Nahost - Kommunikation am Ende?

11.10.2024 |

Die Deutung des 7. Oktobers 2023 und des Gaza-Kriegs verdeutlichen Spannungen zwischen Religionen und auch Konfessionen. Nicht nur der Papst steht deswegen in der Kritik. Doch wie kann der Dialog geführt werden?

Ein Graffito zeigt ein imaginäres Loch in der israelischen Sperrmauer und einen idealisierten Blick auf das nahe gelegene Jerusalem.
 
Nicht immer ging es zwischen Israel und dem Vatikan im letzten Jahr so harmonisch zu, wie beim offiziellen Gedenken ein Jahr nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023. Yaron Sideman, Israels neuer Botschafter beim Heiligen Stuhl, und der vatikanische Außenminister Erzbischof Paul Gallagher entzündeten Kerzen zum Gedenken an die über 1.200 Opfer und die mehr als 250 Entführten, in der Schoah-Gedenkstätte am früheren jüdischen Ghetto Roms.
 
Sideman bezeichnete die Ereignisse des 7. Oktober 2023 als Pogrom gegen Juden und den Staat Israel. Als Ausdruck von purem Antisemitismus und Hass hätten sie zur höchsten Zahl jüdischer Opfer an einem Tag seit dem Holocaust geführt. Er würdigte die Appelle von Papst Franziskus zur sofortigen Freilassung aller Geiseln als „äußerst wichtig“ und lobte dessen Entscheidung, am Gedenktag selbst einen weltweiten Fast- und Bettag auszurufen.
 
Das sind neue Töne. Sidemans Vorgänger, Raphael Schutz, kritisierte Ende vergangenen Jahres die Friedensbotschaften aus dem Vatikan. Zwar sprächen sie die humanitären Nöte der Menschen in Gaza an und forderten einen sofortigen Waffenstillstand; die Hamas, der 7. Oktober und die Geiseln würden darin „jedoch nicht genannt“. Franziskus hatte zuvor Teile der israelischen Militäraktion in Gaza als „Terror“ bezeichnet. Schutz betonte, dies unterscheide ihn von anderen „verantwortungsbewussten Staatsoberhäuptern der freien Welt“. „Es mag Kritik geben, manchmal sogar berechtigte Kritik an dieser oder jener Aktion. Aber gesamt gesehen haben die Anführer der freien Welt akzeptiert, dass Israel nur sein Selbstverteidigungsrecht ausübt. Und selbst wenn es Kritik gab, hat es doch niemand sonst als Terrorismus bezeichnet.“
 
Wie angemessen über die Gewalt sprechen?
 
Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, der Angriff Israels auf Gaza und nun auf den Libanon stellen einmal mehr für die christlichen Autoritäten im Nahen Osten die Frage, wie die Ereignisse angemessen artikuliert werden können. Als der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Kritik am Vorgehen der israelischen Armee übte, antwortete der israelische Botschafter beim Heiligen Stuhl umgehend. Die Verurteilung der Tötung zweier christlicher Frauen in Gaza durch israelische Soldaten als „kaltblütig“ sei „sehr ärgerlich“. Damit sei Israel als „ein Land von Mördern“ benannt worden, so der Botschafter.
 
Noch deutlicher wurde der jüdische Historiker Michael Wolffsohn in einem am 7. Oktober im Deutschlandfunk ausgestrahlten Interview. Dort bezeichnet er die Einordnung Pizzaballas beim Besuch der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe als „Skandal allerersten Grades“. Er habe in erster Linie von arabischen und palästinensische Opfern gesprochen. Erst am Ende sei er auf die israelischen Opfer zu sprechen gekommen. Damit stehe er in der Tradition seiner Vorgänger. Andere Beobachter hingegen attestieren Pizzaballa, der für Christen in Israel, den palästinensischen Gebieten sowie Jordanien und auf Zypern Verantwortung trägt, sei um eine ausgeglichenere Sicht des Nahostkonflikts bemüht. So rief er zu sorgfältigerer Sprache auf: „Eine mit Gewalt, Aggressionen, Hass und Verachtung, Ablehnung und Ausschließung beladene Sprache spielt in diesem Krieg keine Nebenrolle, sondern ist eines der Hauptwerkzeuge in diesem und allzu vielen anderen Kriegen.“
 
Womöglich hat es Pizzaballa als Italiener einfacher, die Situation differenzierter wahrzunehmen als arabische Christen, die sich der arabischen Nation verbunden sehen. Sein Vorgänger, der Palästinenser Michel Sabbah, fragte in einem Gastbeitrag in den „Stimmen der Zeit“: „Wo stehen wir in diesem Konflikt, der allzu oft als Kampf zwischen Juden und Muslimen dargestellt wird, zwischen Israel einerseits und der vom Iran unterstützten Hamas und Hisbollah andererseits? Ist das ein Religionskrieg?“
 
Nein, so Sabbah, dies sei kein Religionskrieg. Man werde erst dann Frieden erleben, wenn die Tragödie des palästinensischen Volkes ein Ende nimmt. Nur dann würden die Israelis Sicherheit genießen. „Wir sind ein Volk, Christen und Muslime. Gemeinsam müssen wir einen Weg suchen, den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden.“ Gemeinsam mit ihnen müsse man sich „mit jenen jüdischen Israelis auseinandersetzen, die ebenfalls der Rhetorik, der Lügen und der Ideologien von Tod und Zerstörung überdrüssig sind“.
 
Sabbah ist unter arabischen Christen keine Einzelstimme. Die Allianz eines Teils der maronitischen Christen im Libanon mit der Hisbollah, vor allem während der Präsidentschaft Michel Aouns zwischen 2016 und 2022, ermöglichte der Schiitenmiliz erst die Konsolidierung für ihre heutige Machtposition im Südlibanon. 
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) sendete zur diesjährigen Weltwoche für den Frieden in Palästina und Israel Mitte September die Hauptbotschaft aus, „Bestürzung über das Leid und die Verwüstung zum Ausdruck“ zu bringen, die der Krieg Israels im Gazastreifen verursache. So wird der aus Simbabwe stammende ÖRK-Programmdirektor, Kenneth Mtata, in der Pressemitteilung vom 21. August zitiert.
 
Demnach ist das vom ÖRK für seine Mitgliedskirchen vorgelegte Material vorrangig aus Reflexionen des Katholiken Michel Sabbah zusammengestellt, die dieser während des Gaza-Krieges niedergelegt hat. Auch wenn das Material den Fokus klar auf die palästinensischen Opfer legt, sind am 4. Tag der Themenwoche auch die israelischen Geiseln Thema. Unter Betonung der Bereitschaft der Hamas „alle Geiseln freizulassen, wenn Israel im Gegenzug alle palästinensischen Gefangenen freilässt“. Israel wird an anderer Stelle hingegen das Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs vorgehalten, „dass israelische Führungspersonen in diesem Krieg Kriegsverbrechen begangen hätten“. Der ÖRK nimmt damit nicht nur eine unverkennbar pro-palästinensische Haltung ein, sondern übt sich in einer Äquidistanz gegenüber Israel und der Terrororganisation Hamas. Als größte deutsche Mitgliedskirche des ÖRK wollte sich die Evangelische Kirche in Deutschland auf Anfrage nicht zum Format der Themenwoche äußern: Mitteilungen des ÖRK kommentiere man grundsätzlich nicht. Der ÖRK ließ mitteilen, dass das Material an zwei Stellen die Opfer beider Seiten benenne.
 
Vor diesem Hintergrund wird die Warnung Pizzaballas bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe verständlich: „Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben wir in den letzten Monaten keine Reden, Überlegungen oder Gebete von religiösen Führern gehört, die sich von denen anderer politischer oder gesellschaftlicher Führer unterscheiden.“ Er habe den Eindruck, jeder von ihnen spreche nur aus der Perspektive seiner eigenen Gemeinschaft, die oft gegen die jeweils andere Seite gerichtet sei.
 
Simon Kajan