Wer hört zu?
26.11.2024 |
Kirchen müssen sich in die Politik einmischen – aber mit Maß
Aus recht unverdächtigen, weil religionsfernen Gruppierungen und Parteien mehren sich in diesen Tage Bitten an die Kirchen, sie mögen sich doch mehr in den politischen Dialog einmischen. Offenbar spüren Politiker aller Couleur, dass sich in der Gesellschaft gerade ein Wandel vollzieht, der ein gefährliches Vakuum schafft. Dass politische Argumente in der Öffentlichkeit nicht mehr richtig durchdringen, gar unter eine Art Generalverdacht fallen; und dass Politiker selbst wiederum im abstrakten parteipolitischen Ringen den Blick fürs große Ganze verlieren könnten.
Beim Jahresempfang der Bischöfe hat Ministerpräsident Kretschmann gerade betont, dass „die Stimme der Kirchen für Humanität und Menschlichkeit nötig“ sei. Landtagspräsidentin Aras sprach von einem „Ruhepol“ in der kirchlichen Präsenz und pries geradezu deren seelsorgerliche Arbeit. Das ist Balsam in den Ohren einer Kirche, die derzeit eher damit hadert, an Einfluss zu verlieren.
Doch wer hört wo zu, wenn Kirche spricht? Und wie spricht sie überhaupt? Kontaktbörsen helfen sicher zu vertraulichem Sensiblisieren: In Karlsruhe trifft man sich einmal im Jahr mit den Spitzen der höchsten Gerichte, in Stuttgart gibt es mit dem Katholischen Büro einen fest implementierten Kontakt zur Landespolitik. Das sind wichtige interne Kanäle. Doch „es wird immer mehr darauf ankommen, zivilgesellschaftlich präsent zu sein: In all jenen sozialen Handlungs- und Diskursfeldern“, in denen Interessen „gegen die strukturelle Ungerechtigkeit und die Entwürdigung von Menschen mobilisiert“ werden, so hat Erzbischof Burger in Stuttgart richtig festgestellt. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Denn in der Ansage steckt implizit ein klares Ja zur wissenschaftlichen, theologischen Begleitung auf hohem Niveau. Nur wenn Kirche auf dem Stand der Debatte ist, wird sie ernst genommen werden können, „fromm“ allein wird nicht reichen. Hinzu kommt: Kirchen müssen nicht zu jedem tagespolitischen Thema das Wort ergreifen. Und wenn, dann muss ihr Statement aus dem Reigen anderer Interessengruppen heraustreten. Zwei Jahrtausende Einsatz für Gerechtigkeit, Friede und Barmherzigkeit darf man auch kirchlichen Verlautbarungen anmerken, sie dürfen bescheiden, aber müssen selbstgewiss sein. Letzten Endes freilich hängt das am Format der Personen, die für die Kirche das Wort ergreifen. Die brauchen Mut und Sprechfähigkeit – daran scheint es oft zu mangeln.
Klaus Gaßner