Nach gut 18 Jahren als Leiter der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé gibt der deutsche Katholik Frère Alois (69) zum Ersten Advent den Stab weiter an den britischen Anglikaner Frère Matthew (58). Im Interview mit Alexander Brüggemann blicken die beiden nach vorn - und zurück.
Frere Alois, was ist das für ein Gefühl: nach 18 Jahren zurück ins Glied zu treten, ein neuer Lebensabschnitt?
Frere Alois: Ja, es ist ein neuer Lebensabschnitt für mich - aber auch für die ganze Communaute! Ich habe das Gefühl eines Aufbruchs, der aber bereits seit zwei Jahren vorbereitet wird. Schon vor längerer Zeit habe ich den Brüdern gesagt, dass wir in eine neue Lebensphase eintreten - und dass es gut ist, dass die Communaute dafür einen neuen Prior hat.
Stabwechsel: Frère Matthew (links) wird am 3. Dezember neuer Prior der Communaute von Taize. Er übernimmt das Amt von Frère Alois (rechts), der im württembergischen Ehingen geboren wurde. Das Foto zeigt die beiden im September im Vatikan.
Frere Matthew, bald kommt die Stunde der Übernahme, auf die Sie sich nun schon einige Monate vorbereiten konnten. Wie mulmig oder wie freudig ist Ihnen zumute angesichts der künftigen Verantwortung?
Frère Matthew: Ich kann mich auf meine Brüder stützen; sie sind sehr gut zu mir. Als Frère Alois mir die Frage gestellt hat, ob ich diese Aufgabe übernehmen könnte, habe ich nicht sofort Ja gesagt. Aber nach einem anfänglichen Zögern war ich bereit - und gehe die Aufgabe mit einem inneren Frieden an. Ich konnte Ja sagen, auch durch Gespräche mit Menschen von außerhalb der Communaute. An diesen Punkt kann ich mich noch gut erinnern - wie an einen Gründungsmoment.
Ich empfinde große Dankbarkeit gegenüber Frère Alois - für alles, was er in diesen 18 Jahren und davor für die Communaute getan hat. Er hat uns durch eine schwierige Zeit und auf einen neuen Weg des Austauschs innerhalb unserer Brüdergemeinschaft geführt. Wir sind jetzt freier in unseren Gesprächen, und das ist sehr schön.
Was meinen Sie mit «freier sprechen»?
Frère Matthew: Während der Pandemie mussten wir in kleinen Gruppen leben, um Ansteckungen zu vermeiden und die älteren Brüder zu schützen. Das hat uns zu einem neuen Miteinander gebracht. Es hat uns erlaubt, einander noch tiefer kennenzulernen; und das hat Auswirkungen auf Entscheidungen in verschiedenen Bereichen unseres Lebens.
Haben Sie in den vergangenen Monaten eine regelrechte Lehre gemacht bei Frère Alois und eine Art Handbuch Taizé vom alten Prior bekommen - oder lassen Sie die Dinge auf sich zukommen mit Ihren ganz eigenen Erfahrungen?
Frère Matthew: Wir haben natürlich unsere «Regel», die unser Gründer, Frère Roger, geschrieben hat. Das ist für uns eine Art Lebensbuch.
Und ja: Natürlich habe ich in den vergangenen Monaten viel mit Frère Alois gesprochen. Aber er hat mir auch viel Freiheit für meine eigenen Ideen und Impulse gelassen. Bestätigung durch andere, Freiheit, gegenseitige Begleitung, Respekt - all das hat mir sehr geholfen.
Frère Roger hat ja dafür Sorge getragen, dass der historische und der administrative Rucksack der Gemeinschaft klein bleibt - anders als bei anderen geistlichen Orden in der Geschichte. Also:keinen Besitz, wenig Strukturen. Wie muss ich mir das Gedächtnis, das Archiv von Taizé vorstellen, das da jetzt übergeben wird?
Jugendliche beten in Taize. Die ökumenische Gemeinschaft fasziniert seit Jahrzehnten die Menschen.
Frère Alois: Wir sind eine Gemeinschaft von knapp 90 Brüdern, also nicht besonders groß. Daher spielen die persönlichen Beziehungen eine wichtige Rolle. Nach dem Tod von Frère Roger war die Einheit unter uns Brüdern für uns alle eine große Hilfe. Es stimmt, dass wir wenig Strukturen haben. Vielleicht sind wir bis jetzt immer noch in der Anfangszeit unserer Communaute gewesen. Aber wir spüren nun, im Übergang zu einem neuen Prior, dass für die Kontinuität auch gewisse Strukturen notwendig sind: mehr Beteiligung aller Brüder an der Entscheidungsfindung, auch in materiellen und pastoralen Fragen.
Frère Roger als Gründer war eine charismatische Persönlichkeit. Er hat einen deutlichen Weg gezeigt - und wir Brüder sind diesen Weg mit ihm gegangen. Für die Zukunft müssen wir nun einfache Strukturen finden, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen; das bedeutet ein starkes Aufeinanderhören, auch noch mehr auf die Brüder, die von den anderen Kontinenten kommen. Das Interkulturelle in unserer Gemeinschaft ist ein großer Schatz - und gleichzeitig eine große Aufgabe, an der wir weiter arbeiten müssen.
Frère Alois, wo werden Sie künftig leben - und warum haben Sie sich gerade dieses Ziel oder diese Aufgabe ausgewählt?
Frère Alois: Mir war sehr bald klar, dass ich eine längere Zeit außerhalb von Taize verbringen möchte, um den Platz hier wirklich freizumachen. Ich gehe zunächst für einige Monate in eine Ordensgemeinschaft, die wir kennen, nach Italien und dann für längere Zeit nach Kuba, wo einige von uns Brüdern in einer kleinen Stadt drei Autostunden von Havanna entfernt leben. Wir werden dort zu dritt sein.
Das heißt aber, Sie wollen schon eines Tages oder in zwei Jahren nach Taizé zurückkommen?
Frère Alois: Dafür werden Frère Matthew und die Brüder sicher beizeiten einen Vorschlag machen. Ich lasse das auf mich zukommen, aber wir werden auch da bestimmt gut aufeinander hören.
Wie wird der Stabwechsel konkret vor sich gehen? Haben Sie dafür eine besondere Form von Liturgie - oder wird das sehr inoffiziell?
Frère Alois: Nach dem Tod von Frere Roger habe ich damals einfach angefangen - es gab keine Liturgie der Übergabe. Dieses Mal haben wir eine schlichte Liturgie vorbereitet. Wir werden zuerst unter uns Brüdern einige Tage in Stille verbringen. Zwei Ordensschwestern, die wir kennen, werden uns in dieser stillen Zeit begleiten. Dann, am Samstagabend, dem 2. Dezember, haben wir eine Liturgie der Übergabe mit einfachen Gebeten und einem kurzen Dialog zwischen Frere Matthew und mir. Darauf folgt eine Segnung von allen Brüdern.
Danach werden Vertreter verschiedener Kirchen ein Segensgebet sprechen. Der katholische Bischof von Autun wird hier sein, zwei anglikanische Bischöfinnen aus England, ein Pastor der evangelischen Kirche in Frankreich und Metropolit Maximos aus Genf, der von Patriarch Bartholomaios gesandt wird. Wir wollen auf diese Weise zeichenhaft zum Ausdruck bringen, dass uns die Einheit der Christen sehr am Herzen liegt.
Zuerst war ein Calvinist Prior von Taize, dann ein Katholik, künftig ein Anglikaner. Entwickelt sich da eine Art rollierendes System?
Frère Matthew: Das möchte vor allem zeigen, dass uns die ökumenische Berufung sehr wichtig ist. Dieser Wechsel der Konfessionen in der Leitung ist nicht das Wichtigste; unsere Regel lässt uns da eine große Freiheit. Es geht in der Nachfolge Christi letztlich nicht um eine bestimmte Konfession, sondern um die Erwartungen der Gemeinschaft der Christen.
Missbrauchsfälle haben auch einen Schatten auf das Leben in Taize geworfen. Menschen haben dadurch das Vertrauen in die Gemeinschaft verloren. Wie bewerten Sie heute den Stand der Aufarbeitung?
Frère Alois: Das hat nicht nur einen Schatten geworfen, sondern hat uns innerlich tief erschüttert. Die ersten Gespräche mit Opfern waren für mich ein großer Schock, und ich musste erst begreifen, wie tief die Traumata sind, mit denen diese Menschen leben müssen. Es ist für uns ein großer Lernprozess, und ich muss sagen: Die Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben und mit uns darüber gesprochen haben, haben uns geholfen, uns diesen Situationen zu stellen.
Es geht uns zum einen darum, die Betroffenen so gut wir können zu begleiten und zu helfen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt; sei es auf gerichtlichem Weg oder über die französische «Kommission für Anerkennung und Wiedergutmachung». Zum anderen arbeiten wir alle hier mit eigenen Fortbildungen intensiv daran, Taize zu einem sicheren Ort für alle zu machen.
Frère Matthew: Die Arbeit an diesem Thema wird nie erledigt oder abgeschlossen sein. Wir müssen immer wieder aufmerksam sein:
zuallererst wir Brüder, aber auch die Freiwilligen und alle, die hier Verantwortung tragen. Außerdem müssen wir immer wieder bereit sein, den Betroffenen zuzuhören. Seit 2019 bieten zwei unserer Brüder jede Woche für alle, die gerade auf dem Hügel sind, ein Gespräch an, in dem es um Missbrauch hier und anderswo in der Kirche geht. Außerdem kommen auch Menschen, die in einem persönlichen Gespräch über solche Situationen sprechen wollen; zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben.
Bei alledem haben wir auch Unterstützung von Leuten von außerhalb der Gemeinschaft, zum Beispiel von Psychologen und Sozialarbeitern.
Frère Alois, Sie haben jetzt rund 50 Jahre in Taizé verbracht.Wie hat sich die christliche Jugend in dieser Zeit verändert?
Frère Alois: Oh, sehr stark. Als ich Anfang der 70er Jahre hier ankam, hatten wir eine große Hoffnung, die Welt verändern zu können - dass der Hunger aus der Welt geschafft und Frieden herrschen würde. Heute leben wir in viel schwierigeren Zeiten, und wir spüren, dass das die jungen Menschen stark belastet: die Kriege, der Klimawandel. Gleichzeitig sehen wir, dass sich viele junge Menschen stark engagieren, etwa in ökologischen Fragen. Unsere Aufgabe ist auch, dieses Engagement mit unserem Glauben zu verbinden, damit eine Hoffnung wach bleibt.
Und was die Religion selbst angeht?
Frère Alois: Die kirchliche Bindung von Jugendlichen wird schwächer.
Das spüren wir überall in Europa, auch hier in Taizé. Aber zugleich sind viele auf einer geistlichen Suche und stellen sich ganz existenzielle Fragen. Die Jugendlichen sind dankbar, dass sie hier eine Möglichkeit zum Austausch finden - im gemeinsamen Gebet, beim Singen, in der Stille. Hier können sie einfach so sein, wie sie sind, ohne dass irgendwelche Forderungen an sie gestellt werden.
Frère Matthew, wie werden Ihre ersten Wochen als Prior aussehen?
Planen Sie Reisen, um die ökumenische Welt kennenzulernen, in der sie ja auch agieren - oder wollen Sie erst mal «nach innen gehen»?
Frère Matthew: In die ökumenische Welt hat mich Frère Alois schon in den vergangenen Monaten eingeführt. Wir waren in Istanbul bei Patriarch Bartholomaios und in London beim anglikanischen Primas, Erzbischof Justin Welby; wir waren bei Papst Franziskus und in Genf beim Generalsekretär des Weltkirchenrates, Pfarrer Jerry Pillay. Ich habe dann bei der Vorbereitung des ökumenischen Abendgebets «Together» mitgearbeitet, das zum Beginn der Weltsynode Ende September auf dem Petersplatz stattfand. Dadurch habe ich vieles besser verstehen gelernt.
Am Anfang möchte ich jetzt vor allem viel Zeit mit meinen Brüdern in Taizé verbringen; ich möchte ihnen zuhören und noch besser verstehen, was sie bewegt. Am Jahresende haben wir dann unser Europäisches Jugendtreffen in Ljubljana, in Slowenien. Die meisten von uns Brüdern werden dort sein. Das Motto für das kommende Jahr lautet: «Gemeinsam auf dem Weg sein». Das ist auch eine Verbindung mit der Weltsynode der katholischen Kirche. Ich war in Prag bei der Kontinentalen Phase des synodalen Prozesses. Auch dort habe ich sehr viel gelernt.
2024 jährt sich das «Konzil der Jugend» zum 50. Mal. Werden Sie das inhaltlich aufgreifen - oder ist das für Sie nur eine historische Zahl?
Frère Alois: Ich glaube, dass unsere Botschaft für das nächste Jahr auch daran anschließt: «Gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam aufbrechen.» Frère Roger wollte ja damals nicht nur drei Tage lang ein großes Treffen veranstalten. Das «Konzil der Jugend» ist in einen «Pilgerweg des Vertrauens» übergegangen, den wir seit dieser Zeit fortsetzen - mit Begegnungen nicht nur in Europa, sondern auch auf den anderen Kontinenten.
Frère Matthew, Sie haben kürzlich, wenn auch recht vorsichtig, das Thema «Schwestern in der Gemeinschaft von Taizé» angesprochen.Das ist auf große Aufmerksamkeit gestoßen. Wollen Sie das einmal weiter ausführen?
Frère Matthew: Nun, wir sind eigentlich glücklich mit der Situation, wie sie jetzt in Taizé ist. Die Zusammenarbeit mit den Schwestern von Saint-Andre besteht mittlerweile seit über 50 Jahren. Daran liegt uns sehr viel. Darüber hinaus leben polnische Ursulinenschwestern und andere Schwesterngemeinschaften in Taizé, die bei der Begleitung der Gäste mithelfen. Außerdem leben junge Frauen als Freiwillige hier.
Manchmal kommt die Frage: «Kann ich als Frau nicht auch Schwester von Taizé werden?» - Mit dieser Frage müssen wir uns natürlich auseinandersetzen. Mein Eindruck ist, dass es dafür noch eine Zeit des Reifens braucht. Doch eine Entscheidung darüber liegt nicht beim Prior, sondern bei der gesamten Communaute. Wir müssen weiter darüber sprechen und eines Tages eine Entscheidung treffen, falls jemand kommt und uns die Frage mit großem Ernst stellt.
Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben - und Ihnen beiden alles Gute für die neuen Wege, die nun beginnen.