Erfurt, die schmucke Hauptstadt Thüringens, lädt zum Katholikentag.
Eine beeindruckende Kulisse der Stadt zeigt der Blick vom Petersberg über den Panoramaaufzug der Zitadelle auf den Erfurter Dom (rechts) und die St.-Severi-Kirche (rechts vorne).
Ein „Bilderbuch der deutschen Geschichte“ – so nannte der Schriftsteller Arnold Zweig einst Erfurt. Licht und Schatten, Geistesgrößen und Bestialität – von all dem finden sich Spuren in der Stadt. Dass sich hier so viele Wege kreuzten, liegt auch an dem, was Immobilienmakler gern mit „Lage, Lage, Lage“ beschreiben.
Die Altstadt wirkt wie eine schnuckelige Puppenstube und lädt zum Bummeln ein. Aber Erfurt hat es in sich. Die Thüringer Landeshauptstadt strotzt vor historischem Erbe. Glanz und Grauen liegen dabei oft nah beieinander. In der geografischen Mitte Deutschlands gelegen, führten durch Erfurt im Mittelalter wichtige Handelsstraßen, was die Stadt an der Gera rasch zu einem mächtigen Handels- und Bildungszentrum wachsen ließ. Heute tut der ICE-Knotenpunkt das Seinige dazu.
Bonifatius steht am Anfang der langen Geschichte
Über ihn werden wohl auch die meisten der erwarteten 20 000 Gäste aus ganz Deutschland beim Katholikentag in die Thüringer Landeshauptstadt gespült. Dort öffnet sich ihnen rasch der schmucke Stadtkern mit seinen vielen Fachwerkhäuschen und Gässchen. Da ist der imposante Domberg mit dem Mariendom und der Severikirche, Wahrzeichen der Stadt – gemeinsam mit der Krämerbrücke, der Einzigen mit Häusern bebauten und bewohnten Brücke nördlich der Alpen. Zahlreiche Galerien und Lädchen mit allerlei Kunsthandwerk laden dort zum gemütlichen Shoppen und Schauen ein. Wer Süßes mag, sollte einen Besuch in der Goldhelm Schokoladen Manufaktur unbedingt einplanen.
Das Motto und Leitwort des Katholikentags in Erfurt: „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ (Psalm 37, 37b)
Beim Bummel durch die Stadt begegnen einem immer wieder mannsgroße Skulpturen der Helden des in Erfurt ansässigen Kinderkanals „KiKA“: Sandmännchen, Maus und Elefant, die Tigerente, Käpt‘n Blaubär oder Bernd das Brot. Aber auch viele Relikte, die an das reiche jüdisch-mittelalterliche Erbe der Stadt erinnern – wie die Alte Synagoge und die Mikwe (Ritualbad), welche seit vergangenem Jahr zum UNESCO-Welterbe gehören. Es blendet auch ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte nicht aus: 1349 wurden bei einem Pogrom nahezu alle Juden der Stadt getötet oder vertrieben.
Knapp 600 Jahre später machte sich das Erfurter Unternehmen „Topf & Söhne“ einen grausigen Namen mit der Herstellung von speziellen Brennöfen, mit denen in den Krematorien der NS-Konzentrationslager tausende Leichen verbrannt wurden. Auch ganz in der Nähe, denn gut 20 Kilometer von Erfurt liegt nicht nur Weimar, sondern auch das ehemalige KZ Buchenwald. Seit 2011 ist das frühere Verwaltungsgebäude der Ofenbauer ein Erinnerungs- und Lernort, der mit Ausstellungen und Seminaren über Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart informiert.
Ein Bummel durch Erfurt führt sicher über die Krämerbrücke mit ihren kleinen Läden.
Stolz sind die Erfurter auf ihre Puffbohnen
Erstmals schriftlich erwähnt wird Erfurt übrigens 742 in einem Brief von Bonifatius, dem „Apostel der Deutschen“. Er legt darin dem Papst ans Herz, an dem Ort ein Bistum zu gründen. Der Papst stimmt zu, aber bereits wenige Jahre später wird das neue Bistum für die nächsten 1000 Jahre dem Bistum Mainz einverleibt – dessen Bischof da zufällig Bonifatius ist. Nach einer wechselvollen Geschichte wird Erfurt erst 1994 wieder zum eigenständigen Bistum erhoben.
Eine weiteres Highlight ist das Augustinerkloster. Der spätere Reformator Martin Luther trat hier 1505 als Mönch ein und studierte an der nahen Uni. Erfurt rühmt sich Luthers „geistige Heimat“ zu sein. Inzwischen wird das Kloster in Trägerschaft der evangelischen Kirche als ökumenisches Veranstaltungs- und Tagungszentrum sowie Luthergedenkstätte und Herberge für den ökumenischen Pilgerweg genutzt. Bei seinem Deutschlandbesuch 2011 machte auch Papst Benedikt XVI. dort Station.
Erfurt, das inzwischen 216 000 Einwohner zählt, hat noch viele weitere Gesichter. Es ist auch die Stadt, in der 2002 am Gutenberg-Gymnasium ein Amoklauf passierte, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen. Im Erfurter Vorort Marbach steht der erste Moschee-Neubau in Ostdeutschland, mit Ausnahme von Berlin, kurz vor seiner Fertigstellung – inklusive acht Meter hohem Minarett. Permanente Anfeindungen begleiteten das Bauprojekt der Ahmadiyya-Gemeinde. Richtig stolz sind die Erfurter übrigens auf ihre Puffbohnen – ihnen widmen sie Tassen, Plüschtiere und T-Shirts. Auch der Katholikentag warb mit Tütchen voller Puffbohnen-Samen. Die besondere Bohnensorte gedeiht seit dem Mittelalter besonders gut in Erfurt, das nicht zuletzt Dank seines milden Klimas und nährstoffreichen Bodens seit Jahrhunderten als Stadt des Gartenbaus bekannt ist.
Und zur Rast darf man gerne neben dem Sandmännchen Platz nehmen: Dass Thüringens Hauptstadt auch Heimat des Kinderkanals „KiKA“ ist, wird auf Schritt und Tritt deutlich.
Information: Das Bistum Erfurt
Das katholische Bistum Erfurt erstreckt sich über den größten Teil Thüringens. Ihm gehören rund 137 000 Katholiken an, das sind gut sechs Prozent der Bevölkerung. Stark katholisch geprägt ist nur das Eichsfeld im Nordwesten des Freistaats. Die wichtigsten Wallfahrten des Bistums sind die Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis, die Frauenwallfahrt zum Kerbschen Berg sowie die Bistumswallfahrt und die Jugendwallfahrt zum Domberg in Erfurt.
Der heilige Bonifatius gründete im Jahre 742 ein erstes Bistum Erfurt, das nur wenige Jahre bestand. Danach kam das Gebiet für rund 1000 Jahre zum Erzbistum Mainz. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurden Teile Thüringens dem Bistum Paderborn zugeordnet. Nach 1930 gehörte es zu den Bistümern Fulda und Würzburg, deren Bischöfe ab der deutschen Teilung ihre Amtsvollmachten im Osten jedoch immer weniger ausüben konnten. Deshalb setzte Papst Paul VI. 1973 einen sogenannten Apostolischer Administrator als Leitung für das Bischöfliche Amt Erfurt-Meiningen ein. Er war direkt dem Vatikan unterstellt.
Seit 1981 hatte Bischof Joachim Wanke dieses Amt inne. 1994 wurde er dann erster Bischof des Bistums Erfurt, das im selben Jahr im Rahmen der Neuorganisation der katholischen Kirche nach dem Ende der DDR wieder gegründet wurde. 1997 schlossen der Heilige Stuhl und der Freistaat Thüringen einen Vertrag. Er regelt das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche in dem Bundesland. Im Oktober 2012 trat Wanke aus gesundheitlichen Gründen als Bischof zurück. Sein Nachfolger ist seit November 2014 Ulrich Neymeyr, der zuvor Mainzer Weihbischof war.