Nach vierwöchigen Beratungen hat die in Rom tagende Weltsynode Grundlagen für künftige Kirchenreformen beschlossen. Die 346 abstimmenden Teilnehmer, unter ihnen mehr als 200 Bischöfe und etwa 50 Frauen, stimmten mit einer sehr breiten Mehrheit für die Prüfung theologischer und kirchenrechtlicher Veränderungen, die in einem nächsten Schritt konkrete Reformen ermöglichen.
Mit einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom endete die Weltsynode. Nach der deutlichen Zustimmung zu einem Grundlagenpapier werden bis Oktober 2024 konkrete Schritte erwartet.
Mit einem großen Gottesdienst im Petersdom ist nach vier Wochen die Weltsynode der katholischen Kirche zu Ende gegangen. Papst Franziskus sagte, die „große und immerwährende Reform“ liege darin, eine anbetende Kirche zu sein, die der verwundeten Menschheit dient und „die Zerbrechlichen, Schwachen und Ausgestoßenen auf ihrem Weg begleitet und den Ärmsten liebevoll begegnet“.
Mit Blick auf den Fortgang der Weltsynode zur Umgestaltung der katholischen Kirche sagte der Papst: „Heute sehen wir noch nicht die ganze Frucht dieses Prozesses, aber wir können mit Weitsicht auf den Horizont blicken, der sich vor uns auftut: Der Herr wird uns leiten und uns helfen, eine synodalere und missionarischere Kirche zu sein, die Gott anbetet und den Frauen und Männern unserer Zeit dient und hinausgeht, um allen die tröstliche Freude des Evangeliums zu bringen.“
Alle Punkte erzielen eine Mehrheit von 80 Prozent
Papst Franziskus warb in seiner Predigt für eine „Kirche mit offenen Türen“. Als „Hafen der Barmherzigkeit“ müsse sie alle Schiffbrüchigen aufnehmen und retten, seien es Übeltäter oder gute Menschen. Eindringlich erinnerte Franziskus an die Opfer der Kriegsgräuel die Leiden der Migranten und „diejenigen, die keine Stimme haben“. Hinter schönen Worten und Versprechungen würden oft Formen der Ausbeutung begünstigt oder geduldet. Schwächere auszubeuten sei „eine schwere Sünde, sie zersetzt die Geschwisterlichkeit und richtet die Gesellschaft zugrunde“, sagte er.
Am Vorabend hatten rund 350 Bischöfe und katholische Laien – darunter erstmals auch Frauen mit Stimmrecht – sich in der Schlusserklärung der Synode dafür ausgesprochen, theologische und kirchenrechtliche Veränderungen auf den Weg zu bringen. Um neue Formen der Entscheidungsfindung in der bislang hierarchisch von oben nach unten organisierten Kirche zu ermöglichen, votierte die Synode für eine grundlegende Änderung des Kirchenrechts. Eine Kommission von Theologen und Kirchenjuristen soll dazu bis zur nächsten Phase der Weltsynode im Oktober 2024 die notwendigen Klärungen herbeiführen. Alle Punkte erhielten eine Mehrheit von mindestens 80 Prozent der abgegebenen Stimmen. Erforderlich war lediglich eine Zweidrittelmehrheit. Die meisten Gegenstimmen (19,9 Prozent) erhielt der Absatz, in dem es um die Einführung des Frauendiakonats geht. Entschieden hat, um es exakt zu sagen: die 16. Generalversammlung der Synode zur Synodalität. In aller Welt wird diese ganz besondere Bischofskonferenz schlicht als „Weltsynode“ bezeichnet – zumindest als eine wichtige Etappe der mehrjährigen Weltsynode, die im Oktober 2024 zu Ende gehen soll – dann mit konkreten Ergebnissen. Noch liest sich das verabschiedete Papier daher wie eine Arbeitsanweisung für die kommenden Monate.
„Klerikalismus und Machismo schaden der Gemeinschaft“
Das sogenannte Synthesenpapier wirft einen neuen Blick auf die Welt und die Kirche und ihre Forderungen. Die etwa vierzig Seiten des Dokuments sind das Ergebnis der Arbeit der Versammlung, die tagte, „während alte und neue Kriege in der Welt wüten, mit dem absurden Drama unzähliger Opfer“, wie es heißt. „Der Schrei der Armen, derer, die zur Migration gezwungen sind, derer, die Gewalt erleiden oder unter den verheerenden Folgen des Klimawandels leiden, ist unter uns laut geworden, nicht nur durch die Medien, sondern auch durch die Stimmen vieler, die mit ihren Familien und Völkern persönlich von diesen tragischen Ereignissen betroffen sind“. Auf diese und viele andere Herausforderungen hat die Weltkirche in den Arbeitskreisen, „circoli minori“ genannt, und in den Ansprachen versucht, eine Antwort zu geben. Wie schon im Brief an das Volk Gottes bekräftigte die Synodenversammlung „die Offenheit, allen zuzuhören und sie zu begleiten, auch denen, die in der Kirche Missbrauch und Verletzungen erlitten haben“. Auf dem Weg „zu Versöhnung und Gerechtigkeit“ müssen „die strukturellen Bedingungen, die solche Missbräuche ermöglicht haben, angegangen und konkrete Gesten der Buße gesetzt werden“.
Reaktionen aus Deutschland
Vertreter der Katholischen Kirche in Deutschland haben sich erfreut über den Abschlusstext der in Rom tagenden Weltsynode geäußert:
Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, würdigte das Dokument als „den Beginn eines Kulturwandels“. Stetter-Karp und ZdK-Vizepräsident Thomas Söding sehen im Abschlussdokument eine „Bestätigung für den Synodalen Weg in Deutschland“. Söding, der als beratender Experte in Rom bei der vierwöchigen Sitzung dabei war, erklärte: „Die Themen, die wir bei uns behandeln, sind eindeutig Themen, die überall in der Weltkirche wichtig sind.“ Wichtig seien die Ergebnisse vor allem für den Synodalen Ausschuss, der sich Mitte November in Deutschland etablieren und einen ständigen Synodalen Rat vorbereiten soll, in dem Bischöfe und Laien gemeinsam beraten und entscheiden. Der Vatikan hatte sich zuvor mehrfach gegen die Gründung eines Synodalen Rats ausgesprochen, da die Autorität der Bischöfe nicht eingeschränkt werden dürfe. Auch die Initiative „Wir sind Kirche“ sieht im Ausgang der Konferenz Rückenwind für die Reformanliegen in Deutschland. „Das, was gerade in den letzten Tagen nach außen gedrungen ist, zeigt: Die Synode lebt.“ Themen wie die Gleichberechtigung von Frauen und die Einbeziehung von Minderheitengruppen müssten nun kirchenrechtlich weiterentwickelt werden. „Das wird nicht einfach werden“, so die Initiative. Gleichzeitig bedauerte „Wir sind Kirche“, dass aus Deutschland nur fünf Bischöfe als wahlberechtigte Teilnehmer berufen wurden. Das sei „ein Affront“ gegenüber der Kirche im Land und dem Synodalen Weg, der „wichtige Vorarbeit für die Weltsynode geleistet hat“, heißt es in einer Erklärung.
Synodalität sei in diesem Prozess ein erster Schritt, heißt es in dem Dokument. Ein Begriff, von dem die Synodalen selbst einräumen, dass er „vielen Mitgliedern des Volkes Gottes unbekannt ist“ und „bei einigen Verwirrung und Besorgnis hervorruft“, bei denen, die eine Abkehr von der Tradition, eine Entwertung des hierarchischen Charakters der Kirche, einen Machtverlust oder im Gegenteil Unbeweglichkeit und mangelnden Mut zur Veränderung befürchten. „Synodal“ und „Synodalität“ seien stattdessen Begriffe, die „auf eine Art und Weise hinweisen, Kirche zu sein, die Gemeinschaft, Sendung und Beteiligung zum Ausdruck bringt“.
Der Bericht widmet den Armen breiten Raum, die die Kirche um „Liebe“ bitten, verstanden als „Respekt, Annahme und Anerkennung“. „Für die Kirche ist die Option für die Armen und Ausgestoßenen eine theologische Kategorie, bevor sie eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Kategorie ist“, heißt es in dem Dokument, das auch Migranten, Ureinwohner sowie Opfer von Gewalt, Missbrauch (vor allem Frauen), Rassismus und Menschenhandel, neben Suchtkranken, Minderheiten, verlassenen alten Menschen und ausgebeuteten Arbeitern, als „arm“ bezeichnet. In diesem Sinne wird die Kirche aufgefordert, sich sowohl für die „öffentliche Anprangerung der Ungerechtigkeiten“ als auch für ein aktives Engagement in Politik, Verbänden, Gewerkschaften und Volksbewegungen einzusetzen. Der Schwerpunkt liegt auf Migranten und Flüchtlingen, „von denen viele die Wunden von Entwurzelung, Krieg und Gewalt tragen“. Sie „werden zu einer Quelle der Erneuerung und Bereicherung für die Gemeinschaften, die sie aufnehmen, und zu einer Gelegenheit, eine direkte Verbindung mit geografisch weit entfernten Kirchen herzustellen“. Die Kirche müsse sich gleichermaßen engagieren und darauf achten, „eine Kultur des Dialogs und der Begegnung zu schaffen und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen.
Gruppenbild mit Papst: Vier Wochen lang diskutierte die durch Laien erweiterte Bischofssynode über Reformschritte für die katholische Kirche.
„Laien, geweihte Männer und Frauen und geweihte Amtsträger haben die gleiche Würde“: Diese Annahme wird im Synthesebericht nachdrücklich bekräftigt, der daran erinnert, dass die Laien „zunehmend auch im Dienst innerhalb der christlichen Gemeinschaften präsent und aktiv sind“. Glaubenserzieher, Theologen, Ausbilder, Seelsorger und Katecheten, die in der Seelsorge und Verwaltung tätig sind: ihr Beitrag sei „für die Sendung der Kirche unverzichtbar“. Die verschiedenen Charismen müssten daher „hervorgehoben, anerkannt und voll zur Geltung gebracht werden“ und dürfen nicht herabgewürdigt werden, indem sie nur den Priestermangel ausgleichen, oder, schlimmer noch, ignoriert, zu wenig genutzt und „klerikalisiert“ werden.
Die Frage nach dem Diakonat der Frau wird weiter geprüft
Viele Frauen, die an der Synode teilnahmen, „drückten ihre tiefe Dankbarkeit für die Arbeit von Priestern und Bischöfen aus, sprachen aber auch von einer Kirche, die verwundet“. „Klerikalismus, Machismo und unangemessener Gebrauch von Autorität prägen weiterhin das Gesicht der Kirche und schaden der Gemeinschaft.“ Eine „tief greifende spirituelle Umkehr und strukturelle Veränderungen“ seien erforderlich, ebenso wie „ein Dialog zwischen Männern und Frauen ohne Unterordnung, Ausgrenzung oder Konkurrenz“. Die Meinungen über den Zugang der Frauen zum Diakonat gehen auseinander: für die einen ist es ein „inakzeptabler“ Schritt, „der nicht mit der Tradition übereinstimmt“; für die anderen würde es eine Praxis der frühen Kirche wiederherstellen. Die Synodenväter und -mütter bitten darum, „die theologische und pastorale Forschung über den Zugang der Frauen zum Diakonat“ fortzusetzen und dabei die Ergebnisse der vom Papst eigens eingesetzten Kommissionen zu nutzen, aber auch die bereits durchgeführten theologischen, historischen und exegetischen Forschungen: „Wenn möglich, sollten die Ergebnisse auf der nächsten Tagung der Versammlung vorgelegt werden.“
Reaktionen deutscher Bischöfe
Die deutschen Bischöfe, die bei der Weltsynode mit dabei waren, haben eine positive Bilanz gezogen und für das kommende Jahr weitere Schritte gefordert:
Der Limburger Bischof Georg Bätzing sagte, die Synode sei sehr ehrlich gewesen, weil offen alle brennenden Probleme in der Kirche angesprochen worden seien. Dazu gehöre auch die Aussage, dass der Missbrauch in der Kirche strukturelle Ursachen habe. Das sei zwar aus deutscher Sicht nicht neu, aber es sei etwas Neues, wenn es auf Ebene einer Weltbischofssynode anerkannt werde. Was aus seiner Sicht noch gefehlt habe, sei Mut, sagte Bätzing. Es sei noch viel Angst zu spüren gewesen vor Veränderungen in der Kirche. Der Augsburger Bischof Bertram Meier lobte die Ehrlichkeit der Synode. Alle kontroversen Themen lägen jetzt auf dem Tisch. „Manchmal sind wir in der katholischen Kirche versucht, von freundlichen Lügen zu leben, weil uns zur Wahrheit die Liebe fehlt“, bemerkte Meier. Der Münsteraner Bischof Felix Genn, ältester Teilnehmer aus Deutschland, erklärte, die Synode sei eine Erfahrung des Teilens, bei der auch Ängste offen zur Sprache gekommen seien. Es sei aber nicht darum gegangen, dass sich der Stärkere durchsetzt. „Im Mittelpunkt der Weltsynode steht das wechselseitige Zuhören, das gemeinsame Fragen und Suchen der versammelten Christinnen und Christen“, betonte unterdessen in Freiburg Erzbischof Stephan Burger. „Diese Veränderung im Umgang ist wichtiger als erste Beschlüsse oder das Festklopfen kirchenpolitischer Positionen. Den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten sowie Frauen und Männern aus Kirche und Gesellschaft geht es sicherlich nicht darum, Kirche neu zu erfinden oder Brücken abzubrechen. Für mich persönlich ist es ein Herzensanliegen, Brücken zu bauen über die Gräben, die zweifelsohne in der Kirche weltweit vorhanden sind – und zu den Menschen in der Welt.“
In der Zwischenzeit wird die Dringlichkeit bekräftigt, „sicherzustellen, dass Frauen an Entscheidungsprozessen teilnehmen und verantwortungsvolle Aufgaben in der Seelsorge und im Dienst übernehmen“, wobei das Kirchenrecht entsprechend angepasst werden sollte. Auch Fälle von Diskriminierung bei der Beschäftigung und ungerechter Entlohnung müssen angegangen werden, auch in der Kirche, wo „geweihte Frauen oft als billige Arbeitskräfte angesehen werden“. Stattdessen sollte der Zugang von Frauen zu theologischen Aus- und Weiterbildungsprogrammen ausgeweitet und die Verwendung einer inklusiven Sprache in liturgischen Texten und kirchlichen Dokumenten gefördert werden.
Das Thema Zölibat wurde auf der Versammlung unterschiedlich bewertet. Die „disziplinäre Verpflichtung“, insbesondere dort, wo der kirchliche und kulturelle Kontext dies erschwert, sei ein Thema, das weiter aufgegriffen werden müsse. Bischöfe, so hieß es, stünden häufig in der Gefahr einer „Überlastung durch administrative und rechtliche Verpflichtungen“, die ihre Mission behindern. Bischöfe werden in dem Papier aufgerufen, „ein Beispiel für Synodalität“ zu sein, indem sie „Mitverantwortung“ ausüben, verstanden als die Einbeziehung anderer Akteure innerhalb der Diözese und des Klerus. Bei der Frage des Missbrauchs, der „viele Bischöfe in die Schwierigkeit versetzt, die Rolle des Vaters und die des Richters zu vereinbaren“, wird vorgeschlagen, „die richterliche Aufgabe einer anderen, kanonisch zu bestimmenden Instanz anzuvertrauen“.
Mitten drin statt über allem thronend: Papst Franziskus saß bei den Arbeitskreisen gemeinsam mit anderen Delegierten an runden Tischen.
Dialog mit den Wissenschaften für neue Wege in der Sexualmoral
Die Synode bittet, den Dialog mit den Humanwissenschaften zu vertiefen, um „Fragen zu entwickeln, die auch innerhalb der Kirche umstritten sind“. Es handele sich dabei um Fragen, „die die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung, das Ende des Lebens, schwierige Ehesituationen und ethische Probleme im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz betreffen“. Für die Kirche stellen diese „neue Fragen“. „Es ist wichtig, sich die nötige Zeit für diese Überlegungen zu nehmen und die besten Energien in sie zu investieren, ohne sich zu vereinfachenden Urteilen hinreißen zu lassen, die den Menschen und dem Leib der Kirche schaden“, betont der Text und erinnert daran, dass „viele Hinweise bereits vom Lehramt gegeben werden und darauf warten, in geeignete pastorale Initiativen umgesetzt zu werden“. Es gelte „authentisch“ den Menschen zuzuhören, „die sich aufgrund ihrer Ehesituation, ihrer Identität und ihrer Sexualität an den Rand gedrängt oder von der Kirche ausgeschlossen fühlen“.
Angesichts der Erfahrungen, von denen einige Synodenmitglieder aus Afrika in der Vollversammlung berichteten, werden die Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar ermutigt, „eine theologische und pastorale Unterscheidung“ zum Thema Polygamie zu fördern.
Alles in allem also eine riesige Bandbreite, mit denen die Synode die „Pluralität der Ausdrucksformen von Kirche-Sein“ anerkennt, ein Prinzip, das die verschiedenen Kulturen in den Blick nimmt, in denen Katholiken leben.