Soziales Miteinander nach dem Vorbild eines Ökonomen

17.03.2025 |

Das traditionsreiche Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen strahlt auch über den Rhein aus: Jetzt soll ein neuer Stadtteil entstehen, der den Ideen des Namenspatrons entspricht.

Das Heinrich-Pesch-Haus – hier finden auch viele Fort -und Weiterbildungsmaßnahmen der Kirchengemeinde Mannheim statt.
 
Freie Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit unter einen Hut zu bekommen, das war zeitlebens das Ziel der Studien von Heinrich Pesch. Heute versucht man in Ludwigshafen auf nicht weniger als 15 Hektar private Bauwirtschaft und soziales Miteinander auf ideale Weise zu kombinieren – ganz im Sinne des Vaters der katholischen Soziallehre: In etwa vier Jahren etwa soll es so weit sein, dass „2000 Menschen in einer neuen Heinrich-Pesch-Siedlung glücklich und zufrieden zusammenleben“, wie Ernst Merkel sagt, einer der Geschäftsführer, die das ambitionierte Projekt vorantreiben. 

Seit 1973 führt die Akademie des Bistums Speyer den Namen des katholischen Theologen und Sozialphilosophen Heinrich Pesch. Die Bildungseinrichtung ist zwar in der linksrheinischen Industriestadt Ludwigshafen gelegen, strahlt „aber mächtig über den Rhein hinaus“, wie der Mannheimer Dekan Karl Jung sagt. Mehr noch: „Ursprünglich wurde das Haus in Mannheim gegründet. Erst später siedelte es nach Ludwigshafen über“, weiß der Dekan. Und die Jesuiten, die das Heinrich-Pesch-Haus seit seiner Gründung leiten, übernehmen auch heute noch regelmäßig Gottesdienste in der Jesuitenkirche in Mannheim. Jung: „Das Heinrich-Pesch-Haus und das Katholische Stadtdekanat Mannheim sind sowohl historisch als auch aktuell eng verbunden.“ Und personell: Jung ist Mitträger in der Mitgliederversammlung des Heinrich-Pesch-Hauses. Und der bisherige Geschäftsführer der katholischen Gesamtkirchengemeinde Mannheim Eckhard Berg fungierte bislang als Stellvertreter. 

Heinrich Pesch war der Sohn eines Schneiders aus Köln. Der hochbegabte Junge durfte eine höhere Schulbildung genießen und studierte ab 1872 in Bonn nicht nur Theologie, sondern auch Philosophie und Volkswirtschaftslehre. Er wurde Priester, trat in den Jesuitenorden ein, wirkte als Spiritual am Priesterseminar in Mainz – verlor aber nie seine Interessen an der Ökonomie aus den Augen. Während eines vierjährigen Aufenthaltes in England hatte er seine theoretischen Studien verfeinern können, er lernte dabei aber auch die großen, sozialen Widersprüche des Landes kennen. Gerade England, Vorreiter der Industrialisierung, erlebte den Wandel der neuen Zeit auf herbe Weise. Aus seinen Erfahrungen entwickelte Heinrich Pesch einen gewaltigen Antrieb, der ihn sein ganzes Leben bewegen sollte. Er beschäftigte sich mit den grundlegenden Theorien über die Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert die Gesellschaften völlig umgekrempelt hatte.
 
Pesch las Karl Marx, er beschäftigte sich mit der liberalen Wirtschaftstheorie und er ging den ungewöhnlichen Schritt, noch ein zweites Studium der Volkswirtschaftslehre anzuhängen. Seine große wirtschaftstheoretische Kenntnis floss ein in ein fünfbändiges Lehrbuch der Nationalökonomie. Darin ging Pesch davon aus, dass es zwischen Individuum und Gesellschaft eine Art „Verpflichtungsverhältnis“ gebe.  Aus diesem Grundgedanken entfaltete er ein soziales Arbeitssystem, indem der Mensch und der Dienst am Gemeinwohl gemeinsam als „Ziel der Wirtschaft“ definiert werden. Er erkannte früh, dass die Gesetze des freien Marktes unweigerlich auch das Menschenbild berühren. Pesch sagte aber auch Ja zu Privatwirtschaft, Ja zu Konkurrenz – aber eben alles eingefangen in ein regulatives System. Mit seinen Ideen beeinflusste der Kölner, der lange Jahre in der Stadtseelsorge in Berlin als Priester wirkte, sogar Papst Pius XI., der wesentliche Elemente von Peschs Überlegungen in seine Enzyklika „Quadragesimo anno“ aufnahm. In Deutschland gilt Pesch als Vordenker der katholischen Soziallehre. 

Die Bildungsarbeit im HPH, wie das Pesch-Haus kurz genannt wird, ist vielfältig – und dem Ideal ihres Namenspatrons entsprechend auch sehr sozial geprägt. Wer durch das Haus heute schlendert, stößt während der Woche auf Sprachkurse für ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, es gibt Sozialprogramme mit Namen wie „LU can help“ für Schutzsuchende oder Zugezogene, aber auch ambitionierte Ideen wie „LU can learn“, dass Menschen dabei unterstützt, einen Schulabschluss zu machen. „Ein gewaltiges Problem“, wie Anette Konrad sagt, die Pressesprecherin des Hauses, „denn auf Jugendliche ohne Schulabschluss wartet in der Regel eine schwierige persönliche und berufliche Zukunft.“

Und jetzt soll das traditionsreiche Haus Mittelpunkt eines ganz neuen Stadtteils von Ludwigshafen werden, das die Ideale Heinrich Peschs umsetzt. „Wir sehen uns unsere Investoren sehr genau an“, sagt Ernst Merkel, der früher Baudezernent der Industriestadt war und über erstklassige Kontakte verfügt. Bisher war das kircheneigene Gebiet hinter dem in den 1970er- Jahren erstellten Akademiegebäude landwirtschaftlich genutzte Fläche, jetzt rollen dort die Bagger an. Bis der neue Stadtteil steht, wird es noch einige Zeit brauchen, auch wenn die Straßen schon gut zu erkennen sind; vieles ist zu regeln.
 
Was die Projekt-Organisatoren dabei antreibt, ist die Vision eines „neuen Wohnens“. Die Siedlung wird über eine eigene App verfügen, die über alles Auskunft gibt, und über Quartiermanager. Die Menschen in den rund 800 Wohnungen sollen mit dem öffentlichen Nahverkehr nach Hause gelangen können; rund um die Siedlung wird es Parkplätze geben mit großzügigen Strom-Tankstellen, in der Siedlung selbst ist das Autofahren nicht vorgesehen, dafür aber ein intelligentes Zustellsystem. An die Bedürfnisse von Familien mit Kindern ist gedacht, es wird Kindertageseinrichtungen geben, irgendwann sogar eine Schule. Aber auch die Anforderungen für altersgerechtes Wohnen werden bedacht. Mietwucher will man nicht zulassen, dafür werden die Investoren handverlesen aus einem Kreis ausgewählt, der „bereits eine Expertise im sozialverantwortlichen Bauen“ hat, wie es heißt. Natürlich wird es in der neuen Siedlung Räume der Begegnung geben – und das klassische Heinrich-Pesch-Haus steht dabei wie ein Wächter am Rande. 

Am Ende des Tages aber soll natürlich auch Geld fließen. Und das nicht so knapp, schließlich haben die Projektverantwortlichen jede Menge Land eingebracht. Noch gibt man sich recht zugeknöpft, aber klar ist: Das große Wohnprojekt soll irgendwann auch die Bildungsarbeit stabilisieren. Denn auch im Bistum Speyer, das den Löwenanteil des Haushalts trägt, erkennt man die Herausforderungen der Bildungslandschaft. Die Erzdiözese Freiburg schießt derzeit 30 000 Euro bei, gut investiertes Geld, wie Dekan Jung sagt. „Im HPH finden viele unserer Fortbildungen statt – beispielsweise alle Schulungen im Bereich der Mitarbeitervertretung.“ 

Und welche Erwartungen knüpft man im benachbarten Mannheim an die neue Siedlung? „Es ist spannend, dass sie nach christlichen Wertegrundsätzen geplant und errichtet wurde. Ich bin mir sicher, dass sie als Beispiel dienen kann und wird“, sagt Dekan Karl Jung.
 
Klaus Gaßner