Maler, Bildhauer, Architekt, Poet: Vor 550 Jahren wurde Michelangelo Buonarroti geboren.
Ausschnitt eines dem italienischen Maler und Bildhauer Daniele da Volterra zugeschriebenen Porträts Michelangelos (um 1544).
Als Papst Paul III., seine Kardinäle und der ganze neugierige vatikanische Hofstaat im Oktober 1541 das gewaltige, 180 Quadratmeter große „Jüngste Gericht“ an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Augenschein nahmen, an dem Michelangelo fünf Jahre lang wie ein Besessener gemalt hatte, gab es einen Riesenskandal. Der Zeremonienmeister Seiner Heiligkeit, Blasius de Martinelli, empörte sich über die nackten Körper der Seligen und Verdammten: So könne man eine Taverne ausmalen, aber doch keine päpstliche Kapelle! Michelangelo war wütend und reihte den Zeremonienmeister mit einem exakten Porträt in die Schar der Höllenbewohner ein. Noch heute blickt Martinelli – als Totenrichter mit Eselsohren dargestellt – verzweifelt auf die Touristenscharen, bis zu zehntausend Menschen sind es täglich, die das prachtvoll restaurierte Meisterwerk bestaunen wollen.
Michelagniolo di Lodovico di Lionardo Buonarroti-Simoni, wie das Genie mit vollem Namen hieß, gilt als Vollender der Hochrenaissance, als führender Kopf des Manierismus – höchste Ausdruckssteigerung statt der bisher praktizierten treuen Abbildung der Realität, Auflösung der starren Formen in Bewegung und Ekstase – und gleichzeitig als Wegbereiter des Barock; er wirkt so einzigartig, dass man ihn keiner bestimmten Stilepoche zuzuordnen wagt.
Das Multitalent erwarb sich seinen Ruf nicht nur als Maler und Bildhauer, sondern auch als Architekt und Dichter. Und doch plagten ihn mit zunehmendem Alter immer mehr Selbstzweifel: Die erschütternde Pietá, die er mit über siebzig Jahren für sein eigenes Grabmal schuf – der greise Nikodemus, der den toten Christus in den Armen hält, trägt Michelangelos Gesichtszüge –, zerschlug er verbittert, weil er den Marmor für schlecht hielt. Zum Glück setzte ein Schüler die Statuengruppe wieder zusammen.
Im toskanischen Städtchen Caprese bei Arezzo kam Michelangelo am 6. März 1475 als Sohn eines Ratsherren zur Welt, aufgewachsen ist er in Florenz. Kaufmann sollte er werden, durfte aber dann beim berühmten Freskomaler Domenico Ghirlandaio in die Lehre gehen und auch die Bildhauerakademie besuchen, die der kunstsinnige Lorenzo de Medici soeben gegründet hatte. Bald holten die Medici den 15-Jährigen in ihren Palast, wo er Künstler, Poeten, Gelehrte kennenlernte und Marmorreliefs meißelte.
Er ging auf Wanderschaft nach Venedig, Bologna, Rom – und begann, um jeden Muskel des menschlichen Körpers studieren zu können, Leichen zu sezieren. Der Abt von Santo Spirito in Florenz stellte ihm dafür die Klosterkirche zur Verfügung. Michelangelo war noch keine 25 Jahre alt, da feierte man ihn bereits als besten Bildhauer Italiens. Seine gelungensten Frühwerke: die 1499 vollendete Pietà im Petersdom zu Rom, die Trauer und ruhige Ergebenheit zugleich ausstrahlt und unendlich exakt gemeißelt ist – und der „David“, von der Republik Florenz als Illustration der zivilen Tugenden Mut und Tapferkeit bestellt.
Als 1503 der autoritär regierende, aber mit hohem Kunstverstand gesegnete Julius II. Papst wurde, schlug endgültig die Stunde des Florentiner Universalgenies. Julius holte Michelangelo nach Rom, betraute ihn mit titanischen Projekten, drängte auf zügige Vollendung, schob neue Aufträge dazwischen, brachte jeden Zeitplan mit Änderungswünschen durcheinander, geizte mit Gunstbeweisen ebenso wenig wie mit Demütigungen – eine schwierige, aber fruchtbare Beziehung.
Julius, auf Nachruhm bedacht, bestellte bei Michelangelo ein monumentales Grabmal. Acht Monate suchte Michelangelo in Carrara nach geeignetem Marmor. Als er zurückkehrte und um einen Vorschuss für den Transport der Steinblöcke bat, hatte der Papst kein Interesse mehr. Der Neubau der Peterskirche – nach Entwürfen Bramantes – schien wichtiger. Jahrzehnte später, nach Bramantes Tod, krönte Michelangelo den Petersdom mit der weltberühmten Kuppel.
Doch damals bekam er erst einmal den Auftrag, die Decke der päpstlichen Hauskapelle – der Sixtina – auszumalen. Besucher aus aller Welt bewunderten schon damals das Gewimmel von Propheten und Sibyllen, die erregende Darstellung der Sintflut und das naturalistische Szenario des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies, vor allem aber Michelangelos größten Wurf: die Erschaffung Adams. Die ganze spannungsgeladene Energie dieses Schöpfungsaktes konzentriert sich im ausgestreckten Finger des in gewagter perspektivischer Verkürzung in der Deckenmitte schwebenden Gottvaters, mit dem er den entspannt hingelagerten Körper Adams berührt. Mit einem hingerissenen Blick, gar nicht erschrocken, sondern freudig und nachdenklich zugleich, erwacht Adam zum Leben. Von diesem Moment an nannte man Michelangelo in Europa nur noch „il Divino“, den Göttlichen.
Vier Jahre lang arbeitete der Meister fast allein an der Decke. Die jungen Gehilfen verscheuchte er in der Regel bald wieder, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügen konnten. Es war eine mörderische Aufgabe, Wochen und Monate auf dem Gerüst zu stehen und den Arm mit dem Pinsel stets über dem Kopf emporgestreckt zu halten. „A fresco“ zu arbeiten, erforderte ständige Anspannung und eine routinierte, rasche Maltechnik in höchster Konzentration – solange der Verputz noch nass war, weil so die wasserlöslichen Farben tiefer eindringen konnten und eine reinere Wirkung erzielten. Der Künstler musste mit einem sechsten Sinn für Farbnuancen ausgestattet sein, denn wie so ein Rot oder Blau endgültig aussah, ließ sich erst nach Tagen oder Wochen erkennen.
Die andere Welt hinter den Dingen, die Tiefendimension der vielfältigen Wirklichkeit, die Liebe, die das Universum trägt und so ein armseliges Menschlein allein auf Dauer glücklich machen kann – das wurde dem gefeierten König der römischen Künstler immer wichtiger. Michelangelo war ein misstrauischer, einsamer Mensch, der darunter litt, dass er bei aller Genialität von seinen Auftraggebern abhängig war, ständig umdisponieren musste und oft nicht verwirklichen durfte, was er für richtig hielt.
Immer stärker zweifelte er am Wert der eigenen Arbeit. Melancholisch, scheu, in Gedanken oft um den Tod kreisend, „eingeschlossen wie ein Geist in der Flasche“, wie er selbst seine Abkapselung beschrieb, in einem häuslichen Chaos lebend, dann wieder jähzornig und aufbrausend, macht er den Eindruck eines psychisch angeschlagenen Menschen. Er brauche keine Frau, scherzte er gegenüber einem Priester, der den alternden Junggesellen bedauerte. „Nur zu viel habe ich mit einer Frau zu schaffen gehabt, das ist die Kunst, die mich stets gequält hat, und meine Kinder sind die Werke, die von mir zurückbleiben.“ Doch wer ihn genauer kannte, der wusste, dass seine eigentliche Liebe den jungen Männern galt. Ein gewisser Tommaso Cavalieri, ein junger Adeliger, dem er zahllose Liebesgedichte widmete, erwiderte seine Zuneigung; die Beziehung blieb platonisch und ziemlich geheim. Sie währte bis zu Michelangelos Tod; mit 88 Jahren starb er 1564 in Rom.
Eine Art Wiederauferstehung feierte der „Göttliche“ in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts, als seine Fresken in der Sixtinischen Kapelle in einer einzigartigen Anstrengung restauriert wurden. Unter dem fettigen Ruß von Wachskerzen und Öllampen, und den Ausdünstungen der Besucherscharen hatten die Gemälde so gelitten, dass die Engel und Teufel, die Heiligen und Verdammten am Ende nur noch mühsam aus einer dicken graubraunen Schmutzschicht herausschauten.
Dazu kamen die problematischen Übermalungen, die dilettantische Zensoren dem „Jüngsten Gericht“ hatten angedeihen lassen. Michelangelos Auftraggeber Julius II. wehrte sich zwar mannhaft gegen die ängstlichen Gemüter, die Anstoß an der Nacktheit vieler der 410 Figuren nahmen. Manche seiner Nachfolger ließen das riesige Fresko verhängen. 1564 beschloss das Konzil von Trient, „unzüchtige Stellen“ seien zu bedecken. Die Ausführung dieses Kommandos erlebte Michelangelo zum Glück nicht mehr.