Gebackene Liebe – "eine Luxusbeschäftigung"

05.12.2023 |

Manche machen es alleine, andere treffen sich mit Freunden und Familie. So oder so ist das Plätzchenbacken im Advent für viele ein liebgewonnenes Ritual. Warum wir so gerne Weihnachtsplätzchen backen ...

Vanillekipferl, Spritzgebäck, Zimtsterne - in diesen Tagen überbieten sich Zeitschriften wieder mit Rezeptideen für die Weihnachtsbäckerei. Vielen läuft schon bei dem Gedanken an diese Leckereien das Wasser im Mund zusammen. Und wenn dann erst der Duft von Frischgebackenem die Wohnung erfüllt, muss die Plätzchendose gut versteckt werden. Kein Wunder, dass das Backen zur Einstimmung auf die Weihnachtszeit oft dazu gehört.
 
«Plätzchenduft erinnert viele an ihre Kindheit, man kann ihm kaum widerstehen», sagt die Bonner Brauchtumsforscherin Gabriele Dafft. Schließlich sei der Geruchssinn stark mit Gefühlen wie Geborgenheit gekoppelt.
 
Seit 45 Jahren 12 bis 15 Sorten
 
In vielen Küchen wird im Advent fleißig ausgerollt, geknetet, ausgestochen, verziert und natürlich auch probiert.
 
Auch Christiane Schlie taucht gerne in diese Welt ein. Lebkuchen, Dominosteine, Spitzbuben und Früchtebrot sind bei der Frankfurter Ärztin in jedem Jahr ein Muss. Meist um das erste Adventswochenende trifft sich die 52-Jährige mit ihren Lieben, um zwölf bis 15 Sorten zu backen. «Seit bestimmt 45 Jahren gibt es dieses Backwochenende mit Kind und Kegel», sagt Schlie. Früher habe sie sich dazu mit ihren drei Geschwistern, ihrer Mutter und Tante getroffen. In diesem Jahr backt sie mit ihren Nichten und Neffen und ihrer 84-jährigen Mutter. Von ihr hat sie diese Tradition übernommen. «Wir sind ein eingespieltes Team – jeder weiß, wie es funktioniert.» An dem Wochenende entstehen so in Teamarbeit rund 1.500 Plätzchen.
 
Auch wenn das adventliche Backen bei Schlies und anderen Familien eine lange Tradition hat – Weihnachtsplätzchen sind eine eher junge Erfindung, weiß die Bonner Brauchtumsforscherin Gabriele Dafft. Schließlich müssten dafür erst einmal andere Bedürfnisse gedeckt sein: «Man muss dafür ausreichend Nahrungsmittel, Muße und andere Ressourcen zur Verfügung haben.» Plätzchenbacken sei «eine Luxusbeschäftigung», sagt sie.
 
Der Trend zum Plätzchenbacken begann in den 50er Jahren
 
Die Brauchtumsforscherin Gabriele Dafft vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn.
Der Trend zur weihnachtlichen Plätzchenbäckerei habe sich erst ab den 1950er Jahren entwickelt, «als Backzutaten und weihnachtliche Gewürze für alle erschwinglich wurden». Dazu habe auch ein bekanntes deutsches Familienunternehmen beigetragen, das Plätzchenbacken mit Zutaten und Rezeptheften promotet habe.
 
Rund 30 Plätzchenrezepte hat Schlie über die Jahre ausprobiert.
Einige wie die von Anisplätzchen und Lebkuchen stammen noch von ihrer Oma, die diese handschriftlich in einem Notizbuch – «ein Familienschatz» – festgehalten hat. Neuere Backanleitungen sammelt die Frankfurterin in einem Ringbuch, mitsamt Anmerkungen am Rand. «Wir sind immer am Optimieren, ergänzen Zutaten, wandeln Mengen ab», verrät die passionierte Bäckerin. Und damit es nicht langweilig wird, lässt sie sich auch öfter auf neue Kreationen ein. «Ich muss immer was ausprobieren.»
 
Der kritische Blick auf den bunten Teller
 
Zum Optimieren gehört für sie auch der kritische Blick auf den bunten Teller. Was dort am längsten liegen bleibt, muss sich einer weiteren Geschmackskontrolle unterziehen. Beim nächsten Mal mehr Nüsse nehmen oder weniger Zucker, Vollkorn- statt Weißmehl? «Florentiner haben wir schon oft abgewandelt und den Spitzbubenteig immer weiter verbessert.»
 
In den vergangenen 50 Jahren ist die Weihnachtsbäckerei ausgefallener geworden, beobachtet Dafft, die zum Thema Alltagskultur forscht.
Neben den traditionellen Gebäcksorten seien in den 1970er Jahren exotischere Formen und Gewürze hinzugekommen. «Momentan sind Rezepte mit Cranberries und anderen Zutaten im Trend, die als Superfood gelten.» Für Dafft ist Weihnachtsgebäck damit immer auch «ein Spiegel seiner Zeit».
 
Auch die Frankfurter Ärztin Schlie hat schon mit Cranberries gebacken, kommt aber meist wieder zu den klassischen Rezepten zurück – mit Datteln, Feigen, Nüsse, Rosinen. Tradition gilt bei ihr nicht nur bei vielen Rezepten, sondern auch bei der Herstellung.
 
«Meine Mutter knackt die an ihrem Walnussbaum gesammelten Nüsse selbst, sie werden wie vor 40 Jahren mit unserer alten Maschine gemahlen.» Der Teig entsteht meist ohne Rührgerät, «ich brauche das Gefühl in der Hand», verrät Schlie. Die Masse knete sie mit Liebe und bringe sie in «uralten Altstechformen» in Form. Selbst bei 1.500 Plätzchen gehe es aber nicht um Massenproduktion. Jede einzelne Leckerei in der Hand gehabt und selbst verziert zu haben, gebe einfach ein gutes Gefühl.
 
Viel mehr als nur Nahrungszubereitung
 
Das bestätigt Brauchtumsforscherin Dafft. «Weihnachtsplätzchen zu backen ist weit mehr als Nahrungszubereitung.» Schließlich verkörperten sie auch Gemütlichkeit in der Adventszeit. Diese werde trotz aller Hektik und Erledigungen noch als besinnliche Zeit wahrgenommen. «Beim Plätzchenbacken – alleine oder auch in Gemeinschaft – kann man gut runterkommen. Und das Ergebnis wird oft auch gerne verschenkt.»
 
Glücklich kann sich schätzen, wer über solch eine Plätzchenauswahl verfügt.
 
So auch bei Christiane Schlie und ihrer Familie. Nicht nur Freunde und Nachbarn dürfen sich über Kostproben freuen. Weiter entfernt lebende Freunde werden vor Weihnachten mit Plätzchen-Päckchen beglückt. Auch hunderte Kilometer von Frankfurt entfernt werden diese Zeichen gebackener Liebe und Verbundenheit begeistert aufgenommen.
 
Von Angelika Prauß