Auf der Flucht

20.06.2023 |

Ob im Krieg oder auf der Flucht – oft sind Kinder die Hauptleidtragenden. Hilfsorganisationen fordern zum Weltflüchtlingstag deshalb mehr finanzielle Unterstützung für junge Vertriebene. Sonst droht die Gewaltspirale.

Ein Mädchen steht in einem leeren Klassenraum der Schule „Mahmood Darwish“ in Al-Hasaka (Syrien). Viele Menschen sind nach den türkischen Angriffen  2019 auf den Nordosten Syriens in die Stadt geflohen und kamen unter anderem in Schulen unter.
 
Unter Krisen und gewaltsamen Konflikten haben besonders Kinder zu leiden - das zeigen Untersuchungen im Vorfeld des Weltflüchtlingstags am 20. Juni. Obwohl Kinder nur 30 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, liegt ihr Anteil an der Gesamtzahl der gewaltsam vertriebenen Menschen bei 40 Prozent, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hervorgeht. Die Kinderhilfsorganisation World Vision fordert mehr finanzielle Unterstützung.
 
Laut UNHCR-Bericht lag die Zahl der weltweit vertriebenen Menschen bis Mai auf einem Rekordhoch von 110 Millionen. Dabei zeige sich, dass die 46 am wenigsten entwickelten Länder, die zusammen weniger als 1,3 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmachen, mehr als ein Fünftel aller Flüchtlinge aufgenommen haben. Die Mittel zur Unterstützung der Gastgeberländer sind dem Bericht zufolge 2022 jedoch hinter dem Bedarf zurückgeblieben und flössen auch 2023 bei steigendem Bedarf nur schleppend.
 
Eine Angehörige der Rohingya füttert ihr Kind im Flüchtlingslager Balukhali nahe Cox's Bazar in Bangladesch.
 
«110 Millionen Menschen auf der Flucht - das ist ein trauriger Rekord», kommentierte Entwicklungsministerin Svenja Schulze die Ergebnisse des sogenannten «Global Trends Report» des UN-Hilfswerks. Die meisten Menschen kämen gar nicht nach Europa, sondern fänden in Nachbarregionen oder Nachbarländern Zuflucht. «Wir unterstützen, dass Menschen auf der Flucht ein eigenes Einkommen erwirtschaften können, um nicht dauerhaft von Hilfsgeldern abhängig zu sein.»
 
Die Kinderhilfsorganisation World Vision prangert derweil mangelhafte finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft an.
Geldzusagen, die ohnehin schon nicht ausreichten, würden oft nicht eingehalten. «Das ist eine tödliche Kombination für Millionen Kinder in der Welt», betonte World Vision-Fluchtexperte Marwin Meier.
 
Einem ebenfalls am Mittwoch vom Hilfswerk veröffentlichten Bericht zufolge steigen Hunger und Gewalt gegen Kinder in Fluchtsituationen deutlich an. Dem Bericht liegt den Angaben zufolge eine Befragung unter Flüchtlingen und Binnenvertriebenen zugrunde.
 
Eine geflüchtete Mutter aus der Ukraine  sitzt mit ihren Kindern in ihrer Unterkunft im Aloisiuskolleg in Bonn.

 
Die Zahl der vertriebenen Familien, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbstständig bestreiten könne, hat sich demnach innerhalb eines Jahres verdoppelt. Rund 82 Prozent der geflüchteten Familien müssten bereits regelmäßig auf Mahlzeiten verzichten, um mit dem geringeren Einkommen zurechtzukommen. Zu den Ländern, die am meisten betroffen sind, zählen laut Bericht Burkina Faso, Äthiopien und Afghanistan.
 
In fast einem Drittel der Haushalte könnten Kinder nicht zur Schule gehen; nur 11 Prozent der Haushalte könnten einen Schulbesuch vollständig finanzieren. Viele Kinder müssten arbeiten gehen, um zum Familieneinkommen beizutragen, oder würden besonders früh verheiratet, um anderweitig versorgt zu werden. Auf der Suche nach Schutz schlössen sich einige Kinder auch bewaffneten Gruppen an, so der Bericht. Dadurch seien sie verstärkt Gewalt ausgesetzt. Besonders für gewaltsam vertriebene Kinder werde es immer schwieriger, Zugang zu erhalten zu Hilfsmitteln, um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.
 
Clara Engelien