Vom Klima-Kleber zum Dom-Pfarrer

28.04.2026 |

Pater Jörg Alt demonstrierte mit „Fridays for Future“, stahl Lebensmittel aus Containern und klebte sich auf Straßen fest. Dafür ging er medienwirksam ins Gefängnis. Jetzt gestaltet er das Kirchenleben in St. Blasien mit. 

Früher verbrachte Pater Jörg Alt in St. Blasien seine Urlaubswochen, jetzt wirkt er hier als Kooperator.
 
„Klima-Pfarrer“, „Knast-Pfarrer“ oder „Pattex-Pater“ – das waren im vergangenen Jahr häufige Titel, die Pater Jörg Alt (64) zuteilwurden. Im Folge einer Vertretung wurde der Priester, der seit 1981 dem Jesuitenorden angehört, neuer Pfarrer im Dom St. Blasien.  

An einem sonnigen Frühlingstag empfängt er im Jesuitenhaus, das sich hinter dem Dom mit seiner wuchtigen Kuppel verbirgt. „Sind diese Kirche und diese Schwarzwaldnatur nicht einfach wunderschön?“, fragt er gleich zu Beginn des Interviews. Hier lebt er seit Oktober 2025 gemeinsam mit sechs Ordensbrüdern. Früher habe der gebürtige Saarländer, der viele Jahre in pulsierenden Städten wie München, Leipzig, Berlin und Nürnberg gewirkt hat, seine Sommerurlaube hier verbracht: „Zum Lesen, Schreiben und die Gedanken schweifen lassen“, sagt er, „diese Ruhe habe ich immer gesucht, weil sie mir viel Kraft und Ausgleich geboten hat: im Februar an die Nordsee, im Sommer nach St. Blasien.“ 

Denn ruhig war sein Leben bis dato keineswegs: Im Saarland, in der Pfalz und in Bayern in einem gemäßigt katholischen Elternhaus aufgewachsen, war es ein „guter, volksnaher“ Gemeindepfarrer, der ihm besonders imponiert hat: „Er hatte sogar eine Band mit E-Gitarre – in den 1970er-Jahren schier unglaublich“, erinnert sich Jörg Alt schmunzelnd. Politisch, gesellschaftlich und sozial gleichermaßen interessiert, studierte er zunächst Philosophie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München, worauf ein Theologie-Studium in London und die Ordenspriesterweihe 1993 folgten. „Und dann habe ich mein Leben als Geistlicher und politisch interessierter Mensch gleichermaßen gelebt“, sagt er. Er war Kaplan in Leipzig, später für drei Jahre als Priester in dem mittelamerikanischen Land Belize und an der katholischen Hochschule in Nürnberg als Seelsorger tätig.
 
Doch in all den Jahren widmete er sich auch gesellschaftlichen Schieflagen, wie kaum ein anderer Geistlicher in Deutschland: Gemeinsam mit der „International Campaign to Ban Landmines“, an der er als deutscher Koordinator intensiv mitgewirkt hatte, erreichte er nicht nur die Ottawa-Konvention für das Verbot von Anti-Personen-Landminen. Die Kampagne wurde 1997 sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Später vertiefte er sein Philosophie-Studium und promovierte im Fachbereich Soziologie. Asylpolitik, das Leben von als illegal geltenden Einwanderern in Deutschland und der Kampf um mehr Entwicklungs- und Steuergerechtigkeit bestimmten viele Jahre seine politischen Bemühungen.  Und dann kam es 2019 zu seinem Kontakt zu „Fridays for Future“: „Anfangs haben mich diese jungen Menschen geärgert, weil sie alle Mitglieder meiner Generation gleichermaßen für den Klimawandel verantwortlich zu machen schienen. Aber dann bin ich in den Dialog mit ihnen gegangen und habe verstanden: Sie haben recht. Wir müssen jetzt handeln. Alle. Seite an Seite.“ Also demonstrierte Pater Jörg Alt mit „Fridays for Future“ für konsequenten Klimaschutz und Klimagerechtigkeit, stahl mit der Protestgemeinschaft „Letzte Generation“ noch essbare aber weggeworfene Lebensmittel aus Supermarkt-Containern und klebte sich auf Straßen fest, um diese zu blockieren und auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. 

Dafür vom Landgericht Nürnberg-Fürth eigentlich nur zu einer Geldstrafe verurteilt, legte es Pater Jörg Alt darauf an, tatsächlich ins Gefängnis zu gehen und verweigerte medienwirksam die Zahlung der 500 Euro. „Gegen jeden Versuch der Staatsanwaltschaft“, wie er sagt, seine Inhaftierung durch Ratenzahlungen oder gemeinnützige Arbeit zu verhindern, zog er am 1. April 2025 für 25 Tage in die Justizvollzugsanstalt Nürnberg. „Ich bin stolz darauf, ein Straftäter zu sein. Denn alles diente einem höheren Zweck. Einst gesteckte Klimaziele werden wieder verworfen. Das macht mich wütend, traurig und gibt mir leider auch ein Stück weit das Gefühl von Ohnmacht.“ 

Der Jesuitenorden ist jener, der nicht nur für Wissenschaft, Bildung und Forschung, sondern auch ein Stück weit für politische und gesellschaftliche Einflussnahme steht. Schon im 16. und 17. Jahrhundert waren Jesuitenbrüder wichtige Berater von Monarchen. 1773 soll die Einflussnahme sogar so weit gegangen sein, dass Papst Clemens XIV. den Orden auflöste. Bis 1814 war diese Aufhebung in Kraft. 

Rebellentum oder politische Einflussnahme hätten für Jörg Alt aber nicht die Anziehungskraft des Ordens ausgemacht: „Mitten in der Welt zu wirken und den Glauben und die Gerechtigkeit zu verbinden – das sind und waren Grundsätze der Jesuiten, die mir imponieren“, sagt Alt. Nicht alle Ordensbrüder seien begeistert von seinen Aktionen gewesen. „Aber ich bekam auch viel Zuspruch – von Jesuiten im globalen Süden und von vielen Theologen.“ Bei einer Protestaktion 2023 nahm er beispielsweise mit 30 anderen Theologinnen und Theologen verschiedener Traditionen an einer Straßenblockade in Berlin teil. In einem seiner Buchtitel versteckt sich denn auch seine Kernbotschaft: „Handelt! Ein Appell an Christen und Kirchen, die Zukunft zu retten“ (Vier-Türme-Verlag, 2020). 
 
Bei einer Blockade für eine andere Klimapolitik im Jahr 2022 in München tragen Polizisten den Aktivisten und Jesuiten Jörg Alt von der Straße.
 
Auf Schlüsselmomente wie den Friedensnobelpreis oder seine öffentliche Inhaftierung angesprochen, ist Erhabenheit bei ihm kaum zu spüren: „Ich finde, dass wir in so vielen gesellschaftlichen Bereichen noch viel mehr erreichen müssen und bin in vielerlei Hinsicht enttäuscht, nicht mehr bewirkt zu haben“, sagt er. Immerhin nutzte der Doktor der Soziologie auch die Zeit im Gefängnis für Größeres: eine 53-seitige Forschungsarbeit über die Schattenseiten bayerischer Haftbedingungen (Auf seiner Internetseite: www.joergalt.de). Sein Fazit: „Statt auf Rehabilitation wird hier nur auf Strafe absitzen gesetzt. Jeder Tag hier drinnen ist ein Tag umsonst!“

Und jetzt? Hat er dem Freistaat Bayern mit seiner „einengenden Politik“, wie er sagt, ganz bewusst den Rücken gekehrt. Noch im Gefängnis bekam er das Angebot einer Pfarrvertretung im Schwarzwald und sagte freudig zu. „St. Blasien ist für mich inzwischen ein Neuanfang. Ich finde es richtig schön, wieder eine Pfarrgemeinde zu betreuen, eng mit den Menschen in Kontakt zu kommen und kirchliches Leben aktiv mitzugestalten“, sagt er lächelnd. „Dass Klimawandel und sozialökologische Transformation im Gebiet der Erzdiözese Freiburg auch noch viel präsenter zu sein scheint, als im konservativen Bayern, ist für mich ein toller Bonus.“   
 
Dom-Pfarrer möchte Jörg Alt aber nicht genannt werden. „Offiziell heißt meine Stelle ‚Pfarrkooperator‘“, sagt er. Weil Gottesdienste, Trauungen, Taufen, Seelsorgegespräche und alles weitere, was ein Pfarrer so macht, zu seinen Aufgaben zählen, wird er für die Gläubigen in und um St. Blasien aber wohl zweifelsohne der neue Dom-Pfarrer sein. Und dem imposanten Sakralbau möchte er in Zukunft wieder ordentlich Leben einhauchen: „Ich war etwas ernüchtert, als ich kam und gesehen habe, dass es in St. Blasien nur ein Erstkommunionkind, einen katholischen Erstlässler und kaum mehr Ministranten gab“, sagt er. Sein Ziel: auf die Menschen zugehen, Kontakte zu Vereinen und Bürgern verschiedener Nationalitäten und Konfessionen knüpfen und die Kirche wieder näher an der Realität der Menschen stattfinden lassen. Zum Beispiel hat er Predigtserien geplant, die Messe und Alltag stärker verbinden und katholische Praktiken nahbar einordnen. Zudem wäre er in Zukunft auch für Guggenmusik-Gottesdienste zur Fasnacht (wie in dieser Region vielerorts üblich) oder Stadtmusik-Kooperationen offen. Erste Bemühungen haben dem Dom bereits sieben neue Ministranten beschert. „Dieses Gotteshaus hat eine ganz besondere Atmosphäre. Es hat es verdient, mit Glauben, Leben und Liebe gefüllt zu werden!“  

Was für ihn in seinem Leben und Schaffen tatsächlich der größte Lohn ist: „Wenn ich einem Menschen ganz konkret helfen konnte“, sagt er, „das erfüllt mich als Christ und Mensch am allermeisten.“
 
Sira Huwiler-Flamm