Braucht es die Empörung?
12.11.2024 |
Der Skandal um die Aufführung „Sancta“ in Stuttgart
Die Aufregung der vergangenen Wochen um die Oper „Sancta“, die in Stuttgart aufgeführt wurde, ist ein bisschen wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Damals gab es sie noch häufiger: diese Skandale um künstlerische Werke, ob Opern, Filme, Gemälde oder Bücher, in denen es zu nackt, zu wild, zu drastisch vor sich ging, es schlicht zu viel Sex und Gewalt gab. Wenn dann noch Jesus, Maria oder Päpste, Bischöfe, Pfarrer oder Ordensschwestern mit im Spiel waren, war die Zündschnur noch kürzer und die Aufregung brach sich schnell Bahn. Heute, in einer Zeit, in der nicht einmal mehr die Hälfte der Menschen im Land christlich ist, und in der es in Sachen Sex, Gewalt und Co irgendwie ja schon fast alles gab, sind diese vermeintlichen Skandale seltener geworden. Ersteres ist bedauerlich, Letzteres gut.
Die Oper „Sancta“ von der österreichischen Regisseurin und Aktionskünstlerin Florentina Holzinger hat es nun wieder geschafft. Zu viel Blut, echtes und Kunstblut, sexuelle, lesbische Handlungen von Nonnen, Frauen, die blutüberströmt und nackt an Kreuzen hängen ... Ein Skandal. Die Empörung war groß und die wenigen Aufführungen in Stuttgart dementsprechend schnell ausverkauft.
Klar ist: Über solche Darstellungen kann man sich als Christ aufregen und sich daran stören, weil etwas angegriffen wird, was einem wichtig ist, was einem heilig ist. Das ist erlaubt und legitim.
Es stellt sich aber auch die Frage: Braucht es diese Empörung? Mit solchen Aufführungen, die auf Krawall gebürstet sind, die Wirkung mit Drastik und Lautstärke erreichen möchten, ist es wie mit zu scharfem Essen. Es ist nur scharf. Alle anderen Geschmäcker gehen durch die Schärfe nicht selten unter. Das ist geschmacklich eher langweilig. Und was macht man am besten mit solchen Gerichten? Man bestellt sie nicht, isst sie nicht. Ignoriert sie auf der Speisekarte. Als Christen müsste uns das doch auch in solch einem Fall einer Opern-Aufführung möglich sein. Schlicht darüber stehen.
Ein Problem bei uns Menschen ist ja jenes: Gar nicht so selten empören wir uns über die falschen Dinge, im Kleinen wie im Großen. Dann verschwenden wir Kraft auf Sachen, die der Aufregung nicht lohnen. Und dann fehlt uns der Blick für die wirklichen Probleme. Jene, über die wir uns wirklich empören sollten. Von denen gibt es aktuell traurigerweise genug.
Daniel Gerber