Von alten Ordensleuten lernen

10.03.2025 |

Was lässt sich von alten Ordensleuten über ein erfülltes Leben, den Umgang mit Krisen und die Vorbereitung auf den Tod lernen? Die Soziologin und Theologin Ruth Mächler gibt in ihrem neuen Buch spannende Einblicke.

Autorin Ruth Mächler ist sich sicher, dass man von Ordensleuten viel über das Leben, über Zufriedeneit und auch über das Sterben lernen kann.
 
Pater Bernd Janssen hat in seinem Leben viel durchgemacht, jetzt ist der Jesuit alt und müde. Dennoch: "Ich würde sagen, ich bin hochzufrieden, habe eine große Lebenszufriedenheit, und zwar deshalb, weil ich durchgehalten habe, trotz aller Zweifel", bilanziert er. Kann man von den Erfahrungen alter Ordensleute für das Leben lernen? Dieser Frage geht die Soziologin und evangelische Theologin Ruth Mächler in ihrem Buch "Freiheit und Vertrauen" nach, das gerade erschienen ist. Mächler forscht an der Professur für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit der Technischen Universität München.
 
"In den Lebensgeschichten der Ordensleute habe ich vieles entdeckt, was nicht nur mir, sondern auch anderen helfen kann, sich selbst besser zu erkennen und ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen", sagt Mächler. Das gelebte Leben gebe bessere Antworten als alle Theorien.
 
Sie hat sich von 21 hochbetagten Ordensleuten die Geschichte ihres Lebens erzählen lassen. Die Männer gehören dem Jesuitenorden an, die Frauen sind Sacré-Cœur-Schwestern. "Ich habe von Erfüllung und Freude gehört, aber auch von Einsamkeit und Krisen, von Erfolgen und Erfahrungen des Scheiterns, davon, wie sie das Altern erleben und wie sie sich nun, auf ihrer letzten Wegstrecke, auf den Tod vorbereiten", berichtet Mächler.
 
Das Leben neu überdenken

Das hat etwas mit ihr gemacht. "Die Gespräche haben mich verändert. Im Spiegel ihrer besonderen Lebensform konnte ich mein Leben und das Leben an sich in einer neuen Weise reflektieren", sagt Mächler. "Da ist nicht viel Ordensromantik in ihren Geschichten, dafür ganz viel echtes Leben."
 
Das Eintauchen in das Leben vielfach hoch motivierter, sehr zufriedener Ordensleute hat die Autorin offensichtlich für sich als bereichernd empfunden. Sie weiß aber auch darum, "dass viele Menschen schlechte oder gar traumatisierende Erfahrungen mit der katholischen Kirche als religiöser Machtinstitution gemacht haben". Mächler stellt fest, dass die Ordensleute, die sie befragt hat, diese Problematik häufig von sich aus ansprachen.
 
Freude finden und Abenteuer erleben

Schwester Anna Bruckers Eintritt ins Kloster verlief unter dramatischen Umständen. In der Nacht zuvor hatte es so stark geschneit, dass sie auf Skiern zum Bahnhof fahren musste. Als sie nach zwölf Stunden Zugfahrt am Zielort ankam, wurde sie von einem vom Kloster beauftragten Bauern mit einer Pferdekutsche abgeholt.
 
Noch bevor sie klingelte, fragte er sie, ob sie es sich nicht noch einmal überlegen wollte. "Ich habe ihn angeschaut und habe gesagt: 'Nein, ich habe lang überlegt.' Darauf sagte er: 'Dann wünsche ich alles Gute', und hat die Glocke geläutet", erzählt die Ordensfrau. "Als Schwester Brucker mir diese Szene erzählt, bekomme ich eine Gänsehaut", sagt Autorin Mächler.
 
Auf ihre Frage, was Schwester Brucker im Alter Freude mache, antwortete diese, es sei die Freiheit, in der sie lebe. Für Schwester Brucker begann das Leben in jener Nacht an der Klostertüre und brachte ihr Freude und Abenteuer, von denen sie als junge Frau niemals hätte träumen können, wie sie Mächler erzählt.
 
Hilfe annehmen in schweren Zeiten

Das Leben ist kein Ponyhof, auch nicht im Kloster. Viele erleben Krisen, die sie grundsätzlich zweifeln lassen. "Was ebenfalls von den Ordensleuten empfohlen wird, ist, sich durch Krisen nicht allein durchzubeißen. Es ist nicht nur in Ordnung, es ist gut, sich Hilfe zu holen." Mächler erzählt von Pater Bernd Janssen, der durch eine schwere Lebenskrise ging. Der Jesuit arbeitete in einer Therapie an seinen Problemen und fand so wieder zurück zu seiner Berufung im Ordensleben.
 
Was hilft noch in schweren Zeiten? Die Orientierung an Vorbildern, hat die Autorin gelernt. Bei Ordensleuten sind es meist die Gründer und Gründerinnen, die sich als Vorbild anbieten. Andere finden solche vielleicht in ihrer Umgebung. Mächler meint, dass es jedem helfen könne, sich an Menschen zu orientieren, die trotz schwieriger Zeiten und Hindernissen etwas Positives erreicht haben. Dadurch entstünden neue Möglichkeiten auch für einen selbst.
 
Der Tod ist unser aller Zukunft

Die Ordensleute, mit denen Ruth Mächler für ihr Buch gesprochen hat, sind hochbetagt - sie haben den Tod vor Augen und setzen sich damit auseinander. Für sie bedeutet der Tod nicht das Ende, sondern sie sehen ihn als einen Übergang, stellt die Autorin fest. "Sie erwarten, Gott zu begegnen, nun endlich von Angesicht zu Angesicht. Diese Hoffnung eröffnet ihnen die Möglichkeit, die Zeit des hohen Alters als eine innere Vorbereitung auf diese Begegnung zu begreifen und ihr damit Sinn zu verleihen."
 
Von Christiane Laudage
 

Service

Ruth Mächler, Freiheit und Vertrauen. Von alten Ordensleuten für das Leben lernen. Mit einem Nachwort von Eckhard Frick, Patmos-Verlag, Ostfildern 2025, 192 Seiten, 24 Euro.