Von blutigen Kämpfen und hoffnungsvollen Friedensverhandlungen: Klaus Gaßner hat sich auf einen Streifzug durch 2024 Jahre Karfreitagsgeschehen begeben ...
Bundeswehr-Soldaten erlebten 2010 in Afghanistan einen bitteren Tag.
Warum eigentlich „gut“? Bei Sprachforschern herrscht so manches Rätselraten, warum der Karfreitag im Angelsächsischen „Good Friday“ heißt. Was soll an einem Tag „gut“ sein, an dem der Sohn Gottes gegeißelt, mit Dornen gekrönt und zur Richtstätte geführt wurde und dort sein Leben lassen musste? Was soll „gut“ sein, wenn der Magen knurrt und die nächste Mahlzeit weit ist?
Dann doch eher „lang“: „Langfreddag“ wird der Karfreitag in Dänemark genannt, auch das soll von alten angelsächsischen Vorfahren geprägt worden sein. „Lang“ wird der Karfreitag für den, der das Fast- und Abstinenzgebot ernst nimmt. Hausfrauen wussten schon früher, dass sie am Karfreitag besser etwas mehr Brot zu Hause haben sollten, denn als Ersatz für die zu erwartende spärliche Mahlzeit griff oder greift man gerne beim Frühstück vorausschauend beherzter zu. Oder macht den langen Freitag durch Ausschlafen zu einem kürzeren. Das sind Vermeidungsstrategien, die freilich nur der nachvollziehen vermag, der das radikale Fastengebot gepflegt hat, weil es halt lange Zeit üblich war, es zu pflegen. Weil es zum ungeschriebenen Kanon eines Freitags gehörte, der im Deutschen mit der Vorsilbe „Kar“ dem sicht- und spürbaren Wehklagen gewidmet war. Und an dem der Christ, wie es so schön hieß, sich mit einer „einmaligen Sättigung“ begnügt.
Stille Tage: Im Club herrscht Tanzverbot und das Fernsehen zeigt die „Zehn Gebote“
Der Karfreitag gehörte ehedem zu den wenigen Tagen im Jahr, dem man ihre Bestimmung ansah. Feiertagsstimmung, aber keine Festtagsstimmung. Frei von Arbeit, aber auch frei von Vergnügen. Tanzverbot, Verbot von Filmen im Kino, die „dem Charakter dieses Tages nicht gerecht werden“, zurückhaltende Musik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und im Fernsehen Bibelklassiker wie „Quo vadis?“ und die „Zehn Gebote“ … Der Gesetzgeber wacht über allzu gesellige Veranstaltungen und greift auch mal durch. Doch kann das Gesetz nur schützen, wer geschützt sein will. Immer öfter gibt es Menschen, die sich vom Staat nicht mehr das Feiern verbieten lassen wollen. Sie finden ihre Schlupflöcher und rufen anonym zu „Carfreitagen“ auf, um mit schnellen Autos am Straßenrand zu posen – kein Ermittler kann gegen Anonyme vorgehen. Diese Erscheinung bringt auf den Punkt, was sichtbar ist, seit die Christenheit im christlichen Abendland im Schrumpfen ist: Der Karfreitag ist für viele längst der „erste Feiertag“ im Frühling. Wenn die Sonne lacht, lachen auch die Menschen in den Straßencafés und schauen allenfalls verwundert auf Kirchgänger, die in Gotteshäuser einziehen, deren Glocken und Orgeln schweigen, deren Altäre verhüllt sind und in deren Leere nur ein Kruzifix die Furchtbarkeit enthüllt: „Gottes Sohn ist tot“, getötet von Menschen.
Kreuzwegprozession durch die Jerusalemer Altstadt.
„Good Friday“? Sprachforscher mutmaßen, möglicherweise sei über die Jahrhunderte dem englischen Begriff für Gott, „God“, einfach ein o zu viel verpasst worden. So wurde denn aus Gottes Freitag ein „guter“ Freitag?
Nun sind die Angelsachsen seit Jahrhunderten mehrheitlich protestantisch, und die Reformation hat dem Karfreitag eine größere Bedeutung zukommen lassen, als es die Katholiken gewöhnt waren. Das bot lange Raum für Sticheleien. Als die Ökumene noch fern war, nutzten katholische Bauern den Frühlingstag gerne zum Dung ausfahren und wählten dabei einen Umweg über den Platz vor der evangelischen Kirche. Was die protestantischen Christen spätestens an Fronleichnam zu vergelten wussten.
Das Karfreitagsgefecht ist eine bittere Zäsur in der Militärgeschichte der Bundesrepublik
Wenn das noch als „lässliches Gezerre“ durchgeht, dann war die Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken in Irland von einem in des Wortes eigentlichen Sinne anderen Kaliber: Blutig bekämpften sich die Gruppen in einem jahrzehntelangen Ringen, bis dann ausgerechnet an einem Karfreitag Friede einkehrte, im konfessionell so scharf getrennten Land. Das „Karfreitagsabkommen“ vom 10. April 1998 beendete ein langes, blutiges Kämpfen. Die Irische Republikanische Armee IRA und die Ulster Defence Association (UDA) stimmten der eigenen Entwaffnung zu, irische und nordirische Behörden arbeiteten fortan zusammen und die Forderung nach einer Wiedervereinigung in Irland sollte künftig verstummen.
Ausgerechnet die Abkehr Großbritanniens von der Europäischen Union lässt diese filigranen Friedensbeschlüsse nun wieder aufbrechen. Denn wie will man eine Grenze zur ungeliebten EU hochziehen, wenn man damit unweigerlich die an Karfreitag 1998 gefallene Grenze wieder hochzieht …? Etliche britische Großsprecher haben dieses Problem eher verbal zugekleistert als es zu lösen, und Skeptiker halten es nicht für unmöglich, dass das einst weltumspannende Commonwealth bei der Lösung dieser Frage wieder etwas kleiner wird und am Ende gar Nordirland verliert. Ein Commonwealth wohlgemerkt, das mal sehr weit reichte, bis an den Hindukusch …
Genau dort erlebte die deutsche Bundeswehr an einem Karfreitag ein Blutbad. Drei Fallschirmjäger starben in einem Feuergefecht mit radikalislamischen Taliban. Der damalige Innenminister Thomas de Maizière kommentierte: „Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen. Das war eine Zäsur, nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.“ Das Karfreitagsgefecht von 2010 hat es zu einem traurigen Eintrag in die bundesrepublikanische Geschichte gebracht. Und nun, am Karfreitag 2024, zeigt es sich, dass die deutsche Gesellschaft durch militärische Bedrohung herausgefordert ist. Nicht mehr 7000 Kilometer entfernt am Hindukusch, sondern kaum 1000 Kilometer östlich von der deutschen Hauptstadt.
Auch in Berlin ist 2024 Karfreitag ein Feiertag, dessen Ursprung allerdings sehr viele in der Millionenmetropole nicht mehr kennen. Prägekraft, die sich aus dem Fast- und Abstinenzgebot der Kirche ableitet, ist in den Metropolen schon längst nicht mehr zu erkennen und auch in den Dörfern hat das Brauchtum der Rätschen und Klappern dem geselligen Fischessen Platz gemacht. Braucht dieser Tag also anhand der sich verändernden Sitten noch eines staatlichen Schutzes als „stiller Tag“? In Österreich hat man vor ein paar Jahren die Frage mit Nein beantwortet und den gesetzlichen Feiertag abgeschafft.
Als Christen damit begannen, den Tag des Leidens und Sterbens des Herrn zu feiern, hat sie kein Staat geschützt. Im Gegenteil: Sie mussten sich vor dem Staat schützen, der damals im zweiten Jahrhundert nach dem ersten Karfreitag noch Christen als Staatsfeinde verfolgte. Sie haben den Tag dennoch oder gerade deshalb hoch gehalten: der Erinnerung wegen, dass Gott an diesem Tag von dieser Welt verschwinden sollte, weil Menschen es so wollten. Weil sie den Gottessohn ans Kreuz nagelten. Und was geschah? Gott ließ sich nicht verbannen. Er blieb, er sah hinweg über das Unheil, das Menschen sich in ihrer kleinen Vorstellungswelt ausgedacht hatten.
Bloß nicht vergessen, wie vermessen Menschen waren und sind
Das Schaudern über den Schrecken, den menschliche Kurzsichtigkeit hervorrufen kann, haben Menschen jahrhundertelang nachvollzogen, sie haben Prozessionen veranstaltet, Kreuzigungen nachgestellt und in „Rumpelmetten“ an Kirchenbänken gerüttelt, um das Erdbeben nachzuahmen, das nach Jesu Tod die Welt erschüttert haben soll. Alles im Bestreben, bloß nicht zu vergessen, wie vermessen Menschen waren und sind. Und im Erstaunen darüber, dass Gott sich nicht abschütteln ließ.
Und plötzlich wird bei dieser Erkenntnis der Begriff „des guten Freitags“ verständlich. Es macht Sinn, ihn so zu umschreiben, es ist doch wahrlich der „Am-Ende-wird-alles-gut-Freitag“.