Auf der Zielgeraden

01.10.2024 |

Seit 2021 debattieren Bischöfe, Theologen und Laien über grundlegende Reformen der katholischen Kirche. Gemeinsames Beraten soll künftig die Kleriker-Macht ersetzen. Deutsche Bischöfe erhoffen sich von der Synode, bei der erstmals Frauen mit dabei sind, mehr nationale Zuständigkeiten. Diskutiert wird hinter verschlossenen Türen, erst Ende Oktober sollen Ergebnisse bekannt werden.

Die Synodenaula während der Beratungen im Oktober 2023. 368 Synodale sind mit dabei, ein Achtel davon Frauen – auch das ist ein Novum in diesem neuartigen Beratungsforum, zu dem Papst Franziskus 2021 eingeladen hatte.
 
Knapp vier Wochen lang tagt in Rom eine weltweite Synode, um über eine grundlegende Reform der katholischen Kirche zu beraten. Beraten und abstimmen werden 368 Synodale aus allen Erdteilen, 272 davon sind Bischöfe, knapp ein Achtel sind Frauen. Letzteres ist ein absolutes Novum in der katholischen Kirchengeschichte. Für die Beratungen wurde wie bereits im Vorjahr Stillschweigen verordnet, es soll nichts nach außen dringen. Erst am 27. Oktober sollen Ergebnisse bekannt gegeben werden. Die Teilnehmer werden an runden Tischen sitzen und gleichberechtigt reden und abstimmen. Nur Vorschläge, die eine Zweidrittelmehrheit erhalten, werden am Ende dem Papst zur Entscheidung vorgelegt. Weltweit erwarten Beobachter zunächst keine sensationellen Entscheidungen bei strittigen Fragen wie Zölibat oder Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern. Papst Franziskus hat vorab entschieden, dass diese Fragen von externen Arbeitsgruppen debattiert werden sollen.
 
Diese Arbeitsgruppen werden zu Beginn der Synode Zwischenberichte abgeben, die aber vermutlich nicht direkt in die Debatten und Beschlüsse der Synode einmünden werden. Vorschläge wie die Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern hätten angesichts der Zusammensetzung der Synode vermutlich ohnehin keine Zweidrittelmehrheit erhalten. Doch auch ohne diese Themen ist die von Papst Franziskus vorgegebene Aufgabe für die Synode spannend: Es geht darum, Wege zu einer „synodalen Kirche“ zu finden – und diese Wege vom Vatikan über die Bistümer bis hinunter in die Gemeinden zu verwirklichen. Dazu müssen, wie es im Vorbereitungstext heißt, klerikale und intransparente Beratungs- und Entscheidungswege überwunden werden.
 
Ein Arbeitspapier übt Kritik am „Klerikalismus“ der Kirche
 
An ihre Stelle sollen gemeinschaftliche Beratung, Transparenz und Rechenschaftspflicht treten. An denen mangelte es in der katholischen Kirche bisher oft – wodurch Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Vertuschung von Straftaten begünstigt wurden. Kritisiert wird im Arbeitspapier der Synode der „Klerikalismus, der auf der impliziten Annahme beruht, dass geweihte Amtsträger niemandem gegenüber für die Ausübung der ihnen verliehenen Autorität rechenschaftspflichtig seien“. Ein anderes zentrales Anliegen des Papstes für die Synode ist die Beteiligung des „Volkes Gottes“ am Leben der Kirche. Das gilt für Gottesdienste, aber auch für Entscheidungen über die Zukunft der Kirche. Das, was die Weltsynode im Großen vormacht – also die Mitwirkung der Laien – soll auch an der kirchlichen Basis umgesetzt werden.
 
Deutsche Bischöfe formulierten in Fulda ihre Erwartungen an die Weltsynode, Franz-Josef Overbeck (Essen), Bertram Meier (Augsburg), Rudolf Voderholzer (Regensburg), Stefan Oster (Passau), und Bischof Georg Bätzing (Limburg), von links nach rechts.
 
 
Für die Katholiken im deutschsprachigen Raum, wo schon lange die Laien aktiv an Gottesdiensten mitwirken und die Pfarrer nicht mehr ohne Pfarrgemeinderäte oder Kirchenvorstände entscheiden können, ist dieser Teil nicht wirklich neu. Sie werden sich aber für einen anderen wichtigen Aspekt der Struktur-Reform einsetzen: die Dezentralisierung der Kirche. So wird im Arbeitspapier vorgeschlagen, „die nationalen Bischofskonferenzen als kirchliche Subjekte anzuerkennen, die mit lehrmäßiger Autorität ausgestattet sind“. Sie sollen die Möglichkeit haben, die „liturgischen, disziplinären, theologischen und spirituellen Ausdrucksformen zu fördern, die auf die verschiedenen soziokulturellen Kontexte abgestimmt sind“. Das heißt konkret: Die Bischofskonferenzen sollen mehr Spielraum erhalten, mit der Kirche in ihrem Land eigene Wege zu gehen.
 
Ob dies dann sogar Fragen wie den Zölibat oder die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern beinhaltet, sagt der Text nicht. Er betont aber, es solle die „von Papst Franziskus angemahnte und von vielen Bischofskonferenzen geforderte ‚heilsame Dezentralisierung‘ geben“. Mit einer Reform der katholischen Weltkirche in Richtung mehr Dezentralisierung und Laien-Mitbestimmung geht Papst Franziskus – falls die Synode dies alles beschließt – Risiken ein. Schon heute sind innerhalb der Weltkirche die Unterschiede erheblich – etwa zwischen der jeweiligen Mehrheit der Bischöfe in Polen und in Deutschland. Der Papst muss aber „den Laden zusammenhalten“. Diese Aufgabe wird nicht leichter, falls die Synode tatsächlich Vorschläge für mehr Eigenständigkeit der einzelnen Bischofskonferenzen beschließt.
 
Bischöfe wollen mehr nationale Entscheidungsspielräume
 
Ob die Weltsynode die Kirche verändert, lässt sich nach Einschätzung von Thomas Schwartz, Geschäftsführer des Hilfswerks Renovabis, nur schwer sagen. „Wie immer in der katholischen Kirche, kann Papst Franziskus am Ende völlig allein entscheiden, was er umsetzt und was nicht“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Schwartz gehört zu den Teilnehmern der Weltsynode. Vermutlich werde bis Mitte 2025 ein sogenanntes Nachsynodales Schreiben mit den Schlussfolgerungen veröffentlicht. Ein „warnendes Beispiel“ sei 2019 die Amazonien-Synode gewesen. Demnach mangele es im Amazonasgebiet an Priestern, weshalb in manchen Gemeinden nur einmal pro Jahr Eucharistie gefeiert werden könne. Der Vorschlag: Auch verheiratete Männer sollten zu Priestern geweiht werden können. „Doch Franziskus ignorierte diese Forderung damals komplett“, so Schwartz. Ohnehin sei die Sorge groß, dass „die Weltsynode am Ende doch nur Frust und Enttäuschung hinterlässt“.
 
Kurz vor Beginn der Weltsynode in Rom haben sich deutsche Bischöfe bei ihrer Herbst-Vollversammlung für Reformen und klare Weichenstellungen ausgesprochen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck forderte etwa mehr Entscheidungsspielräume für nationale Bischofskonferenzen. Einzelfragen kirchlichen Handelns sollten künftig in verschiedenen Ländern unterschiedlich beantwortet werden können, sagte er. „Hier müssen den Bischofskonferenzen deutlich mehr Kompetenzen zuerkannt werden.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, hofft vor allem auf mehr Gleichberechtigung von Frauen: Es komme darauf an, Frauen auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens, einschließlich der Leitung, stärker einzubeziehen. Dies müsse im Kirchenrecht abgesichert werden, betonte Bätzing. Der Münsteraner Bischof Felix Genn will sich in Rom für klare Weichenstellungen einsetzen. „Die aufgeworfenen Fragen verlangen nach Antworten“, sagte Genn. Wichtig sei eine transparente Debatte, auch bei den aus der Synode in Arbeitsgruppen ausgelagerten Themen wie der Gleichberechtigung von Frauen. Genn wird selbst eine solche Arbeitsgruppe leiten. Dabei geht es um die Rechte und die Wahl von Bischöfen. Der Passauer Bischof Stefan Oster erinnerte an die hierarchische Grundstruktur der katholischen Kirche, die Papst und Bischöfen zentrale Entscheidungen vorbehalte. Die Weltsynode werde daher über „das Ineinander einer synodalen und einer zugleich hierarchischen Kirche“ beraten. Entscheidend seien ein neuer Aufbruch und ein neuer Stil, „miteinander Kirche zu sein“.
 
Konzentriert wird in Kleingruppen und im Plenum diskutiert – aber die Öffentlichkeit soll erst am Ende über die Debatten informiert werden.
 
 
Der Augsburger Bischof Bertram Meier wiederum meinte, Kernüberzeugung des weltweiten synodalen Wegs sei es, die Kirche „nicht durch einsame Entscheidungen der Bevollmächtigten von oben nach unten“ zu leiten. Vielmehr gehe es um Teilhabe, Transparenz, Offenheit und Rechenschaft für Entscheidungen. Papst Franziskus hat keine kirchliche Vertreterin aus Deutschland als Teilnehmerin für die Weltsynode im Vatikan benannt, was für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz eine große Enttäuschung bedeutet. Beim Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland – dem Synodalen Weg – hätten sich viele profilierte Frauen engagiert, sagte Bätzing. „Da hätte eine Berufung nahe gelegen.“ Der Papst habe das aber „bedauerlicherweise nicht getan“.
 
„Erhoffen eine Oktoberrevolution im katholischen Sinne“
 
Aus Deutschland nehmen neben Bätzing vier weitere Bischöfe teil, Genn, Meier, Oster und Overbeck. Berufen wurden zudem der Geschäftsführer des Hilfswerks Renovabis, Thomas Schwartz, die Theologen Antonio Autiero und Thomas Söding, der Jesuit Clemens Blattert sowie der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Deutschsprachige Vertreterinnen aus Europa sind Helena Jeppesen-Spuhler aus der Schweiz und die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz, Anna Mirijam Kaschner.
 
Und was erwarten die katholischen Laienverbände von der Weltsynode? „Deutsche Bischöfe sollten in Rom entschiedener für die Reformanliegen der Kirche in Deutschland eintreten“, sagte der Sprecher der Laien-Organisation „Wir sind Kirche“, Christian Weisner. Gerade in Deutschland verliere die Kirche immer weiter Mitglieder. Weisner verwies dafür auf die Kirchenmitgliedsschaftuntersuchung von 2023. Demnach sagten über 95 Prozent der befragten Katholiken, die Kirche müsse sich verändern, wenn sie eine Zukunft haben wolle. „Wir wollen nicht, dass in der Kirche nur ein fundamentalistischer Rest übrig bleibt“, mahnte Weisner.Im Zuge des Weltbischofstreffen hoffe er auf eine „Oktober-Revolution im katholischen Sinne“. Gleichzeitig dürften aber auch hierzulande die Reformkräfte ihr Engagement nicht abreißen lassen. „Falls die Synode in Rom keine Fortschritte bringt, sind die Ortskirchen erst recht gefragt.“
 
Die Geistliche Beirätin des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Dorothee Sandherr-Klemp, bezeichnete es als irritierend, dass in der deutschen Delegation für die Weltsynode keine Frau vertreten sei. Zudem kritisierte sie, dass die Frage nach dem Frauendiakonat bei der Weltsynode ausgelagert worden sei, obwohl sie doch weltweit vernehmlich gestellt werde. „Das ist eine verpasste Chance für die Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit einer geschwisterlichen Kirche.“
 
Stichwort Weltsynode
 
Als Weltsynode wird im deutschen Sprachraum ein weltweites Beratungsforum der katholischen Kirche bezeichnet, das Papst Franziskus für die Jahre 2021 bis 2024 einberufen hat. Das Thema lautet „Für eine synodale Kirche – Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“. In anderen Sprachen wird das Ereignis meist als „Synode über Synodalität“ bezeichnet. Die offizielle Bezeichnung lautet: „16. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode“. Dennoch handelt es sich wegen der stimmberechtigten Teilnahme von zahlreichen Nichtklerikern um ein neuartiges Beratungsforum, das es so noch nie in der katholischen Kirchengeschichte gab.
 
Nach einer lokalen und einer kontinentalen Beratungsphase kam im Oktober 2023 erstmals eine globale Synodal-Versammlung zusammen. An der zweiten und finalen Runde im Oktober 2024 nehmen 368 Synodale teil, 272 sind Bischöfe und Kardinäle, etwa ein Achtel der Teilnehmer sind Frauen. Über das Schlussdokument wird am 26. Oktober abgestimmt. Es werden Beschlüsse erwartet, die veränderte Beratungs- und Entscheidungsstrukturen in der Kirche herbeiführen werden. Die Voten der Synode werden dem Papst zur Entscheidung vorgelegt. Inhaltliche Fragen wie die Ehelosigkeit der Priester oder die Stellung von Frauen in der Hierarchie hat Papst Franziskus bereits im Vorfeld an Expertengruppen verwiesen. Deren Zwischenberichte sollen bei der Synode gehört werden.
 
KNA/KBL