Päpstliches Mitbringsel

16.09.2024 |

Wie viel Europa steckt eigentlich noch in der katholischen Kirche?

Osttimor, Papua-Neuguinea, Singapur … da hat sich Papst Franziskus nun wahrlich eine gewaltige Reise zugemutet. Fast 40 000 Kilometer, etliche verschiedene Zeitzonen, das allein gleicht einer Strapaze. Doch während andere Reisende vergleichbare Welttouren zur eigenen Erbauung mit Auszeiten und Erholungsphasen verknüpfen, gibt es für ein Kirchen-oberhaupt keine Verschnaufpausen. Im Gegenteil, in Asien wartete ein gewaltiges Besuchsprogramm. Da galt es Gottesdiensten vorzustehen, Predigten und Ansprachen zu halten, mit Zeichen und Gesten Menschenmengen zu begegnen und im spontanen Austausch – auf jedes Wort zu achten. Denn rund um einen Papst gibt es keine Schutzzonen, alles, was er sagt, wird augenblicklich in die Welt hinausgesendet, bewertet und kommentiert. So etwas strapaziert.
Doch der 88-Jährige, noch im Frühjahr mit Lungenproblemen in der Klinik, meisterte die Herausforderungen seiner längsten Reise in höchster Vitalität und macht zurück im Vatikan da weiter, wo er vor dem Abflug aufgehört hat. Eine unglaubliche Leistung!
 
Früher wurde über die Sinnhaftigkeit von Papstreisen gerne gestritten, der Aufwand, die Kosten, all das rief etliche Kritiker auf den Plan. Mittlerweile spürt man: Der Papst zeigt sich als echter Seelsorger, wenn er zu denen reist, die nicht zu ihm kommen können. Wenn er jenen sein Ohr leiht, denen nur wenige zuhören. Und wenn er seine Schritte dahin lenkt, wo wenige nur sich hin trauen. Das Scheinwerferlicht, das ihn dabei begleitet, fällt dann auch auf die entlegensten Regionen der Welt, auf die Ärmsten und Schwächsten, an deren Schicksalen das Weltgeschehen scheinbar vorbeiläuft.
Solche Reisen haben aber auch eine nicht zu unterschätzende binnenmissionarische Wirkung. Sie machen augenfällig, dass diese katholische Kirche im wahrsten Sinne weltumspannend ist, und dass all das, was sie in den verschiedensten Erdteilen bewegt, eine Dynamik hat, die mit europäischen Augen weit weniger „eurozentrisch“ ausgerichtet ist, als es oft wirken mag. Markante Probleme wie interreligiöse Dialoge, die Armutsbekämpfung oder die Herausforderung durch Polarisierungen – solche Themen haben in anderen Teilen der Welt einen ganz anderen Klang als hierzulande.
 
So kurz vor der Weltsynode mag die Reise damit auch eine wichtige Erkenntnis verdeutlichen: Die weltumspannende Kirche kann ihre Kraft nur aus ihrer Spiritualität gewinnen. Immer dann, wenn sie zu sehr politisch wird, gerät sie in schweres Wasser. Auch diese Erfahrung hat wohl ihren Platz im ganz privaten Mitbringsel im Gepäck des Papstes … 
 
Klaus Gaßner