hat ihre Matte mitgebracht und postiert sich vor dem Altar. Sie leitet heute keinen Gottesdienst, sondern eine Yogastunde.
Yogastunde in der Kirche: Pastorin und Yogalehrerin Nina Schumann macht die Übungen vor.
Die 45-jährige Seelsorgerin ist auch ausgebildete Yogalehrerin. Als ihre evangelisch-lutherische Gemeinde vor einigen Jahren überlegte, wie sie dem Mitgliederschwund entgegenwirken könne, entstand die Idee, Yoga im Kirchraum anzubieten. "Wir haben etwas gesucht, das vor allem auch junge Menschen anzieht, die bisher nichts mit Kirche am Hut haben", berichtet Schumann. Im August 2021 – mitten in der Corona-Pandemie - luden die Pastorin und ihre Mitstreiter zum ersten Abend unter dem Motto "Yoga und Wein" ein. Erst wird praktiziert, anschließend gibt es Wein und Brot. Inzwischen findet das Angebot an jedem Dienstagabend statt.
Die Yogastunde beginnt mit Gebet
Heute sind rund 20 Teilnehmer in die modern umgebaute Kirche im quirligen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel gekommen: Männer und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen. Vom Altarfenster aus schauen unter anderem Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl zu.
An einer Seitenwand hängt ein Kreuz.
Nina Schumann ist Pastorin und passionierte Yogalehrerin.
Anders als klassische Yogastunden beginnt Schumanns Einheit mit einem Gebet. "Gott sei um mich und sei in mir", spricht sie. Danach geht es weiter mit typischen Yogafiguren: das Kind, der herabschauende Hund, der Sonnengruß. Am Ende der rund 60-minütigen Einheit liegt Schweißgeruch in der Luft, und Schumann spricht einen Segen. Statt mit dem indischen Gruß "Namaste" schließt sie mit: "Friede sei mit dir. Amen."
Dass sie ausgerechnet eine in Indien entstandene Philosophie in einem christlichen Gotteshaus anbietet, ist für Schumann kein Widerspruch.
"Auch wenn Yoga im hinduistischen Kulturraum entstanden ist, ist es von seiner Grundidee her nicht an eine Religion gebunden", erklärt sie. "Es ist eine Achtsamkeitsübung, die dazu einlädt, mit dem eigenen Körper zu beten."
"Wer Yoga treibt, wird nicht automatisch Hindu"
Laut dem Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen, Andreas Hahn, sind Yoga und Christentum durchaus vereinbar. "Wer Yoga treibt, wird nicht automatisch Hindu", sagt er. Im Gegenteil: Das in Europa verbreitete körperbezogene Yoga habe kaum noch etwas mit der hinduistischen Yogatradition zu tun.
Vielmehr spielten Einflüsse aus der westlichen Gymnastik-, Fitness- und Bodybuilding-Szene eine Rolle, die über die britische Besatzungsmacht nach Indien und von dort zurück nach Europa gelangt seien.
"Diese Form von Yoga bietet die Möglichkeit, die biblische Botschaft von unserer menschlichen Leiblichkeit zu erleben und zu erfahren", so Hahn. Eine christliche Adaption sei damit möglich. Sie müsse sich aber sowohl von reinen Körperübungen als auch von esoterischen oder fremdreligiösen Einflüssen abgrenzen.
Yoga wird bundesweit inzwischen in zahlreichen christlichen Gemeinden und Institutionen angeboten – wenn auch in den meisten Fällen nicht im Kirchenraum. In nordrhein-westfälischen Witten ist ein eigenes Institut für Christliches Yoga unter dem Dach der evangelischen Kirchen entstanden. Im katholischen Bereich stehen Yogakurse etwa im schleswig-holsteinischen Benediktinerkloster Nütschau, im Sankt-Bonifatiuskloster in der Nähe von Fulda und im Bildungshaus Kloster Sankt Ulrich bei Freiburg auf dem Programm.
Die Apostelkirche in Hamburg wird zum Fitnessraum für die Yogastunde. Ein für viele sicherlich ungewöhnlicher spiritueller Ansatz.
In Hamburg wechselt sich Pastorin Schumann mittlerweile mit fünf weiteren Yogalehrerinnen ab, die ehrenamtlich unterrichten. Bis zu 30 Teilnehmer kommen regelmäßig zu "Yoga und Wein". Bei einem weiteren Angebot "Yoga au Lait" – Yoga und Kaffeetrinken – am Donnerstagmorgen sind 10 bis 15 Gäste dabei.
Auf spiritueller Sinnsuche
"Es kommen Leute, die existenziell und spirituell auf der Suche sind", so Schumann. Einige hätten mit der Kirche schlechte Erfahrungen gemacht und fänden durch die Yogastunden einen neuen Zugang. Aus dem Kreis der Teilnehmer hätten sich sogar drei neue Mitglieder für den Kirchengemeinderat gefunden.
"Mir gefällt, dass es bei 'Yoga und Wein' einen sportlichen und einen geselligen Aspekt gibt", sagt die 45-jährige Kristina. Die Atmosphäre in der Kirche sei eine andere als in einer Turnhalle. Zwar habe sie auch vorher schon gelegentlich einen Gottesdienst besucht. "Aber durch die Yogastunden ist meine Beziehung zur Gemeinde noch einmal enger geworden."