Bischof in der Bahnhofsmission

12.05.2026 |

Würzburg ist Gastgeber des  Katholikentags. Bischof Franz Jung sprach über die Chancen, die in dem Großereignis stecken - und  über sein persönliches Engagement in der Bahnhofsmission.   

Franz Jung, geboren in Mannheim, aufgewachsen in Ludwigshafen, lange tätig in Speyer: Er ist von einem Nachbarbistum des Erzbistums Freiburg in ein anderes gewechselt.
 
Lieber Herr Bischof, Sie sind gewissermaßen ein Kind der Erzdiözese Freiburg, zumindest vom oberen, nördlichen Rand …
 
… naja, ein Kind der Erzdiözese ist ein wenig übertrieben. Wahr ist, dass ich in der katholischen Hedwigsklinik in Mannheim das Licht der Welt erblickte und drei Tage nach der Geburt in der dortigen Krankenhauskapelle auch getauft wurde, wie das damals üblich war. Zur Vorlage eines Taufscheins – wie beispielsweise beim Eintritt ins Priesterseminar – musste ich deshalb immer von Ludwigshafen nach Mannheim in die Obere Pfarrei bei der Jesuitenkirche radeln, um mir meinen Taufschein abzuholen, woran ich mich gerne erinnere. Also, geboren in Mannheim, aber aufgewachsen in Ludwigshafen und damit auf der anderen Rheinseite und im Bistum Speyer.

… und schließlich waren Sie Dompfarrer in Speyer, später dort Generalvikar, also nur eine Flussbreite vom Erzbistum entfernt: Haben Sie enge Kontakte nach Freiburg?
 
Nicht Dompfarrer, wohl aber Domkaplan und zugleich bischöflicher Sekretär von Bischof Anton Schlembach. Als Leiter der Abteilung Gemeindeseelsorge und später dann als Generalvikar hatte ich immer wieder Kontakte zum Erzbistum. Uns Speyerer interessierte natürlich, welche Pläne zur seelsorgerlichen Umstrukturierung beim „großen Bruder“ auf der anderen Rheinseite ausgearbeitet wurden und wie die praktische Umsetzung erfolgte. Zu meinen Freiburger Generalvikarskollegen hatte ich immer einen guten Draht. Gemeinsamer Berührungspunkt war überdies die Verantwortung für das Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen, an dessen Finanzierung sich auch das Erzbistum und der Jesuiten-Orden beteiligte, letzterer mit seinen beiden Kommunitäten in Mannheim und Ludwigshafen.
 
Sie sind nun seit ein paar Jahren als Pfälzer in Würzburg, was schätzen Sie an Ihrer neuen Heimat?
 
Die Offenheit der Menschen in Unterfranken. Dazu trägt sicher auch die Weinregion Franken bei, in der ich mich als Pfälzer gleich wohl gefühlt habe. Die Menschen sind bodenständig. Überdies wirkt die jahrhundertelange katholische Prägung Unterfrankens durch die Würzburger Fürstbischöfe bis heute nach. Das zeigt sich in der Verbundenheit der Gläubigen mit ihrer örtlichen Kirchengemeinde und dem hohen Engagement für den Erhalt der oft unglaublich schönen historischen Kirchengebäude, auf die die Gemeinden zurecht stolz sind. Einen solchen Schatz an künstlerisch herausragenden Kirchengebäuden kannte ich aus dem Bistum Speyer so nicht, in dem bedingt durch die zahllosen Kriege viele Kirchengebäude erst im 19. Jahrhundert errichtet wurden.
 
Weniger Gläubige, weniger Priester, weniger Geld – die Diözesen stellen sich auf große Herausforderungen ein: Können Sie kurz skizzieren, wie Sie im Bistum Würzburg in die Zukunft planen?
 
Im Gegensatz zum Erzbistum Freiburg planen wir keine großen Pfarreizusammenlegungen. Wir sind ein ländliches Bistum und haben nur drei größere städtische Zentren, neben Würzburg sind das Aschaffenburg und Schweinfurt. Aus ursprünglich 20 Dekanaten haben wir neun Dekanate gebildet, die mit den Landkreisgrenzen identisch sind. Um das Engagement der Gläubigen für ihre Gemeinden weiter zu fördern, haben wir 43 Pastorale Räume gegründet. Diese Struktur soll helfen, die lokalen Gemeinden zu erhalten und zugleich auf der Raumebene neue Kooperationen anzustoßen – zugegebenermaßen ein Spagat, aber für unsere momentane Situation eine passende Lösung. Zur Verwaltungsentlastung stellen wir den Räumen eine Verwaltungsleitung zur Verfügung. Die Mitarbeitenden in den Dekanatsbüros unterstützen die Menschen in den örtlichen Kirchengemeinden bei den immer komplizierteren Verwaltungstätigkeiten. Unser Anliegen ist, das Ehrenamt weiter zu fördern und Menschen zu motivieren, lokal Verantwortung zu übernehmen, da wir auf Dauer von Würzburg aus weder alles zentral verwalten, noch erhalten könnten.
 
Pastorale Caritas und Caritative Pastoral, so haben Sie eine Leitlinie für ihre neue Ordnung überschrieben, was steckt hinter den Begriffen? 
 
Von Beginn an habe ich als Bischof deutlich gemacht, dass wir Caritas und Pastoral enger zusammenführen müssen. In vielen Bistümern sind das oftmals zwei Säulen, die nebeneinander bestehen, ohne wirklich miteinander verknüpft zu sein. Caritas kann nicht einfach an die Spezialisten delegiert werden, sondern ist ein Grundauftrag von Kirche. In unserem Projekt der Sozialraumorientierung sind wir dabei, die Verzahnung von Pastoral und Caritas in Kooperationen zu fördern. Wir wollen ausprobieren, wie die Zusammenarbeit gestärkt werden kann durch die Sorge für bestimmte Zielgruppen, Stichwort Flüchtlingsarbeit, oder das gemeinsame Engagement an einer sozialen Einrichtung wie einer Kita, einem Hort oder einem Seniorenstift. Natürlich soll die caritative Tätigkeit nicht dazu herhalten, Proselytenmacherei zu betreiben. Aber als Kirche und Gemeinden muss es uns ein Anliegen sein, den christlichen Glauben auch jenseits der Kirchenmauern als weltverändernde Kraft und wichtige Ressource zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und zur Antwort auf aktuelle Nöte der Menschen erfahrbar zu machen.
 
In diesen Tagen empfängt Ihr Bistum den Deutschen Katholikentag: Was wünschen Sie sich von diesem Treffen, das in eine kirchlich und politisch schwierige Zeit fällt?
 
Der 104. Deutsche Katholikentag steht unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“, ein Leitwort, das mich immer aufs Neue begeistert. Denn dieses Wort aus der Begegnung Jesu mit dem blinden Bettler Bartimäus lädt dazu ein, alle Lethargie und Mutlosigkeit zu überwinden, gerade in einer Zeit, in der viele Menschen den Eindruck haben, es ginge gefühlt alles irgendwie den Bach hinunter. Wirtschaftskrise, innenpolitische Spannungen, weltweite Verwerfungen durch Machthaber, die in Allmachtsphantasien davon faseln, ganze Zivilisationen auslöschen zu wollen – man meint, man sei im Tollhaus gelandet und die Welt gerate zusehends aus den Fugen. Da kommt die Botschaft zur rechten Zeit, die sagt: Stell dich in die Gegenwart des Herrn, lass dir von ihm die Augen öffnen und nimm dein Leben wieder in die Hand! Wenn es uns gelingt, beim Katholikentag in Würzburg etwas von diesem Mut und dieser Lebensfreude zu vermitteln, dann bin ich sehr glücklich und dann ist in meinen Augen der Katholikentag ein Erfolg.
 
Ein Wort zu Ihrem privaten Engagement: Sie sind seit langem der Bahnhofsmission verbunden, finden Sie auch heute noch Raum für dieses Engagement – und was treibt Sie dabei an?
 
„Bist du bereit, um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein?“ So wurde ich bei meiner Bischofsweihe gefragt. Ich habe diese Frage mit „Ja“ beantwortet. Im Anschluss daran habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, diesem Versprechen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Als Bischof besucht man natürlich viele soziale Einrichtungen. Aber ich wollte nicht nur „Alibi“-Besuche machen, sondern ein festes Engagement eingehen, das den Ernst des Weiheversprechens unterstreicht. Da kam die Feier „120 Jahre Bahnhofsmission Würzburg“ 2019 wie gerufen. Es war ein beeindruckender Festakt an dessen Ende der Aufruf stand, die Bahnhofsmission zu unterstützen, sei es mit Geld, Sachspenden oder der eigenen Zeit. Ich weiß noch, wie ich nach diesem Festakt zu mir sagte: „Das ist es. Hier kannst du dich einbringen. Es ist nah am Bischofshaus. Du brauchst keine Spezialausbildung. Eine feste Schicht einmal im Monat mit vier Stunden muss drin sein trotz der Fülle der Termine im bischöflichen Kalender.“ So ist es geblieben bis heute. Meine Aufgaben sind dabei die gewöhnlichen Routine-Aufgaben der Bahnhofsmission: Essensausgabe, Geschirr spülen, Tee kochen und Brote schmieren, Menschen vom Zug abholen oder zum Zug bringen. Und natürlich die vielen Gespräche und Kontakte mit den Gästen der Bahnhofsmission. Diese Begegnungen konfrontieren mich regelmäßig mit anderen Lebenswelten am unteren Rand unserer Gesellschaft, zu denen ich als Bischof ansonsten kaum Zugang hätte. Und das ist sehr heilsam, aber auch immer wieder erschütternd. Für meinen Dienst bei der Bahnhofsmission sind die Begegnungen mit den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus allen Bildungsschichten und Milieus aber mindestens genauso wichtig wie die mit den Gästen. Ich erlebe es als große Bereicherung, mit ihnen zusammen meinen Dienst zu tun und von ihrem Idealismus – mit oder ohne religiösen Hintergrund – zu profitieren. Angesichts zurückgehender kirchlicher Ressourcen erachte ich die Einrichtung der Bahnhofsmission als geradezu modellhaft. Wir müssen als Kirche nicht alles allein stemmen. Wir können aber Plattformen schaffen, auf denen viele sich engagieren können, um so Christus in seinen und unseren Schwestern und Brüdern zu dienen.   
 
Das Gespräch führte Klaus Gaßner