Eine Kaffeepause mit Folgen

05.03.2024 |

Die Ordensschwester Philippa Rath kämpft für die Zulassung von Frauen zu Ämtern in der katholischen Kirche.

Die Benediktinerin Philippa Rath in der Bibliothek des Klosters St. Hildegard in Eibringen.
 
Kaffeepausen sind mehr als nur Pausen. Das wissen die einen aus dem Arbeitsleben, die anderen machen bei Tagungen immer wieder die Erfahrung. Manchmal gibt es beim Plausch am Stehtisch einen wichtigen Hinweis oder den kreativen Kick. Oder die Idee zu einem Buch, das dann zum viel beachteten Politikum wird. Wie bei Philippa Rath.

Die Ordensschwester ist in kaum drei Jahren zu einem der bekanntesten Gesichter des deutschen Katholizismus geworden. „Glauben Sie wirklich?“, fragt sie, aber gibt einen Teil der Antwort gleich selbst: „Ich lasse mir den Mund halt nicht verbieten, und als Ordensschwester kann ich das vielleicht auch leichter als andere.“ Die klare Sprache hat der groß gewachsenen Frau sehr viel Popularität verschafft – aber es gibt auch manche Katholiken, für die die Frau in Schwarz ein rotes Tuch ist. 
 

Zur Person

 
1990 Eintritt in die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard bei Rüdesheim
 
2012 Die Heiligsprechung Hildegard von Bingens (1098-1179) ist auch ein Verdienst von Philippa Rath:
Als Postulatorin befasste sie sich intensiv mit den Schriften der Heiligen und betreute die Herausgabe von Hildegards Werken
 
seit 2020 Delegierte beim Synodalen Weg und ab 2024 beim Synodalen Ausschuss
 

Aber der Reihe nach. Die Ordensoberenversammlung hatte Philippa Rath 2019 als Delegierte zum Synodalen Weg entsandt. Und gleich beim ersten Treffen im Frankfurter Dominikanerkloster war es dann passiert. „Ich stand in der Kaffeepause bei zwei Bischöfen, die sich darüber beklagten, dass das Frauenthema beim Synodalen Weg eine so große Bedeutung erhalten solle. Überhaupt, das Ding mit der Berufung der Frau, sei ja ein völlig überzogenes Thema …“ Die Benediktinerin erzählte die kleine Episode bei einer Lesung in Freiburg in schöner Detailverliebtheit, man spürt, wie das Gespräch sie damals aufbrachte. „Wenn Sie glauben, dass Frauen keine Berufung verspüren, dann kennen Sie ihre Schäfchen nicht“, habe sie damals den Bischöfen geantwortet und das Gespräch beendet.

Philippa Rath ist Historikerin, Theologin, Politologin – und gelernte Journalistin. Sie arbeitete einige Zeit als Lektorin in Freiburg, bevor sie sich fürs Klosterleben entschied. Ihre Fähigkeit, die richtigen Worte zu finden und konzise zu formulieren, lassen sich im Gespräch mit ihr in jedem Augenblick spüren. Der Diözesanverband der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) hatte sie wohl auch deshalb zum Auftakt ihrer Reihe „Weil Gott es will – Frauen erzählen ihre Berufungsgeschichten zur Geistlichen Leitung“ zu einer Veranstaltung in ihre alte Heimat nach Freiburg eingeladen.  
 
Zwölf hat sie angeschrieben, 150 haben geantwortet

Zurück im Kloster hatte Philippa Rath 2020 das am Kaffeetisch verfolgte Gespräch keine Ruhe gelassen. Sie schrieb ein Dutzend Frauen an, von denen sie wusste, dass „sie eine Berufung zur Leitung spürten“, wie sie in Freiburg erzählte. „Zwölf hatte ich damals angeschrieben, 150 haben geantwortet und mir ihre Erfahrungen in sehr persönlicher Weise geschrieben“, denn wie ein Lauffeuer hatten die betroffenen Frauen den Aufruf weitergegeben. Unter dem Titel „Weil Gott es will“ hatte Philippa Rath 2021 dann eine Sammlung der Berufungsgeschichten veröffentlicht. Ihrem ersten Buch ließ sie ein weiteres folgen, in dem Kirchenmänner sie argumentativ unterstützen. Nicht wenige Männer in geistlichen Ämtern, vom Diakon über den Priester bis hinauf zum Kardinal würden in Frauen in Weiheämtern „einen geistlichen, spirituellen Aufbruch“ sehen, resümiert sie. Dass es so viele sind, ist für die Schwester ein Beleg, wie viel derzeit in Bewegung ist. Das gibt ihr auch die Gewissheit, immer wieder einen Satz auszusprechen, der sie bekannt gemacht hat. „Ich glaube, ich werde es noch erleben, dass Frauen Priesterinnen in der katholischen Kirche werden.“ 

Auch in Freiburg hat sie den Satz wieder gesagt. Aber sie beeilt sich auch zu betonen: „Wir sind nicht besser als Männer!“ Auch Frauen könne das Gift des Klerikalismus treffen. Mehr noch, bekennt die Buchautorin: „Wer mein Buch mit den Statements von Frauen liest, wird auch hier und da denken: Die möchte ich nicht am Altar sehen ...“ Genau so klar wie die Selbstkritik ist für die Ordensfrau aber auch: „Wir sind katholisch und wir wollen katholisch bleiben.“ Von den 150 Frauen, die beim ersten Buch davon erzählten, dass sie sich für ein Amt berufen fühlen, das sie nicht übernehmen dürfen, weil das Kirchenrecht im Wege steht, seien noch 146 katholisch. Nur vier hätten sich anders orientiert, konvertierten zur evangelischen Kirche oder der alt-katholischen. Was aber auch klar ist: „Alle litten und leiden sie unter dem Druck, den sie verspürten.“
 

Zitat

 
„Wir sind katholisch und wir wollen auch katholisch bleiben.“
Philippa Rath
 

Philippa Rath trat 1990 in die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen bei Rüdesheim ein. Bis 2006 war sie als Cellerarin für Wirtschaft und Finanzen der Abtei verantwortlich, heute ist sie in der Kursarbeit tätig, empfängt Gäste und erledigt alle Medien- und Presseanfragen. Wer so tief mit dem Klosterleben verbunden ist, weiß: Auch hinter Klostermauern hat sich die Welt verändert. Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie: „Wir mussten lernen, auch ohne Priester das Kirchenjahr zu feiern.“ Das gelang recht gut, viele haben nach der Pandemie nun die Gottesdienstzeiten reduziert. Im eigenen Haus verzichtet man mittlerweile auf einen Hausgeistlichen, seit sich mehrere Priester den Dienst teilen, sei auch wieder mehr Aufmerksamkeit spürbar. 

Philippa zitiert die Ordensregel des Benedikt, wonach ein Abt sich „würdige Brüder von gutem Ruf und vorbildlicher Lebensführung“ zur Unterstützung auswählen kann. „Auch viele Ordensschwestern könnten sich vorstellen, seelsorgerliche Dienste im Kloster zu übernehmen.“ Das käme allen zugute, denn auch in Klöstern sehnen sich Schwestern nach geistlichem Beistand, haben gleichzeitig großes Vertrauen in ihre Geschlechtsgenossinnen, seien es die Äbtissinnen oder die Mitschwestern. Eine andere Beobachtung hat die 68-Jährige gemacht: Immer öfter suchen Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, den Kontakt zu Klöstern. „Das sind oft Menschen, die vorher sehr engagiert waren.“ Die sich dann enttäuscht über den schleppenden Reformprozess abwandten, „aber deshalb nicht den Glauben verloren haben“. Hier bildeten sich neue Formen von Gemeinden, spürt Philippa Rath, ein Prozess, den es aufmerksam zu verfolgen gelte.
 
„Nach der Lektüre meines Buches änderte ein Bischof seine Meinung“

Die Benediktinerin ist weltweit gut vernetzt, erst kürzlich hat sie in Leipzig einflussreiche Frauen um sich gehabt, und sie selbst wird demnächst wieder in Rom ihre Mission betreiben. Auch im Vatikan gebe es Männer, die dem Thema gegenüber offen seien. Aber auch entschlossene Gegner. „Daher müssen wir wachsam bleiben.“ Zurück zu den beiden Bischöfen am Kaffeetisch. Ihnen hat die streitbare Ordensfrau damals das Buch von den Frauenberufungen geschickt. Der eine antwortete so schnell, dass er es unmöglich gelesen haben konnte: auf Büttenpapier, mit Bischofswappen, freundlich, aber nichtssagend, wie die Schwester erzählt. Der andere ließ sich sehr viel Zeit. Aber eines Abends klingelte ungewöhnlich spät das Telefon im Kloster. Und Schwester Philippa hatte einen Bischof am Apparat, der sichtlich betroffen bekannte, dass er nach der Lektüre des Buches seine Meinung „um 180 Grad gedreht“ habe. „Fortan arbeitete er entschlossen an unserer Sache mit“, berichtet Philippa Rath, die mit großer Genugtuung auf den Grundlagentext schaut, den das Synodalforum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ verfasst hat. „Hinter diesem ausgefeilten, theologisch gut fundierten Text können wir künftig nicht mehr zurück.“ Und – davon ist sie überzeugt – das Papier stoße auch bei Frauen aus anderen Teilen der Welt auf Zustimmung. Dort aber seien klerikale Strukturen oft so festgefügt, dass man sich kaum traue, solche Forderungen zu stellen. 

Dabei zeige ein Blick hinaus in die Welt, dass es ohne Frauen gar nicht gehe: „Unsere Kirche hat nur dann eine Zukunft, wenn Frauen gleichberechtigt Anteil haben an allen Ämtern und Diensten.“ Mehr noch: An der Frauenfrage entscheide sich mit, ob die Kirche zukunftsfähig bleibe „oder sich zu einer sektiererischen Gegenwelt zur demokratischen Moderne entwickelt“, gibt die Schwester zu bedenken.
 
Klaus Gaßner
Info
Die Veranstaltungsreihe des Diözesanverbands der kfd „Weil Gott es will?!“ wird fortgesetzt am 23.3. um 18 Uhr im Ökumenischen Bildungszentrum sanctclara Mannheim, am 19.4. 18 um Uhr im Bildungszentrum Singen. Anmeldung unter: kfd-freiburg.de