Stress lass nach!

02.08.2024 |

Warum wir uns beim Erholen selbst im Weg stehen

Auch diese Bilder gehören zum deutschen Sommer: Blech an Blech, Stop-and-go, viele Kilometer und Stunden lang. Wie eine große Fluchtbewegung: raus aus dem Alltag, rein in den Urlaub. Endlich Ferien! Endlich Erholung, Entspannung, Ruhe!
 
Mit Urlaubsbeginn geben sich viele von uns dem Gefühl hin, dass nun alles gut wird, der Alltagsstress überstanden. Dabei zerplatzt die Illusionsblase von der grenzüberschreitenden Freiheit doch schon an den scharfen Kanten der Reisevorbereitungen: Kaum steht fest, wo es dieses Jahr hingeht, entbrennt der Kampf um den Kofferraum: Was geht mit, was bleibt da, wieviel Gepäck dürfen die Kinder, wieviel die Alten? Und: Gilt im Urlaub auch das Zeitlimit für die tägliche Bildschirmnutzung? Vor allem falsche Erwartungen belasten die gemeinsame Ferienzeit. Ein Partner erhofft sich mehr Zweisamkeit, wenn erstmal der Druck der täglichen Tretmühle weg ist. Und erzeugt damit den nächsten, Enttäuschung ist somit vorprogrammiert. Das Ferienquartier tut sein Übriges: Man kriegt ungewohnten Stress, weil man sich über Tage und bei Regenwetter viel zu dicht auf der Pelle hockt. Da geht es Menschen nicht anders als Schweinen im Mastbetrieb und Hühnern in der Legebatterie. Abgesehen davon ist die Vorstellung von Stunden der Muße und zweckfreiem Nichtstun für viele Zeitgenossen gar keine angenehme. Stille und Betrachtung, Zeit mit sich selbst, Aufmerksamkeit gegenüber Leib und Seele können bleiern wirken, lähmen. Nur der Kopf fährt Karussell ... 
 
Zuweilen liest man, dass Menschen schlecht (ein)schlafen, weil es „draußen so still“ sei. Das klingt schon fast danach, als ob sich da eine Krankheit anbahnt ... Tatsache ist: In unserer Gesellschaft hat Stress alles andere als einen schlechten Ruf. Wer Stress hat, unterstreicht seinen Stellenwert im Betrieb und Effektivität in Haus und Garten. Läuft doch alles rund, weil leistungsfähig. Bis auf einmal — nichts mehr geht. Weil der Körper schlapp macht oder die Nerven durchbrennen. Weil der Stress das System Mensch ans Limit geführt hat. Weil Stress vor allem Zellstress ist, das heißt, er wirkt auf 75 Billionen kleinster „Bausteine“, die unser Leben ausmachen. In der Regel ist es die (Über) Dosis, die Schaden anrichtet. 
 
Jetzt, in den Ferien, wäre Zeit, einmal ausgiebig zu staunen: über dieses Wunderwerk, das täglich, stündlich, sekündlich für uns im Einsatz ist. Uns das Leben mit allen Sinnen wahrnehmen, genießen, feiern lässt. In der schönsten Jahreszeit, unserer Frei-Zeit.
 
Brigitte Böttner