„Einfacher kann man nicht zum Lebensretter werden“

12.07.2023 |

Täglich werden rund 15.000 Blutspenden in Deutschland benötigt. Den Löwenanteil von ihnen organisiert das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Dazu bietet es pro Jahr 38.000 Termine „in jedem Dorf“, sagt Stephan Küpper, Sprecher des DRK-Blutspendediensts West. Trotzdem reichen die Blutkonserven oft hinten und vorne nicht. Gerade in der Ferienzeit.

So kann ein Blutspendetermin in einem Blutspendemobil aussehen: Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes messen den Blutdruck und nehmen Blut ab.
 
KNA: Herr Küpper, etwas pauschal gefragt: Warum ist Blutspenden so wichtig?
 
Stephan Küpper: Blut ist in der Gesundheitsversorgung ein unersetzbarer Wirkstoff, der etwa nach Unfällen, bei Operationen oder in der Krebstherapie Leben retten kann. Das Deutsche Rote Kreuz deckt bundesweit etwa 75 Prozent des Bedarfs der Kliniken für Blutpräparate ab. Insbesondere seit Corona haben die Unikliniken Schwierigkeiten, ihre Bedarfe selber zu decken, weil die Menschen eine Schwellenangst vor Krankenhäusern entwickelten. Umso wichtiger, dass wir Blut liefern können - und dafür Spendewillige finden.
 
Gelingt Ihnen das ausreichend?
 
Auch wir unterliegen dem demografischen Wandel: Die Alten, die über Jahrzehnte zuverlässig gespendet haben, fallen jetzt nach und nach aus dem System, weil sie selbst krank oder zu alt werden.
Und vorne wächst zu wenig Kontinuität nach. Viele junge Menschen gehen gelegentlich Blut spenden, was sehr gut und wichtig ist. Aber es braucht eine größere Kohorte an regelmäßig Spendenden, um das Auf und Ab im Jahr zu kompensieren. Denn da sind wir sozusagen zwischen Grippewelle und Sommerferien-Tief.
 
Wer spendet denn so bei Ihnen?
 
Das Durchschnittsalter liegt bei gut 46 Jahren mit leichtem Überhang bei den Männern. Nicht, weil Frauen weniger spendefreudig wären, sondern weil sie nur viermal im Jahr spenden dürfen, Männer bis zu sechsmal; außerdem fallen die nicht wegen Schwangerschaft oder Stillzeit aus.
 
Wie werben Sie um die Menschen?
 
Blutspenden ist eine gesellschaftliche Aufgabe, deshalb freuen wir uns, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ihre Aktivitäten intensiviert. Aber auch Krankenkassen und andere Institutionen könnten da viel mehr tun. 2010 haben wird die DRK-Blutspende-App aufgesetzt, die natürlich nicht nur für die Digital Natives praktisch ist. Aber wir müssen die Menschen über Kopf und Herz erreichen. Denn anders als etwa die Stammzelltypisierung ist Blutspende total abstrakt. Es geht eben nicht um das leukämiekranke Kind, sondern irgendeinen Unbekannten, der irgendwann von meinem Blut profitiert.
 
Wie tun Sie das konkret?
 
Über sehr viele Aktionen, weil die Ehrenamtlichen unglaublich findig sind. Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Rockfestival Wacken in Schleswig-Holstein, im Freizeitpark Tripsdrill in Baden-Württemberg oder mit Blutspendemarathons im Westen, wo wir mehrere hundert Menschen an einem Tag erreichen. Dann gibt es seit einigen Jahren die Kampagne unter dem Hashtag #missingtypes, also «Fehlende Buchstaben»: Da lassen die Leute bei Posts in ihren social media-Accounts die Zeichen A, B und O weg, als Verweis auf die Blutgruppen A, B und Null. Mit solchen Aktionen versuchen wir, auch junge Menschen zu erreichen. Denn einfacher kann man nicht zum Lebensretter werden.
 
Was hält die Leute dann davon ab?
 
Gerade in den Sozialen Netzwerken kursiert manchmal haarsträubendes Zeug, was das DRK angeblich für einen Profit mit dem gespendeten Blut macht. Das ist schlimm, weil es Menschen verunsichert. Dabei liegt es auf der Hand, dass etwa Krankenhäuser für die Blutspenden bezahlen, weil wir für Logistik und Technik, Laboruntersuchungen und Transport viel Geld ausgeben. Was von den Zahlungen der Kliniken übrig bleibt, fließt in notwendige Investitionen.
 
Manche Kliniken und Einrichtungen zahlen 20 Euro für die Spende, das DRK nicht. Warum?
 
Zum einen aus ethischen Gründen, weil Blutspende immer freiwillig sein muss. Zum anderen, weil wir diesen riesigen Aufwand mit bundesweit 38.000 Spendeterminen pro Jahr betreiben. Wir fahren ja buchstäblich in jedes Dorf. Daher gibt es zwar keine Aufwandsentschädigung, aber anschließend einen kleinen Imbiss. Und der macht die DRK-Blutspende aus.
 
Inwiefern?
 
Gerade in ländlichen Regionen gehört das gemütliche Zusammensitzen bei einer Tasse Kaffee, hausgemachtem Kartoffelsalat, Grillwurst oder Falafel dazu. Wegen Corona konnten wir lange Zeit nicht an den gedeckten Tisch bitten, deshalb sind wir auf Lunchtüten umgestiegen. Manche Ehrenamtlichen-Gliederungen machen den Imbiss noch in Form von Lunchtüten, aber die Leute vermissen das Zusammensitzen, wie sie uns auch im Forum der Spender-App immer wieder schreiben. Das Problem ist aber, dass auch die Ehrenamtlichen immer älter werden und der Aufwand dafür enorm ist.
 
Was motiviert die Spender über belegte Brötchen hinaus, freiwillig zum Aderlass zu gehen?
 
Der Wunsch, anderen Menschen in Notlagen zu helfen, ist eine Hauptantriebsfeder. Und viele sagen uns, dass sie das auch für sich selbst machen, denn man erhält ja einen kleinen Gesundheitscheck:
Fieber, Puls, Blutdruck und Eisenwerte werden sofort ermittelt. Anschließend testen wir das Blut auf Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis oder Syphilis. Und: Die Blutbildung wird angeregt.
 
Auf dem Spenderformular, das man vorher ausfüllen muss, gibt es aber auch eine Menge Ausschlusskriterien.
 
Das machen wir rein zur Sicherheit: Also wenn man sich etwa vor weniger als vier Monaten ein Tattoo oder Piercing hat stechen lassen, kürzlich Antibiotika genommen oder Urlaub in einem Malariagebiet gemacht hat. Das macht uns auch in unserer Arbeit zu schaffen, denn wir schicken täglich zehn bis zwölf Prozent spendewillige Menschen wieder nach Hause. Die empfinden das oftmals als persönliche Zurückweisung. Diese Menschen dann wieder zurückzuholen, ist oft Schwerstarbeit.
 
Dagegen hat sich beim Ausschluss homosexueller Männer von der Spende zuletzt einiges getan ...
 
Ja, die Hämotherapie-Richtlinien werden jetzt angepasst und voraussichtlich im September umgesetzt. Künftig werden auch Heterosexuelle nach praktiziertem Analverkehr gefragt, weil das das Risiko für eine HIV-Infektion erhöht. Diese Themen sind sehr sensibel. Ich bin gespannt, wie das etwa bei älteren Ehepaaren ankommt.
 
Sabine Kleyboldt (KNA)