Tierfreundliches Gärtnern im Herbst und Winter

17.10.2023 |

Wer Beete und Balkonkästen besitzt, sollte im Herbst und Winter Mut zur Unordnung haben. Denn welkes Gestrüpp stehen zu lassen, sichert vielen Tieren das Überleben. Tatenlos muss der naturnahe Gärtner aber nicht bleiben.

Eichhörnchen verstecken im Laufe des Sommers ihr Winterproviant. Dafür nutzen sie nicht nur „natürliche“ Verstecke, sondern auch Blumenkästen im Garten und auf Balkonen – so pflanzen die vergesslichen Eichhörnchen auch schon mal die ein oder andere Pflänzchen in die Blumenkästen.
 
Jetzt bloß nicht klar Schiff machen! Ja, zum nahenden Herbst hin wirkt vieles im Garten und auf dem Balkon welk, dürr und abgestorben. Und das ist es auch: Denn zahlreiche Pflanzen überleben bloß eine Vegetationsperiode oder gehen in der kalten Zeit zumindest oberirdisch ein. Das heißt aber nicht, dass vertrocknete Blätter und Stängel ohne Leben wären. Im Gegenteil: Diese Strukturen sind für viele Tiere sehr bedeutsam.
 
„Für die Artenvielfalt sind mehrjährige Blühflächen, deren verblühte Stauden über den Winter stehen bleiben, sehr wertvoll“, erklärt Franziska Back vom bayerischen Naturschutzverband LBV. „Denn Insekten brauchen nicht nur Nahrung: Auch Plätze, an denen sie ihre Eier ablegen oder überwintern können, sind wichtig. Die Dreizahn-Stängelbiene baut ihre Nester beispielsweise in markhaltigen, dürren Stängeln.“ Sie sei deshalb darauf angewiesen, dass auch abgestorbene Pflanzen stehen blieben. „Nur so können sich ihre Nachkommen vollständig entwickeln und im kommenden Jahr selbst eine neue Generation aufziehen.“
 
Auch überwinternde Singvögel nutzten Blühflächen im Winter gern zum Rasten und Futtern. „Im Herbst und Winter tummeln sich oft Stieglitze, Bluthänflinge oder Buchfinken an den Samenständen der Pflanzen.“ Die Umweltschutzinitiative „Deutschland summt“ rät zudem dazu, Fallobst liegen zu lassen. Darauf flögen nicht nur Wespen und Hornissen, sondern auch Falter wie der Admiral. „Igel als Fleischfresser werden wiederum von Insekten angezogen.“
 
Die Experten sind sich uneinig: Die einen sagen, Fallobst sollte nicht liegen bleiben, da es Nährboden für Pilze und Schädlinge sein kann. Andere raten dazu, das Fallobst liegen zu lassen, da es eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel, Insekten aber auch Igel darstellt.

Quelle: unsplash.com

 
Trotz dieser Mahnungen zum Stehen- und Liegenlassen gibt's jetzt aber durchaus was zu tun in Beet und Blumenkasten: Knollen und Zwiebeln setzen nämlich. Auf diese Weise ist für eine frühe Blüte im nächsten Jahr gesorgt – Bienen, Hummeln und Schwebfliegen werden das zu schätzen wissen. Und davon wiederum werden andere Tiere profitieren, Vögel zum Beispiel. Also rein in die Rabatten, Löcher buddeln und den Farbenschmaus des Frühjahrs pflanzen.
 
Fünf Tipps für hübsche wie ökologisch wertvolle Blumen:
 
  • Das Schneeglöckchen heißt auf Französisch „Schneebohrer“ (perce-neige) – ein passender Name, denn ab Februar durchbrechen die Knospen dieser Pflanze die Flockendecke. Wie der Schnee strahlt auch die Blume weiß. Das ist für Insekten kein Problem, wie der Kosmos-Naturführer „Was blüht denn da?“ erklärt. Die Blüten reflektieren demnach UV-Licht, was die Sechsbeiner anlockt.

  • Der Winterling lässt seine goldgelben Blüten ebenfalls ab Februar leuchten. Sie dienen vor allem Bienen als Nektartankstelle. Interessant: Die Blüten öffnen sich bei Tag und gutem Wetter und schließen sich bei Nacht und schlechtem Wetter, schreibt der Kosmos-Naturführer. Dadurch wüchsen die Blütenblätter. Während der bis zu einer Woche dauernden Blütezeit können sie ihre Länge verdoppeln.

    Das Schneeglöckchen erfreut sich großer Beliebtheit, wenn es ab Februar – so ziemlich als erstes Blümchen – sein Köpfchen aus der Erden reckt. Wer jetzt schon daran denkt, die Zwiebeln zu stecken, erfreut damit im nächsten Jahr nicht nur Mensch, sondern auch Tier, denn auch Insekten und Vögel profitieren von den Blümchen.
 
  • Der Hohle Lerchensporn erscheint mal weiß, mal purpur-violett, und zwar ab März. Nicht nur seine Blüten ernähren Insekten, sondern auch sein dekorativ gefiedertes Laub. Daran fressen etwa die Raupen des gefährdeten Schwarzen Apollofalters. Auch Ameisen gefällt der Lerchensporn. Denn dessen Samen haben nährstoffreiche Anhängsel, die sie als Futter verschleppen. Auf diese Weise breitet sich die Pflanze aus.

  • Der Dolden-Milchstern treibt ab April weiße Blüten, die viele Krabbeltiere anziehen – allerdings nur bei Sonnenschein. Bei trübem Wetter schließen sie sich und bestäuben sich selbst. Ein anderer Titel für die Art ist „Stern von Bethlehem“.

  • Bei der Schachblume oder dem Kiebitzei kommt der Name nicht von ungefähr: Die im April erscheinenden purpurnen Blüten tragen weiße Flecken, die an das Spielbrettmuster oder auch an ein Vogelgelege erinnern. Die Art braucht ungedüngte feuchte Wiesen. Da es die in freier Wildbahn kaum mehr gibt, gilt sie als bedroht.
 
Noch eine Warnung: Alle aufgeführten Pflanzen sind giftig. Genießen sollten Mensch und Haustier sie also nur optisch. Sonst droht man zu enden wie die abgestorbenen Stängel vom Herbst. Die dürfen dann im Frühjahr übrigens weggerupft werden, damit die neuen Blüten ordentlich Licht und Geltung bekommen.
 
Christopher Beschnitt