„Wie in der Genesis beschrieben“

13.09.2024 |

Reinhold Ewald über den Blick, den er aus dem All auf die Erde warf

Reinhold Ewald, 1956 in Mönchengladbach geboren, studierte Physik und Humanmedizin, flog 1997 zur russischen Raumstation Mir. Auf dem Hemd, das er während des Interviews trug, sind die Abzeichen seiner Raumfahrtmission zu sehen. Das Foto unten zeigt ihn bei der Arbeit auf der Mir.
 
Herr Ewald, 1997 flogen Sie mit dem Raumschiff Sojus zur russischen Raumstation Mir. Dort erwartete Sie ein gewaltiges Arbeitsprogramm im All, das auf die Minute genau vorbereitet war. Wie groß ist eigentlich der mentale und physische Druck bei der Arbeit im Weltall?
Ewald: Dafür bedarf es einer Konditionierung im Training. Und wenn ich zurückblicke, muss ich sagen, dass dieses Training geeignet war, die Emotionen in Zaum zu halten, die mit einem solchen Raumflug verbunden sind. Bis auf den Start und die Phase des Countdowns hatten wir in der Kapsel mehr Sorge um das Projekt, als dass wir Sorge um das eigene Leben oder die eigene Gesundheit gehabt hätten. Das Training hat uns vertraut gemacht mit den vielen Rettungsmöglichkeiten, die die Kapsel für uns bereithält, für Emotionen blieb da wenig Platz. Heute würde ich sagen: Für einen zweiten Flug ins All würde ich vermutlich den Gefühlen etwas mehr Raum gönnen.
 
Emotionen gab es aber sicher bei einem Vorfall, der auch Raumfahrtgeschichte schrieb: Sie hatten Feuer an Bord. Wie groß war der Schrecken?
Also ich habe unter der Gasmaske und beim Weiterreichen des Feuerlöschers an den Kommandanten sehr um unsere Mission gebangt, aber kaum um meine eigene Gesundheit. Ich dachte damals: Ich darf ins All und jetzt wird unsere Mission gestoppt, das darf doch nicht passieren. Das ist im Rückblick verrückt, aber das ist eben auch das Ergebnis eines konditionierenden Trainings, das Astronauten auf alles vorbereitet. Gott sei Dank haben wir uns selbst helfen und die Mission glücklich zu Ende führen können.
 
Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie zum ersten Mal aus dem Fenster auf die Erde geschaut haben?
Uns wurde zur Vorsicht geraten, weil wir um die Weltraumkrankheit fürchten müssen. Keiner weiß, wie der Körper bei Eintritt der Schwerelosigkeit reagiert. Und beim Blick auf die Erde, die womöglich oben hängt und droht, auf einen runter zu stürzen. Daher war ich erst mal vorsichtig. Ich habe dann den kleinen Vorhang, der da vor dem Bullauge war, zuerst nur ein klein wenig weggeschoben und festgestellt: Das macht mir nichts aus. Da wir auf der Raumstation nur rund 400 Kilometer von der Erde weg sind, sehen wir von da oben schöne Ausschnitte der Welt, Kontinente, Küstenlinien, Inseln. Ich fühlte mich an Schulatlanten erinnert, wo man versucht, sich an Karten zu orientieren.
 
Und wie beschreiben Sie heute den Blick auf die Erdkugel, die Sie da vom Weltall aus der Entfernung gesehen haben?
Die Apollo-Astronauten hatten sicher dieses besondere Gefühl der Entfernung, sie waren viel weiter weg und haben damals die ersten Fotos geschossen, die die Erde als blaue Murmel zeigten, als eigenständiger Planet, der durch das Weltall saust. Das war ja eine Art kopernikanische Wende in der Wahrnehmung der Erde. Da wir auf der Raumstation nur 400 Kilometer von der Erde weg waren, sah ich den Blick aus dem Fenster nicht als Entfernung von der Erde, sondern als Nähe.
 
Luke Jerram sagte zu seiner Kunstinstallation Gaia, die jetzt in Karlsruhe zu sehen ist, er habe die Verletzlichkeit der Erde zeigen wollen, und die Botschaft damit verbinden, dass wir uns mehr um die Erde kümmern müssen. Kümmern wir uns genug?
Nein. Und da sind wir Astronauten in der privilegierten Situation, auf die globalen Zusammenhänge hinzuweisen. Wir fliegen in 90 Minuten um die Welt, das heißt, wir sehen wirklich die Beziehungen zwischen den Erdhälften, die Meeresströmungen, wir sehen, dass Verschmutzungen sich über den ganzen Globus ausbreiten. Das ist eine Erkenntnis, die alle Raumfahrer so erleben, egal wie lange sie oben waren. Die Botschaft bleibt: Wir tun zu wenig, um die globalen Effekte zu verstehen und zu vermeiden.
 
Sie hatten eine besondere Form der Internationalität im All erlebt, sie flogen mit Kollegen aus Russland, der Ukraine und den Vereinigten Staaten. Wie sehen Sie heute mit Blick auf die Spannungen in der Welt auf die damalige Erfahrung?
Die Internationalität ist wichtig: Zu mehreren ist man immer sicherer unterwegs, als wenn eine Nation allein ist. Die großen Raumfahrtnationen sind auf diesen Riecher gekommen und haben mit der Zusammenarbeit in der Weltraumstation die richtige Lehre daraus gezogen. Wir sind dabei durch verschiedene Phasen gegangen: Jahrzehntelang hatten wir einen Wettkampf im All, darauf folgte eine Phase der Kooperation, zu der ich meinen Beitrag leisten konnte. Und heute erleben wir, wie das Weltall durch nationale Alleingänge wieder kontaminiert wird. Es geht leider heute nicht darum, dem Menschen durch die Raumfahrt eine neue Perspektive zu eröffnen, sondern einen billigen Nationalismus zu bedienen. Ich hoffe, dass wir davon wieder wegkommen. Die Zeit der Kooperation war so viel erfolgreicher.
 
Angesichts der endlosen, lebensfeindlichen Dimension im All. Gibt es für Sie als Naturwissenschaftler Bereiche des Unerklärbaren, Platz für religiöse Gefühle?
Religiosität nimmt man mit ins All und bringt sie wieder zurück. Keiner wird im Weltall neue Erkenntnisse oder Berufungserlebnisse erwarten. Allerdings bekommt man Respekt vor der Schöpfung und denkt automatisch an das, was in der Genesis so eindrücklich vermittelt wird: wie Licht und Schatten voneinander geschieden, wie Wasser und Land getrennt werden. Erst im Dunkeln sieht man im Übrigen, dass die Erde bewohnt ist, wenn die Lichter strahlen. Man hat ja 16 Sonnenauf- und Sonnenuntergänge pro Tag, da hat man viel Gelegenheit, die Kontraste mit der Schöpfungsgeschichte zu vergleichen. Dann erschließt sich vielleicht auch, dass das Physikalische nicht alles ist, dass es noch viel mehr gibt. Es gab Kollegen, die katholisch, evangelisch oder mohammedanisch im All gebetet haben.
 
Wie oft denken Sie zurück an den Flug?
Ich benutze die Erinnerung, um in die Zukunft zu schauen. Grade im Kontakt mit jungen Studierenden, denen ich oft sage: Es liegt an Euch, die Marsmission vorzubereiten. Wir können uns nicht abschotten, wir müssen global und universal denken. Denken Sie nur an die Sonnenstürme, an die ungelöste Frage, ob das Leben auf der Erde ein Einzelfall ist oder ob noch irgendwo sonst Chancen auf Leben in irgendeiner Form vorhanden sind.
 
Was wünschen Sie sich für die Forschung?
Ich wünsche mir, dass wir das Modell internationaler Zusammenarbeit, wie wir es in der Raumfahrt angewendet haben, auch für große Projekte auf der Erde anwenden. Zusammenarbeit im Klimaschutz, beim Kampf gegen den Hunger, für gerechte Verteilung von Wasser. Die Raumfahrt kann hier Vorbildcharakter haben.
 
Interview: Klaus Gaßner