"Heiliger Alexej"
05.03.2024 |
Auch in Freiburg gab es einen solchen Gedenkort – auf dem zentral gelegenen und stets belebten Platz der Alten Synagoge, zwischen Stadttheater und Universität. Wer sich Zeit nahm und sich die Würdigungen des Aktivisten und Widerstandskämpfers vor Augen führte, konnte schnell feststellen, dass dieses Gedenken auch einen religiösen Charakter hatte, ja, dass die Gedenkstätte auch und gerade ein Ort des Gebets war. Bis hin zu der schriftlich formulierten Fürbitte: „Heiliger Alexej, bete für uns Verzagte und stärke uns im Kampf gegen das Böse!“
Im ersten Moment mag das etwas übertrieben erscheinen. Aber das ist es nicht. Alexej Nawalny war ein gläubiger Mensch, für den die Bibel eine zentrale Rolle spielte, wie er beispielsweise vor drei Jahren in seinem persönlichen Schlusswort am Ende des Prozesses vor dem Moskauer Stadtgericht öffentlich bekannte. „Das hilft mir bei dem, was ich tue“, sagte er damals im Angesicht seiner Richter. „Es macht alles viel, viel einfacher, ich grüble weniger, ich habe weniger Dilemmas in meinem Leben.“
Im Besonderen verwies Nawalny auf die Aussage Jesu in der Bergpredigt „Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Dieses Gebot habe er immer als Handlungsanweisung verstanden. Deshalb bedaure er weder seine Rückkehr nach Russland, noch das, was er tue, sondern fühle sogar so etwas wie Genugtuung: „Ich habe das Gebot nicht verraten.“
Die vielen tausend Menschen, die Alexej Nawalny in Moskau die letzte Ehre erwiesen und sich damit ungeachtet aller Drohungen offen gegen das Regime und gegen den Krieg positioniert haben, können durchaus als Zeichen gedeutet werden. Dafür, dass sich sein Tod, den er sehenden Auges in Kauf nahm, auf lange Sicht als wichtiger Beitrag für ein neues, freies, demokratisches Russland erweisen könnte. Alexej Nawalny ist ein Märtyrer. Und weil ihn die russisch-orthodoxe Kirche, zumindest in ihrem aktuellen desolaten und beschämenden Zustand, niemals heiligsprechen wird, tun das viele einfache Gläubige. Zu Recht.
Michael Winter
Der russische Aktivist und Kremlgegner Nawalny ist ein Märtyrer
Nach dem Tod des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny entstanden auch in vielen deutschen Städten spontan kleine Orte des Gedenkens. Blumen wurden dort niedergelegt, Bilder des von Putin und seinen Schergen zu Tode gebrachten Kremlgegners wurden aufgestellt, ebenso Plakate und Schilder.
Auch in Freiburg gab es einen solchen Gedenkort – auf dem zentral gelegenen und stets belebten Platz der Alten Synagoge, zwischen Stadttheater und Universität. Wer sich Zeit nahm und sich die Würdigungen des Aktivisten und Widerstandskämpfers vor Augen führte, konnte schnell feststellen, dass dieses Gedenken auch einen religiösen Charakter hatte, ja, dass die Gedenkstätte auch und gerade ein Ort des Gebets war. Bis hin zu der schriftlich formulierten Fürbitte: „Heiliger Alexej, bete für uns Verzagte und stärke uns im Kampf gegen das Böse!“
Im ersten Moment mag das etwas übertrieben erscheinen. Aber das ist es nicht. Alexej Nawalny war ein gläubiger Mensch, für den die Bibel eine zentrale Rolle spielte, wie er beispielsweise vor drei Jahren in seinem persönlichen Schlusswort am Ende des Prozesses vor dem Moskauer Stadtgericht öffentlich bekannte. „Das hilft mir bei dem, was ich tue“, sagte er damals im Angesicht seiner Richter. „Es macht alles viel, viel einfacher, ich grüble weniger, ich habe weniger Dilemmas in meinem Leben.“
Im Besonderen verwies Nawalny auf die Aussage Jesu in der Bergpredigt „Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Dieses Gebot habe er immer als Handlungsanweisung verstanden. Deshalb bedaure er weder seine Rückkehr nach Russland, noch das, was er tue, sondern fühle sogar so etwas wie Genugtuung: „Ich habe das Gebot nicht verraten.“
Die vielen tausend Menschen, die Alexej Nawalny in Moskau die letzte Ehre erwiesen und sich damit ungeachtet aller Drohungen offen gegen das Regime und gegen den Krieg positioniert haben, können durchaus als Zeichen gedeutet werden. Dafür, dass sich sein Tod, den er sehenden Auges in Kauf nahm, auf lange Sicht als wichtiger Beitrag für ein neues, freies, demokratisches Russland erweisen könnte. Alexej Nawalny ist ein Märtyrer. Und weil ihn die russisch-orthodoxe Kirche, zumindest in ihrem aktuellen desolaten und beschämenden Zustand, niemals heiligsprechen wird, tun das viele einfache Gläubige. Zu Recht.
Michael Winter