Merkels Memoiren – über Putin, Papst und Trump

26.11.2024 |

Mit Spannung wurde sie erwartet: die Autobiografie von Angela Merkel. Heute erscheinen die Memoiren der einst mächtigsten Frau der Welt. Mit ihrem Buch wolle sie zeigen, „wie Politik funktioniert, welche Prinzipien, welche Mechanismen es gibt“, schreibt Angela Merkel zu Beginn ihrer Autobiografie. Leicht verstörend: manche Begegnung mit Wladimir Putin.

Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
 
Wenn der Buchmarkt bebt, dann kündigt sich das meist mit einem gewissen Vorlauf an. Als der einstige US-Präsident Barack Obama im November 2020 seine Memoiren Ein verheißenes Land veröffentlichte, mussten Journalisten, die vorab einen Blick in den mehr als 1.000 Seiten dicken Wälzer werfen wollten, mit der Penguin Random House Verlagsgruppe eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen. Das Werk erschien weltweit und zeitgleich in 25 Sprachen. Jedes vorab veröffentlichte Infohäppchen griffen Medien begierig auf.
 
Vier Jahre später gilt: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel spielt in der gleichen Liga. Am kommenden Dienstag kommt ihre 736 Seiten starke Autobiografie Freiheit heraus – in mehr als 30 Ländern. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch behandelt das Ereignis wie eine Staatsaffäre, hält das komplette Manuskript bis zum Erscheinungstag unter Verschluss. Die Auftaktveranstaltung mit der Autorin, ein von Anne Will am Dienstagabend moderiertes Gespräch im Deutschen Theater in Berlin, ist bereits ausverkauft. Am Donnerstag durften einzelne Medien Auszüge vorab veröffentlichten.
 
Daraus lässt sich noch nicht ablesen, ob die zusammen mit ihrer langjährigen Beraterin Beate Baumann verfassten Memoiren ein ähnlicher Pageturner werden wie die Erinnerungen von Obama. Aber die einst mächtigste Frau der Welt, die sich manchmal hinter einem Pokerface und der berühmten „Merkel-Raute“ zu verschanzen schien, gibt durchaus Persönliches preis.
 
Sieg über das System
 
In den von der „Zeit“ veröffentlichten Auszügen schreibt sie beispielsweise über das Aufwachsen in der DDR über „die Maßregelungen und Einschüchterungsversuche eines Staates, der seinen Bürgern und vor allem sich selbst niemals traute. So sehr, dass das Ergebnis an Kleinkariertheit, Engstirnigkeit, Geschmacklosigkeit und – ja, auch das – Humorlosigkeit nicht zu überbieten war.“ Trotzdem habe sie sich eines bewahrt – „ein gewisses Maß an Unbekümmertheit“, hält Merkel fest. „Dass die DDR mir das nicht nehmen konnte, empfinde ich als einen meiner größten persönlichen Siege über das System.“
 
Aber natürlich fehlen auch die großen Namen und Szenen ihrer 16 Jahre währenden Kanzlerschaft nicht. Angefangen mit dem heute noch verstörenden Auftritt ihres Vorgängers Gerhard Schröder, der nicht begreifen konnte oder wollte, dass ihm am Wahlabend 2005 im Fernsehstudio seine Nachfolgerin gegenübersaß. „Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner Sozialdemokratischen Partei hinkriegen, das ist eindeutig, machen Sie sich da gar nichts vor.“
 
Merkels Reaktion: „Ich dachte: Wahnsinn! Was ist denn hier los? Ich konnte nicht einschätzen, wohin die Sache laufen würde, es hätte mich aber sehr gewundert, wenn es gut war, was er gerade abzog.“ Die Geschichte nahm schließlich die bekannte Wende: Die CDU-Politikerin wurde Kanzlerin und Chefin einer Regierung aus Union und SPD.
 
Während ihrer Amtszeit lernte Angela Merkel zwei Päpste kennen. Hier ist die ehemalige Bundeskanzlerin im Jahr 2011 im Gespräch mit Papst Benedikt XVI. in der Katholischen Akademie in Berlin.
 
Putins Machtspiele
 
Die Machtspiele des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat Merkel laut eigenem Bekunden stets zu ignorieren versucht. Sie habe sich wie oft in ihrem Leben an die englische Adelsregel „never explain, never complain“ („niemals erklären, niemals klagen“) gehalten, schreibt die ehemalige Bundeskanzlerin in ihrer am Dienstag erschienenen Autobiografie „Freiheit“.
 
In diesem Zusammenhang schildert Merkel unter anderem eine Episode aus dem Jahr 2007, als sie Putin in dessen Residenz in der Schwarzmeerstadt Sotschi traf. „Seit meinem Antrittsbesuch bei ihm im Januar 2006 wusste Putin, dass ich Angst vor Hunden hatte, nachdem ich Anfang 1995 in der Uckermark von einem gebissen worden war“, so Merkel. Trotzdem sei Putins schwarzer Labrador Koni plötzlich aufgekreuzt, während sie und Putin von Fotografen und Kamerateams umringt waren.
 
Sie habe versucht, den Hund zu ignorieren, „obwohl er sich mehr oder weniger unmittelbar neben mir bewegte“, erinnert sich Merkel. „Putins Mimik interpretierte ich so, dass er Gefallen an der Situation fand. Wollte er einfach mal schauen, wie ein Mensch in Bedrängnis reagiert? War das eine kleine Machtdemonstration? Ich dachte nur: Bleib ruhig, konzentrier dich auf die Fotografen, es wird vorübergehen.“
 
Warten auf Putin
 
Eine andere Episode spielte ebenfalls 2007 beim G-8-Gipfel in Heiligendamm. Dort sei Putin eine gute Dreiviertelstunde zu spät zum Abendessen erschienen. „'Was war los?', fragte ich ihn. 'Du bist schuld – genauer gesagt, das Radeberger'“, habe Putin geantwortet. Vor dem Gipfel hatte der russische Präsident darum gebeten, ihm einen Kasten des von ihm geschätzten Bieres aufs Zimmer stellen zu lassen, das er aus seiner Zeit als KGB-Offizier in Dresden in den 1980er-Jahren kannte.
 
„Diesen Wunsch hatten wir ihm erfüllt. Jetzt sei ihm natürlich nichts anderes übrig geblieben, als davon zu trinken, sagte er grinsend“, schreibt Merkel. „Das hatte ich nun von meiner Freundlichkeit. Er schien es zu genießen, auf diese Weise im Mittelpunkt zu stehen. Wahrscheinlich war für ihn das Glück am größten, dass auch der amerikanische Präsident auf ihn hatte warten müssen.“
 
Einsichten über Trump
 
Mit einem weiteren Fall von problematischer Männlichkeit wurde Merkel in Gestalt von US-Präsident Donald Trump konfrontiert. „Wir redeten auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Trump auf der emotionalen, ich auf der sachlichen“, schreibt Merkel über ein Treffen der beiden am 17. März 2017. „Wenn er meinen Argumenten doch einmal Aufmerksamkeit schenkte, dann zumeist nur, um daraus neue Vorhaltungen zu konstruieren. Eine Lösung der angesprochenen Probleme schien nicht sein Ziel zu sein.“
Es mutet wie eine Ironie der Geschichte an, dass Merkels Buch ausgerechnet jetzt erscheint, da Trump kurz vor seiner zweiten Amtszeit steht. Nach allem, was zu erwarten ist, dürfte weiterhin gelten, was Merkel von der damaligen Begegnung mit dem Republikaner mitnahm: „Eine gemeinsame Arbeit für eine vernetzte Welt würde es mit Trump nicht geben. Er beurteilte alles aus der Perspektive des Immobilienunternehmers, der er vor der Politik gewesen war.“
 
Kurz nach der denkwürdigen Begegnung mit Trump stand der G20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Hamburg an und für Merkel die Frage im Raum, wie sie mit dem von den USA angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen umgehen sollte. Ein hilfreicher Tipp sei damals von Papst Franziskus gekommen, schreibt Merkel.
 
Bei einer Audienz habe sie ihn, ohne Namen zu nennen, gefragt, wie er mit fundamental unterschiedlichen Meinungen in einer Gruppe von wichtigen Persönlichkeiten umgehen würde, erinnert sich die Politikerin. „Er verstand mich sofort und antwortete mir schnörkellos: 'Biegen, biegen, biegen, aber achten, dass es nicht bricht.'“ Dieses Bild habe ihr gefallen. „In diesem Geiste würde ich in Hamburg versuchen, mein Problem mit dem Pariser Übereinkommen und Trump zu lösen, obwohl ich noch nicht genau wusste, was das konkret bedeutete.“
 
Deutschlands Verhältnis zu Russland, die Migration, Herausforderungen beim Umweltschutz oder beim Erhalt der Infrastruktur: Kritiker von Merkel werfen ihr vor, als Kanzlerin viele Fragen offen gelassen zu haben. Mit ihren Erinnerungen legt sie nun auch ein Stück weit ihre Sicht der Dinge dar. Und die Debatte darüber ist ab sofort eröffnet.
 
Joachim Heinz