Die Salvatorianerin Melanie Wolfers und der Kleine Bruder vom Evangelium, Andreas Knapp, haben gemeinsam ein neues Buch veröffentlicht. Im Konradsblatt-Interview sprechen sie – passend zur Fastenzeit – über Wege, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben.
Wohin soll es in meinem Leben und in meinem Alltag gehen? In diese Richtung oder in die andere? Anspruchsvoll, aber lohnend ist es, der Sehnsucht des Herzens nachzuspüren und den eigenen Weg zu finden: „My way“.
„Ich habe das Gefühl, an mir vorbei zu leben.“ Dieses Empfinden treibt viele Menschen um, gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Salvatorianerin Melanie Wolfers und der Kleine Bruder vom Evangelium, Andreas Knapp, zeigen in einem neuen Buch und im folgenden Interview mit Michael Winter Wege auf, wie angesichts äußerer Veränderungen auch ein Wandel des eigenen Lebens möglich ist.
Frau Wolfers, Herr Knapp – Altes hinter sich lassen, einen Neubeginn wagen, die Lebensrichtung verändern. Diese Sehnsucht gab es schon immer. Aber zuweilen hat man den Eindruck, als sei sie heute größer denn je. Entspricht das auch Ihren Erfahrungen?
Melanie Wolfers: Ja, die Sehnsucht ist groß. Meiner Wahrnehmung nach sind viele aber auch verunsichert infolge der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüche und fragen sich, wie sie persönlich damit umgehen können. Und das ist ein weiterer Anlass, warum wir unser Buch geschrieben haben: Wir sind hineingeworfen in diese Zeit des Umbruchs und herausgefordert, diesen zu gestalten.
Andreas Knapp: Vieles ist „flüssig“ geworden. Mit der Folge, dass wir ins Schwimmen kommen. Früher schien es eine gewisse Klarheit zu geben. Heute muss sich jeder und jede selbst positionieren: Was will ich? Was kann ich? Was soll ich? Mitten in diesem „Flüssigen“ brauche ich Orientierungen, damit ich nicht nur vom Strom mitgetrieben werde. Kurzum: Die Veränderungen fordern mich dazu heraus, mich auch selbst zu verändern.
Der Wunsch nach Veränderung und Neuorientierung kann allerdings auch Menschen betreffen, die mit den aktuellen Geschehnissen und Unwägbarkeiten gut zurechtkommen und nicht überfordert sind. Menschen, bei denen „eigentlich“ alles gut läuft. Gehört die Sehnsucht nach einem Neuaufbruch nicht grundlegend zum Menschsein dazu?
Wolfers: Die Biologie redet vom Menschen als einem universalen Neugierwesen. Wir interessieren uns immer wieder für Neues. In uns steckt der Drang, nach vorne zu gehen, Leben und Welt zu erkunden. Dass wir uns deshalb auch immer wieder neu fragen, wie unser Leben stimmiger sein kann, gehört unabdingbar zum Menschsein.
Könnte dieser Drang auch als Verweis gesehen werden, dass sowohl in uns selbst, als auch über uns etwas Göttliches ist?
Knapp: Religiös betrachtet lässt sich sagen, dass diese Sehnsucht, der Wunsch nach mehr, etwas Eingestiftetes ist. Etwas, das uns Menschen auch vom Tier unterscheidet. Tiere bewohnen ihren Lebensraum, und dann ist es gut. Wir aber finden keine Ruhe. Wir kommen an kein Ende mit unserer Suche. Wir suchen nach etwas Unendlichem, nach etwas Größeren, das nur Gott schenken kann. Die Sehnsucht treibt uns Gott entgegen.
Wolfers: Wobei „Gott“ zunächst nur einer der Namen ist für diese Überfülle, nach der wir uns sehnen. Es gibt auch andere, nichtreligiöse Namen dafür: Wir sehnen uns in der Tiefe nach einer Liebe ohne Ende, nach Frieden, nach einem tiefen, verbundenen, liebenden Leben, das nicht endet. Manchen scheint es aber auch zu genügen, wenn sie sich einen konkreten äußeren Wunsch erfüllen. Ein neues Mode-Outfit, eine andere Wohnung, eine Kreuzfahrt oder anderes.
Knapp: Von Wilhelm Busch stammt der Satz: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“ Wir kommen auch nach der Erfüllung solcher Wünsche nicht an ein Ende.
Wolfers: Deshalb kann es hilfreich sein, dem Wunsch nach äußeren Dingen genauer nachzugehen und zu fragen, ob es sich dabei nicht um einen Stellvertreterwunsch handelt. Nehmen wir den Wunsch nach einem neuen Outfit: Was habe ich davon, wenn ich ein neues Kleid habe? Ich kann mit meinen Kolleginnen mithalten. Was habe ich davon, wenn ich mit meinen Kolleginnen mithalten kann? Ich fühle mich irgendwie mehr aufgehoben in der Gruppe. Was habe ich davon, wenn ich mich mehr aufgehoben fühle? Ich fühle mich verbunden mit anderen. Das heißt: Mein „wahres Wollen“ zielt nicht auf das Kleid. In der Tiefe geht es um die Sehnsucht nach Verbundenheit.
Wie könnten die ersten Schritte aussehen, um diesem „wahren Wollen“ näher zu kommen?
Wolfers: Zunächst dürfen wir nicht vergessen, dass manche Neuaufbrüche gar nicht freiwillig erfolgen, sondern aufgezwungen sind: Jemand verliert seine Arbeitsstelle, eine Krankheit stellt das Leben auf den Kopf oder eine Beziehung geht in die Brüche und man findet sich ungewollt in einem neuen Leben wieder. Dann gibt es auch die Phasen der Lebensübergänge – wenn die Kinder das Haus verlassen oder wenn die Eltern hilfsbedürftig werden. Auch da stellt sich nicht die Frage, ob ich aufbrechen und das alte Leben hinter mir lassen will. Vielmehr finde ich mich in etwas Neuem wieder und es gilt, dieses zu gestalten. Und dann gibt es eben die erwähnten inneren Impulse, die mir deutlich machen: Eigentlich lebe ich an mir vorbei. Mir fehlt im Alltag ein Stück Lebendigkeit und Freude. Ein gewisser Abstand zu diesem Alltag, beispielsweise in Form des Pilgerns, kann dabei hilfreich sein. Aber ich kann mich auch anders auf Spurensuche begeben.
Zum Beispiel?
Wolfers: Zum Beispiel, indem ich mich im Blick auf die vergangenen Jahre frage, wo ich mich wirklich lebendig und freudvoll gefühlt habe. Wenn das beim Wandern mit Freunden gewesen ist, kann ich versuchen, dies in meinen Alltag zu integrieren. Und zwar ganz regelmäßig. Um dann zu sehen, ob dieser Schritt mein Leben noch in eine weitere Veränderung führen kann.
Knapp: Das Entscheidende ist der Alltag. Wenn ich dem nachspüre, was mich bewegt, was ich ändern kann und wo mein Leben vertieft werden kann, wenn ich neue Weichenstellungen vornehme, dann sollte mich das letztlich dazu führen, meinen Alltag neu wahrzunehmen, mit anderen Augen zu sehen und neu wertzuschätzen. Es geht nicht um eine radikale Veränderung, sondern um Verwandlung. Das, was ist, soll sich verwandeln.
Wolfers: Unser Buch „Atlas der unbegangenen Wege“ gibt eine innere Landkarte an die Hand, um sich besser orientieren zu können bei einem Neuanfang oder in einem Veränderungsprozess. Wir ermutigen, auf das eigene Herz zu hören. Mut bedeutet ja nicht Angstfreiheit, sondern dass ich trotz und mit meiner Angst etwas wage. Mut entsteht in dem Maße, in dem meine Sehnsucht größer wird als meine Angst.
Gerade hat die Fastenzeit begonnen. Da geht es auch und gerade um Umkehr. Jesus selbst ruft ja zur Umkehr auf. Kann nicht auch dieser Ruf zur Umkehr als Ermutigung verstanden werden, etwas Neues zu wagen?
Knapp: Auf jeden Fall. Umkehr, griechisch „Metanoia“, heißt: „Wandle dich durch ein neues Denken.“ Der Geist soll sich erneuern, wir sollen die Dinge in einer neuen Weise sehen und unser Leben auf etwas Neues hin ausrichten. Das Reich Gottes, das Jesus verkündet, ist etwas Neues. Der Umkehrruf bedeutet also: Lass dich von einer neuen Richtung anlocken, die Jesus vorgibt und in die er vorausgeht – in die Freiheit, ins Leben, in die größere Gerechtigkeit.
„Ganz schön mutig“ lautet der Titel einer Podcast-Reihe von Melanie Wolfers. In der Folge „Neues wagen: Andreas Knapp und Melanie Wolfers im Gespräch“ geht es um ihr neues Buch und um einen Blick hinter die Kulissen, wie ein Zweier-Schreibprozess aussieht. Abrufbar ist der „Podcast für ein erfülltes Leben“ unter melaniewolfers.de/podcast
Die Autoren
Andreas Knapp, Dr. theol. Dr. h.c., ist Priester, Autor und Mitglied der „Kleinen Brüder vom Evangelium“. Er lebt in einem Plattenbau in Leipzig und engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit.
Melanie Wolfers, Dr. theol., Mag. phil., ist Philosophin und Expertin für Lebensfragen und Spiritualität Sie gehört zum Orden der Salvatorianerinnen.