Ga(r)bentisch
25.09.2023 |
Für moderne Zeitgenossen ist Erntedank eine Herausforderung
Ein reich bestückter, geschmückter Erntedank-Altar ist eine Herausforderung, die in vielen Kirchengemeinden jedes Jahr aufs Neue mit viel Herzblut angenommen und praktisch umgesetzt wird. Oft sind viele Leute beteiligt, wenn zum Gottesdienst am ersten Sonntag im Oktober mit Händen und Spenden beeindruckende Gabentische aufgebaut werden. Und in der Liturgie entfalten die kunstfertigen Arrangements eine sinnenfrohe Wirkung in Farben, Formen, Aromen ...
Jeder Mensch braucht zum Leben Essen und Trinken, dieses Gesetz gilt von der Empfängnis bis zum letzten Atemzug. „Erntedank“ gründet im Wachstums- und Reifezyklus der Fruchtbarkeit der Natur; Lob und Dank zur Ernte gehören vermutlich zu den frühsten religiösen Kulten der Menschheit.
Bei modernen Zeitgenossen kann der Anblick des Erntedank-Altars durchaus zwiespältige Gefühle hervorrufen: Da liegen Zwetschen, Birnen, Trauben und Nüsse zwischen Brotlaiben, Kartoffeln und Kraut – und ohne Zweifel sind das in unseren Breiten Grundnahrungsmittel. Mit ihrer Erzeugung und Verarbeitung sind allerdings nur wenige von uns direkt befasst, Herkunft und Produktionsbedingungen liegen im Dunkeln; es sei denn, man kauft direkt beim Erzeuger. Für viele Menschen ein Aufwand, den sie (sich) nicht leisten können.
Moderne Land- und Forstwirtschaft und insbesondere die Agrarindustrie liefern Bilder ins Haus, die mit Impressionen von Feld und Flur wenig zu tun haben. Eine Getreideähre, Basis für Mehle, Flocken und alles, was sich daraus herstellen und zubereiten lässt, wächst und reift heute unter völlig anderen Umständen als noch vor 50 Jahren. Auf halbe Länge gestutzt, die Ähre kompakter, haben die heimischen Getreide an Sortenvielfalt eingebüßt. Hinzugekommen sind hingegen Unverträglichkeiten gegen Lebensmittel beziehungsweise bestimmte Inhaltsstoffe wie etwa das Klebereiweiß im Weizenkorn (Gluten). Nahrungsmittel- und Umweltallergien sind weit verbreitet und verursachen Beschwerden, werden aber oft nicht als solche erkannt.
„Was uns die Erde Gutes spendet,/ was unsrer Hände Fleiß vollbracht ...“ Erleben wir uns als Empfangende von „Gaben“? Fühlen wir Dankbarkeit angesichts der üppigen Fülle auf dem Wochenmarkt, am Supermarktregal, beim Blick in die Speisekarte im Lokal? Häufig konsumieren und leben wir ziemlich „besinnungslos“. Dann bietet die Ernte dieses Jahres den passenden Anlass zum Innehalten.
Brigitte Böttner