Mit Pomp und Gloria wird die Kathedrale Notre-Dame in Paris wiedereröffnet. Nach dem verheerenden Brand von 2019 ist das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt wieder von Schutt und Ruß befreit. Die Freude darüber ist riesig, und auch diesseits der Grenze zu spüren.
Großartige Eleganz: Ein Blick ins Mittelschiff der Kathedrale Notre-Dame.
„Einfach überwältigend“, sagt Manuel Mader. Das Attribut fällt nicht nur einmal, wenn der Kirchenmusiker aus Friedrichshafen auf die Notre-Dame in Paris angesprochen wird. Wenn nun das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt nach jahrelangem Wiederaufbau wieder in Dienst genommen wird, ist der 32-jährige mit großen Gefühlen dabei. Manuel Mader hatte kurz vor dem verheerenden Brand das seltene Glück, eine halbe Nacht fast alleine in dem Gotteshaus zu verbringen. An der Orgel sitzend.
Geboren in Waiblingen, studierte Manuel Mader in Freiburg, sein Orgellehrer war damals Vincent Dubois, einer der Pariser Domorganisten, der seinerzeit einen Lehrauftrag an der Hochschule hatte – und seinem begabten Studenten die einzigartige Möglichkeit bot, am Spieltisch der großen Orgel der Kathedrale eine Tonaufnahme zu machen. Die Notre-Dame birgt abertausende Geschichten, rührende und bewegende Verbindungen. Es ist ein Gotteshaus, das niemanden kalt lässt, dass jeden Besucher verändert, wie unlängst Olivier Latry sagte, auch er Musiker, der als Titularorganist das gewaltige Innere des Gotteshauses bald wieder mit Tönen zum Schwingen bringen kann.
Das Innere des ehrwürdigen Gotteshauses hat sich total verwandelt: Es ist licht, es ist hell, es ist makellos. Es erlaubt dem Besucher 2024 ein Gefühl, das Menschen im hohen Mittelalter gehabt haben müssen: Ein Gefühl, sich verzaubern zu lassen von überwältigender Architektur, von großer Geschichte, aber auch von großartiger Makellosigkeit – denn die Patina der Jahrhunderte ist weg, ersetzt durch Glanz und Pracht. Erst in Jahrhunderten wird man Notre-Dame wieder so sehen, wie es vor 2019 üblich war. Ein betörender Gedanke.
Der aber auch in anderer Richtung wirkt. Beispiel: Die Kapelle Saint-Marcel. Der dort vorhandene Wandschmuck geht auf Eugene Viollet-le-Duc zurück. Der Architekt machte sich im 19. Jahrhundert um den Erhalt der Kathedrale verdient und fügte ihr mit den historisierenden Malereien eine eigene Note hinzu. Mit einer Mannschaft aus 14 Restauratorinnen und einem Vergolder wurden die Fresken vom Staub und Schmutz der vergangenen 150 Jahre befreit. „Was Sie hier sehen, sind die originalen Farben von Viollet-le-Duc“, betont eine Restauratorin. „Wir haben nichts gemacht, außer die Malereien zu reinigen.“
Viele Erinnerungen rund um die Notre-Dame waren verborgen und vergessen, doch der Brand im April 2019 hat sie weltweit wieder hervorgekehrt. Eine Ahnung davon, welche Bedeutung die der Gottesmutter Maria geweihte Kirche im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Franzosen einnimmt, vermittelt das computeranimierte Spektakel „Eternelle Notre-Dame“. In weiten, unter dem Vorplatz der Kathedrale gelegenen Katakomben, die den Charme einer Tiefgarage versprühen, können Besucher mit Virtual-Reality-Headset und Rucksack ausgestattet eine packende Zeitreise durch 850 Jahre antreten.
Gleich zu Beginn des 45-minütigen Abenteuers stapfen die Großen der Geschichte überlebensgroß im virtuellen Raum vorbei: Ludwig der Heilige, unter dessen Regentschaft die Kathedrale 1248 ihrer Bestimmung übergeben wurde, Napoleon, der 1804 in Notre-Dame zum Kaiser gekrönt wurde, und die politische Überfigur des Nachkriegs-Frankreich, Charles de Gaulle, nach dessen Tod 1970 die Trauerfeier in dem Gotteshaus stattfand.
Bei einer solch großen Verbindung der Menschen mit dem Wahrzeichen, war es kein Wunder, dass das Entsetzen ebenso gewaltig war, als im Zuge von Renovierungsarbeiten auf dem Dach am Karmontag 2019 ein Großfeuer ausbrach, das Dächer und Dachstuhl, Teile der Gewölbe sowie den Vierungsturm zerstörte. „Ich war gerade mit dem Fahrrad auf dem Heimweg, als ich davon erfuhr“, erinnert sich Marie Parant-Andaloro. Damals hätten sich viele Menschen auf den Weg in die Innenstadt gemacht, um die Katastrophe mit eigenen Augen zu sehen. „Das habe ich nicht geschafft“, sagt Parant-Andaloro. „Ich war verzweifelt und habe mich in meine Wohnung geflüchtet.“ Lange habe sie gebraucht, bis sie sich wieder in die Nähe der Kathedrale getraut habe.
David Kiefer (links) aus Offenburg hatte 24 Stunden vor dem Unglück noch Unterricht an der Kathedralorgel. Manuel Mader hatte das Glück, als Freiburger Student kurz vor dem Brand nächtens die Orgel in Notre-Dame zu spielen.
Doch erfasste der Schrecken auch Menschen in anderen Teilen der Welt. „Ich saß gebannt am Fernseher und schaute die Bilder von der Rauchsäule über der Kirche“, meint Claudia Fröhlich, eine Mannheimerin, die gerne Reisen in die französische Metropole unternimmt. Die superschnelle Zugverbindung hat ja seit langem dafür gesorgt, dass Städte wie Mannheim oder Karlsruhe quasi „Vororte von Paris“ geworden sind. „Mit dem Hochgeschwindigkeitszug bin ich viel schneller in Paris als in Berlin“, sagt Claudia Fröhlich.
Tief erschüttert am Tag des Brandes war auch David Kiefer – noch 24 Stunden vor dem Unglück war er an der mächtigen Orgel. Denn der gebürtige Offenburger war damals Schüler von Olivier Latry, und der hatte seine Eleven nach der Sonntagabendmesse zum Unterricht auf die Empore gebeten. „Es war die schönste Orgel, die ich je gespielt habe“, schwärmt Kiefer. Ein großes Wort, denn der 28-Jährige ist mittlerweile als einer der Vertreter des Kölner Domorganisten an einer anderen der großen Kirchen dieser Welt fest bestallt. Marie Parant-Andaloro, die Frau, die lange einen Bogen um das berühmte Gotteshaus machte, ist Expertin für die Restaurierung von Gemälden und Wandmalereien. Sie hat eine ganz besondere Beziehung zu der Kathedrale. Vor mehr als 20 Jahren hatte die Freiberuflerin ihren ersten Auftrag in Notre-Dame angenommen – und gehörte zu den Heerscharen an Spezialisten, die sich nach dem Brand daran machten, das Bauwerk wieder instand zu setzen.
Den Startschuss dafür hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gegeben. Kurz nach der Katastrophe kündigte er in einer Fernsehansprache einen zügigen Wiederaufbau an. „Ich möchte, dass dies in fünf Jahren abgeschlossen sein wird.“ Eine gewagte Wette. Denn zu diesem Zeitpunkt ließ sich kaum absehen, was alles benötigt würde, um diesen ehrgeizigen Plan umzusetzen. Relativ schnell war immerhin eines klar: An Geld sollte das Projekt nicht scheitern. Schlussendlich kamen 846 Millionen Euro zusammen; 340 000 Spender aus 150 Ländern beteiligten sich. Die bis jetzt aufgelaufenen Kosten für Sicherung und Sanierung beziffern die Verantwortlichen auf 700 Millionen Euro. „Wenn Geld ohne Ende da ist und durch den Bauherrn alle Regeln der Bürokratie für Ausschreibungen und so weiter außer Kraft gesetzt werden, kann man einen solchen Wiederaufbau in so kurzer Zeit schaffen“, urteilte die frühere Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner vor ein paar Wochen. Dadurch sei auch der immense Zeitdruck beherrschbar gewesen: „Die Dreiecksbinder im Dachstuhl sind außerhalb der Stadt geschlagen und aufgebaut worden, sie wurden auf Schiffen die Seen und Flüsse hinuntergefahren und in der Kirche als Ganzes aufgesetzt. Das ist natürlich ungeheuerlich, das ist toll“, schwärmt die Architektin über die positiven Aspekte des Wiederaufbaus.
Allein an der Restaurierung waren rund 250 Unternehmen und Ateliers beteiligt. Für Außenstehende muten Organigramme der Jahrhundertbaustelle wie ein kompliziertes Geflecht an. Was unter anderem daher rührt, dass der Staat für den Bau selbst verantwortlich zeichnet, die Innenausstattung Sache des Erzbistums von Paris ist. Macron setzte deswegen einen persönlichen Repräsentanten als oberste Bauaufsicht ein: den Fünf-Sterne-General Jean-Louis Georgelin. Ein ungemein zugewandter Mensch, dessen dröhnende Stimme im vergangenen Jahr verstummte. „General, am 8. Dezember 2024 werden die Türen von Notre-Dame wieder geöffnet. Wir werden dann an Sie denken, an die Figur, die unter diesen Säulen fehlt; und an den Stolz, den Sie empfunden hätten“, erklärte Macron auf Georgelins Beerdigung mit einer gehörigen Portion Pathos. Es ist davon auszugehen, dass die Rede, die Macron am 7. Dezember halten wird, ebenfalls emotional ausfällt.
Der gelungene Wiederaufbau wird bereits als „der“ Höhepunkt in der zweiten Amtszeit des innenpolitisch angeschlagenen Präsidenten gehandelt. Der Elysée jedenfalls spricht von einem „französischen Erfolg“. In der Tat machte seit 2019 die Crème de la Crème der französischen Handwerkerschaft ihre Aufwartung.
Hier und da gab es aber auch Unterstützung aus dem Ausland. So restaurierte die Kölner Dombauhütte vier Glasfenster; die Klöppel für die Glocken von Notre-Dame lieferte ein Familienbetrieb aus dem niederbayerischen Anzenkirchen. Aber auch in Ettlingen wurde mitgeholfen, dass der ehrgeizige Zeitplan eingehalten wurde. Die Firma Micromodultechnik GmbH Imko gilt als Spezialist für High-Tech-Feuchtigkeitsmessungen. Nach dem verheerenden Brand hatten die Kalksandsteine der Kathedrale Löschwasser aufgesaugt. Mithilfe von Feuchtigkeitsmesssonden aus dem badischen Städtchen sorgten die Ingenieure für den reibungslosen Wiederaufbau. „Wir sind froh, einen essenziellen Beitrag zum Wiederaufbau der leisten zu können“, freut man sich in Ettlingen.
Freilich: Den Löwenanteil des immensen Aufwands stellten die Franzosen selbst. Stolz sei er gewesen, auf der Baustelle zu arbeiten, sagt etwa Thibault Durant des Aulnois vom Restaurierungsunternehmen h.chevalier. Sein Kollege von der Tischlerei Giffard, Clement Arribat, ergänzt: „Notre-Dame, das übersteigt Paris, das übersteigt Frankreich – alle Menschen auf der Welt kennen diese Kirche!“
Mit jeder Menge Prominenz werden die Eröffnungsfeierlichkeiten zele-briert, unter anderem werden fast 170 Bischöfe aus Frankreich und der ganzen Welt erwartet. Für sie wird es jede Menge Überraschungen geben, denn, so formuliert es Barbara Schock-Werner, die Arbeiten seien „etwas geheimnistuerisch, hermetisch“ ausgeführt worden. Für die Presse war der Eintritt lange Zeit tabu.
Manuel Mader wird sich bestimmt bald selbst ein Bild von der neuen, alten Kathedrale machen: Vincent Dubois hat ihm schon zugesichert, dass er seinen Besuch wiederholen darf. Beim ersten nächtlichen Abstecher war Mader noch Student, mittlerweile ist er Organist der Schlosskirche in Friedrichshafen. „Ich freue mich schon riesig“, sagt er und meint, dass er den Klang der alten Orgel überall wiedererkenne. Aber vielleicht wird auch er eine Überraschung erleben?
Olivier Latry, der zuletzt im Schutzanzug wie ein Bauarbeiter zum Orgelüben auf die Empore kletterte, meinte kürzlich: „Die Orgel klingt wie immer, aber die Akustik hat sich verändert.“ Veränderung wiederum gehören zu diesem Raum, da ist sich der gläubige Katholik sicher: „Wer Note-Dame betritt, kommt verändert wieder heraus.“ Ab sofort können die Menschen dies wieder selbst erleben.