Es ist eine gewaltige Zahl: Über 1,5 Millionen junge Menschen kamen in Lissabon zusammen und feierten sich und ihren Glauben. Viele nahmen große Strapazen auf sich, um beim Weltjugendtag mit dabei zu sein. Sie kehren heim mit vielen Erinnerungen und neuen Bekanntschaften. Aber auch mit knappen und einprägsamen Botschaften, die Papst Franziskus ihnen zugerufen hat. Die Botschaft etwa, dass die Kirche für alle offen ist ...
Ausgelassene Stimmung, auch wenn die Wege weit sind, die Hitze schwer erträglich – und die Nächte kurz: Teilnehmerinnen beim Weltjugendtag in Lissabon.
Es ist der krönende Höhepunkt eines jeden Weltjugendtags: die Vigilfeier unter freiem Himmel am Samstagabend. Dafür machen sich alle Pilgerinnen und Pilger auf den Weg zum Tejo Park. Manche brechen zu Fuß auf, andere mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wieder andere nutzen ihren Reisebus. So auch die Pilgergruppe, die in Freiburg aufgebrochen ist. Busfahrer Bernward Lindinger setzt sie möglichst nah am Einlass zum Bereich C ab. Denn die Sonne strahlt mit aller Kraft vom Himmel und die Temperatur klettert auf bis zu 36 Grad. Die Rucksäcke für die Nacht, Isomatte und Schlafsack geschultert, geht es los.
Schnell kommt die Frage auf, warum eigentlich mehr als eine Million Personen bei diesen Temperaturen auf einem unbeschatteten Feld campieren. Bis zum Eingang ist es zum Glück nicht so weit. Doch vermeintlich angekommen, wird die Gruppe weitergeschickt. Weiter durch die Hitze, die Pilgergruppen werden immer mehr, drängen schließlich dicht an dicht. Fahnen verschiedenster Nationen begleiten den bunten Zug. Manche halten sich einer nach dem anderen an den Rucksäcken und bilden so eine lange Schlange, damit keiner verloren geht.
Die Gruppe aus der Erzdiözese teilt sich dagegen auf, denn in dieser Menschenmasse ist es kaum möglich, mit knapp dreißig Personen beisammenzubleiben. Der Weg führt über eine mehrspurige Autobahn, die für den Verkehr gesperrt ist. Die Fußgängerinnen und Fußgänger füllen sie komplett aus. Als es über eine Brücke auf das eigentliche Gelände zugeht, wird erstmals das Ausmaß der Veranstaltung ersichtlich: Menschen so weit das Auge reicht und darüber hinaus. Die Gruppe schlängelt sich durch die mit aufgestellten Fahnen markierten Bereiche bis zu „C16“. Gute zwei Stunden waren sie unterwegs. Die Weltjugendtags-T-Shirts sind am Rücken durchnässt, als sie die Rucksäcke absetzen. Neben einer großen Leinwand, wie sie in jedem Bereich steht, ist noch eine größere Fläche frei. Schwarze Mülltüten und gelbe Säcke werden an den Seiten aufgetrennt, um möglichst viel Bodenfläche mit ihnen zu bedecken. Das schützt zumindest ein bisschen vor dem sandig-staubigen Grund. Darauf kommen die Isomatten oder dünnen Luftmatratzen. Dann ist Zeit, etwas zu verschnaufen. Aus den Rucksäcken wird das zuvor im Supermarkt organisierte Abendbrot herausgekramt: Brötchen und Baguette, Käse, Trauben, Gurke, Oliven, Kekse, Schokoriegel – die Gruppe ist gut versorgt.
Eine Messfeier der Superlative: Unter den 1,5 Millionen Mitfeiernden sind nicht weniger als 10 000 Priester.
Von den offiziellen Weltjugendtags-Vespertüten haben sie nichts mehr abbekommen. Langsam verfärbt sich der Himmel zunächst in ein sattes gelb, dann in ein zartes rosa, bis die Sonne über dem Camp verschwindet. Gleichzeitig tummeln sich Menschen aufgeregt vor den Bildschirmen: Papst Franziskus trifft ein!
Die Vigil beginnt. Auf der Leinwand sind Tänzerinnen bei einer Art Ausdruckstanz zu sehen. Ein großes Orchester umrahmt die Feier musikalisch. Die Bühne mit dem Altar steht weit entfernt – zu weit, als dass man sie überhaupt sehen könnte. Trotzdem wird auf dem Feld andächtig gebetet, manche stehen, andere knien. Erneut machen sich Sprachbarrieren bemerkbar, denn der Papst hält seine Ansprache auf Spanisch. Per Radio lässt sich einer Live-Übersetzung lauschen, doch nicht jedes Handy kann das entsprechende Signal empfangen.
Der Papst spricht frei, oft weicht er vom Manuskript ab
Doch wenn der Papst spricht, dann hört man in der Welt aufmerksam zu. Daher gehen die Reden, die Franziskus in Portugal gehalten hat, schnell in die Runde. In eingängigen Worten vermittelte er Kernbotschaften des Christentums. Kontroverses gab es auch – allerdings nur zwischen den Zeilen.
„Die Kirche hat Platz für alle. Alle, alle, alle“, war einer dieser Sätze, die er während des mehrtägigen Riesenereignisses mehrere Male wiederholte. Ein anderer: „Gott liebt uns, wie wir sind.“ „Hinfallen ist nicht schlimm – man darf bloß nicht liegenbleiben“, sagte er bei der Vigilfeier. So einfach die Worte – sie verweisen doch auf Kernbotschaften des christlichen Glaubens. Beim Weltjugendtag zeigte sich das wichtigste Anliegen des Papstes aus Lateinamerika: die Frohe Botschaft so zu verkünden, dass jeder sie versteht und niemand ausgegrenzt wird. Im Vatikan agiert Franziskus entsprechend. Seit seiner Neuordnung der Kurie im Juni 2022 leitet er höchstpersönlich die dafür zuständige „Evangelisierungsbehörde“. Und sein neu benannter Chef-Dogmatiker Victor Fernandez soll nicht mehr Irrlehren abstrafen, sondern ebenfalls die Verkündigung in den Blick nehmen.
Von der sprühenden Ausgelassenheit lässt man sich gerne hinreißen – auch als Ordensmann.
Franziskus‘ Botschaft von der Kirche für „alle, alle, alle“ weist auch auf die Weltsynode im Oktober im Vatikan hin. Erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche werden Frauen bei einer Bischofssynode mit abstimmen. Zwar ist nur rund jede siebte Stimme weiblich; trotzdem ist der Schritt bemerkenswert. Laut dem offiziellen Arbeitspapier sollen die Synodalen auch über heiße Eisen sprechen, etwa den Umgang der Kirche mit LGBTQ und die Ehelosigkeit von Priestern.
In Lissabon benannte der Papst solche Konfliktthemen indirekt – etwa mit seiner Vision einer Kirche, die für ausnahmslos alle Menschen offenstehen müsse. Zum sexuellen Missbrauch äußerte er sich nicht – obwohl zu Jahresbeginn ein Untersuchungsbericht die portugiesische Öffentlichkeit schockiert hatte. Statt eines Statements empfing der Papst 13 Missbrauchsbetroffene in der örtlichen Vatikan-Botschaft. Das Treffen sei von einem „Klima intensiven Zuhörens“ geprägt gewesen, hieß es im Anschluss. Inhalte wurden nicht bekannt.
Zahlen
Rekordverdächtige Zahlen hat der Weltjugendtag in Lissabon gemeldet. Am Abschlussgottesdienst im Tejo-Park nahmen laut offiziellen Angaben rund 1,5 Millionen Menschen teil. Gemeinsam mit dem Hauptzelebranten am Altar, dem Lissaboner Kardinal Manuel Clemente, konzelebrierten etwa 700 Bischöfe und 10 000 Priester. Unter den angemeldeten Pilgern stellten laut den kirchlichen Veranstaltern die Spanier mit rund 80 000 und die Italiener mit 65 000 die größten ausländischen Gruppen. Es waren Teilnehmer aus rund 190 Ländern der Erde angemeldet. Mehr als 8 000 portugiesische Gastfamilien beherbergten rund 30 000 Pilger in ihren eigenen vier Wänden. Unter den Teilnehmern des Weltjugendtags waren 1750 mit unterschiedlichen geistigen oder körperlichen Behinderungen.
Alles in allem absolvierte Franziskus in Lissabon ein volles Arbeitsprogramm mit mehreren Auftritten vor Hunderttausenden Menschen. Bei diesen Groß-Terminen wich er teils stark von den Redemanuskripten ab. „Gibt es Dinge in meinem Leben, die mich zum Weinen bringen?“, fragte er zum Beispiel überraschend die Jugendlichen beim Kreuzweg. Vielen kamen in diesem Moment die Tränen. So machte der Papst mit nur wenigen Worten die 14 Stationen vom Leiden und Sterben Jesu auch für religiös Ungeschulte begreifbar.
Wie immer, wenn er frei redet, sprach Franziskus Spanisch, was auch viele Portugiesen verstehen. Dass Franziskus bei seinen Reden spontan improvisiert, ist nicht außergewöhnlich. Selten jedoch hat er Ansprachen so stark abgekürzt wie beim Weltjugendtag. Überraschend war auch, dass er am Marienwallfahrtsort Fátima auf einen ursprünglich geplanten Friedensappell verzichtete. Stattdessen hielt er eine kurze Ansprache über Maria und wiederholte seine Vision von einer offenen Kirche. Franziskus habe in Stille und „mit Schmerz“ vor der Madonnenfigur in Fátima für den Frieden gebetet, erklärte Vatikan-Sprecher Matteo Bruni im Anschluss. Mögliche Spekulationen um Sehprobleme wies er zurück.
Beichtgelegenheit der etwas anderen Art: Auf dem Gelände sind offen und einladend Örtlichkeiten für Beichte und persönliches Gespräch aufgestellt.
Eine kurze Nacht endet mit lauter Musik
Noch ist das Feld hell erleuchtet, hier singt eine Gruppe, dort füllen Menschen ihre Wasservorräte auf, da dröhnt auf einmal der Bass aus den Lautsprechern – auf der Leinwand läuft ein Film, was genau, ist unklar. Die ersten haben sich längst schlafen gelegt, doch es gelingt nur mäßig. Manch einer steht wieder auf oder schaut aufs Handy. Es verspricht, eine kurze Nacht zu werden.
Um kurz vor sieben Uhr weckt laute Techno-Musik die noch Schlafenden aus ihrer Ruhe: Ein DJ-Priester legt auf. Der Bass dröhnt aus den Lautsprechern. An den aufgestellten mobilen Toilettenkabinen bilden sich lange Schlangen. Andere putzen sich nahe der Wasserauffüllstation die Zähne, wo sich rund um einen kleinen Baum ein Teich bildet, der sich immer weiter ausbreitet. Um neun Uhr beginnt der Aussendungsgottesdienst, die letzte große Feier für diesen Weltjugendtag. Sie endet wieder mit einem der kurzen, einprägsamen Sätze des Papstes vor mehr als einer Million Teilnehmenden: „Fürchtet euch nicht!“ Danach wird es noch einmal spannend: Wo wird der nächste Weltjugendtag stattfinden? Der Papst hält die Spannung aufrecht, lädt zunächst zum Heiligen Jahr 2025 nach Rom ein. Und dann ist es so weit: Der nächste Weltjugendtag wird 2027 in Seoul in Südkorea stattfinden. Der 37. Weltjugendtag geht damit zu Ende. Die bereits gepackten Rucksäcke werden in die Höhe gehievt, sich ein Weg durch die Menschenmassen gebahnt.
Die Sonne scheint gnadenlos auf die Autobahn herab, auf der die Pilgerinnen und Pilger laufen. Die Freiburger Gruppe ist erneut zwei Stunden unterwegs, bevor sie wieder am Reisebus ankommt. Alle fix und fertig. Es dauert nicht lange, bis die Busbesatzung in den Schlummermodus verfällt. Jetzt geht es heim – voller Eindrücke.