Eine Moschee und eine Synagoge – unter einem Kirchendach
23.05.2023 |
In Tiflis steht die Eröffnung einer einzigartigen Friedenskathedrale bevor, die den Dialog zwischen den Religionen befördern kann. Partnerprojekt ist das „House of One“ in Berlin.
Rabbiner Golan Ben-Chorin ist auch Projektbotschafter für das „House of One“ in Berlin.
Der Dialog zwischen den Religionen ist ein zentrales Thema, mit vielen Mitteln und auf vielen Ebenen wird es behandelt. Während es hier und da immer mal knirscht, wächst in Berlin das „House of One“ heran. Und in Tiflis steht eine bemerkenswerte „Friedenskathedrale“ vor der Einweihung.
Golan Ben-Chorin mag keine Wände. „Sie schaffen Barrieren und halten Menschen fern“, sagt der Rabbiner aus Haifa. Manchmal aber reißen neue Konstruktionen Mauern in den Köpfen ein. Dann steht Ben-Chorin in der ersten Reihe. Wie bei der „Friedenskathedrale“ in der georgischen Hauptstadt Tiflis.
Der Austausch zwischen den Religionen war Golan Ben-Chorin in die Wiege gelegt
Das Partnerprojekt des Berliner interreligiösen „House of One“, dessen Botschafter Ben-Chorin ist, soll Juden, Christen und Muslimen in dem multireligiösen Land ein gemeinsames Dach, „ganz ohne versteckte Agenda“, bieten. Ende Mai, zum jüdischen Wochenfest Schawuot und dem christlichen Pfingstfest, werden eine Friedensmoschee und eine Friedenssynagoge eingeweiht, die mit der baptistischen Kirche den Komplex der „Friedenskathedrale“ bilden. Golan Ben-Chorin ist israelischer Reformrabbiner in dritter Generation. „Opa Schalom“ reichte, wie er es formuliert, in den 1950er-Jahren als Pionier der deutschen Gesellschaft die Hand, indem er den Jugendaustausch mit Israel vorantrieb. Vater Tovia, der vor einem Jahr starb, war ebenfalls ein wichtiger Vertreter des Reformjudentums. Er wirkte als jüdischer Akteur bei der Gründung des „House of One“. Mutter Adina hielt unterdessen die Türen für alle Glaubensrichtungen und Konfessionen offen, während sie zugleich die tiefe Verwurzelung der Familie im Judentum bewahrte. Dialog und Engagement, ob innerhalb oder zwischen den Religionen, waren Sohn Golan also in die Wiege gelegt.
Das Haus des Einen
In Berlin wächst seit 2011 etwas weltweit Einmaliges: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam ein Haus, unter dessen Dach sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee befinden. Ein Haus des Gebets und der interdisziplinären Lehre. Ein Haus der Begegnung, für ein Kennenlernen und den Austausch von Menschen unterschiedlicher Religionen. Das „House of One“, wie der genaue Titel lautet (auf Deutsch gesagt: „Haus des Einen“), ist ein interreligiöses Dialog- und Bauprojekt in Berlin. Die Baukosten, rund 43,5 Millionen Euro, kommen etwa zu gleichen Teilen vom Bund, von der Stadt Berlin sowie aus Spenden. Der Bau wurde auf dem Standort der ehemaligen Petrikirche im Berliner Bezirk Mitte geplant. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine christliche Kirche und eine Moschee beherbergen.
Ben-Chorins Partner in Tiflis heißt Malkhaz Songhulashvili. Früher war der gebürtige Georgier Erzbischof der baptistischen Kirche in Georgien, bis er 2013 wegen seiner Unterstützung für Homo-, Bi- und Transsexuelle sowie marginalisierte muslimische Gemeinschaften zurücktreten musste. Fortan zum Bischof von Tiflis degradiert, hat er seine Kirche weit geöffnet: für Arme, Flüchtlinge, sexuelle Minderheiten. Bischof Malkhaz blieb auch dann nicht still, als in Georgien Fälle von Islamophobie und Antisemitismus zunahmen. Seine Antwort: eine Friedensmoschee und eine Friedenssynagoge – unter einem gemeinsamen Dach mit der Kirche.
Die Idee der „Friedenskathedrale“ war geboren, ein „Ausdruck der Schönheit gegen die Hässlichkeit des Hasses“, so der Geistliche. Ein einladender Raum zum gemeinsamen Lernen voneinander – mit ein paar überraschenden Regeln.
Um die interreligiöse Interaktion zu fördern, durften Mitglieder einer Religionsgemeinschaft nicht für ihr eigenes Gotteshaus spenden, Juden nicht für die Synagoge, Muslime nicht für die Moschee. Und so kam es, dass die israelische Botschaft in Georgien für die „Friedenskathedrale“ und ihre
Moschee spendete. Die Wiederverwendung von altem Baumaterial, etwa Steine aus verschiedenen Dörfern, ist für Bischof Malkhaz Teil einer Theologie des Raums. Er solle unfertig aussehen – so wie „die Arbeit der Liebe und des Friedens nie endet und von jeder Generation ihren Beitrag fordert“.
„Ein Ausdruck der Schönheit gegen die Hässlichkeit des Hasses“, sagt der Rabbiner
Für den Rabbiner aus Haifa verfolgt die „Friedenskathedrale“ wie auch andere Partnerprojekte des „House of One“ einen Ansatz, der sie von anderen interreligiösen Vorhaben unterscheidet: „Viele im interreligiösen Dialog suchen nach dem gemeinsamen Nenner. Ich feiere die Unterschiede.“ Nach dem Finden einer gemeinsamen Basis, die für das Vertrauen entscheidend sei, gehe es darum, eine gemeinsame Sprache zu finden für eine „Einheit jenseits der Uniformität“.
Pluralismus sei der „Wert im Herzen meiner Arbeit“, Judentum seine Sprache, sagt Ben-Chorin. „Ich habe mich so vielen Systemen ausgesetzt wie möglich und dabei gelernt, dass Judentum meine Wahrheit ist.“ Dies sei nicht die einzige Wahrheit für alle. Aber ohne eigene Wahrheit könne er kein Pluralist sein. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in seinem Werdegang wider: Ordiniert in der israelischen reformjüdischen Bewegung, legte seine Promotion in Bildungsphilosophie an einer konservativen US-Universität ab und arbeitete mit betont progressiven Synagogen zusammen.
Für Israel plant Ben-Chorin einen weiteren physischen Raum der interreligiösen Begegnung. „Garden of One“ heißt das Projekt des Rabbiners in seiner Heimatstadt Haifa – ein Garten ganz ohne Mauern, dafür mit abstrakten symbolischen Darstellungen der verschiedenen Religionen: Bahai, Drusen, Muslime, Christen und Juden. Zudem soll es einen sechsten Bereich geben, der die Menschheit als Ganzes repräsentiert – ein „Raum der spirituellen Erhebung ohne Einschränkungen“.
Ein Granatapfelbaum im Garten der „Friedenskathedrale“ steht seit einigen Monaten symbolisch für die Verbindung zwischen Haifa und Tiflis.