Ein Dilemma

14.01.2025 |

Muss die Kirche Elon Musks Online-Plattform X verlassen?

Haben auch Sie schon vom X-odus gehört? Diese originelle Wortneuschöpfung in Anlehnung an den biblischen Exodus umschreibt, dass sich derzeit viele Verbände, Organisationen und Einrichtungen von der Social-Media-Plattform „X“ zurückziehen. 2006 ursprünglich unter dem Namen „Twitter“ gegründet, steht das Netzwerk seit der Übernahme durch den US-Milliardär, Unternehmer und Trump-Wahlhelfer Elon Musk zunehmend wegen Hass und Hetze in der Kritik. Auch das Gespräch der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel mit Musk – geprägt von Falschaussagen bis hin zur Geschichtsfälschung – wurde über die Plattform gestreamt. Musk verhalf so der „als rechtsextremistischen Verdachtsfall“ eingestuften Partei zu einem Millionenpublikum. Die Umfragewerte der sogenannten „Alternative für Deutschland“ erreichen wenige Wochen vor der Bundestagswahl neue Höchstwerte. 

Vor diesem Hintergrund muss sich jeder Nutzer und damit auch die Kirche die Frage stellen, ob der Verbleib auf der Plattform noch mit den eigenen ethischen Grundsätzen vereinbar ist. Einzelne Bistümer und Landeskirchen haben diese Frage schon mit einem eindeutigen Nein beantwortet und sich von X verabschiedet, manche zögern (noch), die Deutsche Bischofskonferenz entschied kürzlich, auf der Plattform „bis auf weiteres“ weiter präsent sein zu wollen, auch mit Verweis auf den Heiligen Stuhl, der die Plattform weiter als Kommunikationsmittel nutze.

Tatsächlich stehen gerade institutionelle Nutzer und damit auch die Kirchen vor einem Dilemma: Oftmals über Jahre oder mehr als ein Jahrzehnt haben sie sich auf der Plattform eine Gefolgschaft („Followerschaft“) aufgebaut, die sie bei ihrem Weggang zumindest vorerst verlieren würden. Und schafft die eigene Präsenz nicht auch gleichsam ein positives Gegengewicht, auf dass das „soziale Netzwerk“ noch ein wenig länger den Namen „sozial“ verdiene?
Allerdings ist mit einer Besserung der Entwicklung unter Elon Musk wohl eher nicht zu rechnen. Von seinen Algorithmen hängt außerdem ab, wer zukünftig überhaupt wahrgenommen wird bzw. welche Inhalte Nutzern angezeigt werden. Und Fakt ist auch: Wer bleibt, sorgt mit dafür, dass sich keine wirkliche Alternative zu X etablieren kann. Und nicht zuletzt sollten sich die kirchlichen Verantwortlichen die Frage stellen, wen sie auf der Plattform über das eigene Milieu hinaus wirklich wirksam ansprechen können – und dann steht eine vielleicht gar nicht mehr so schwierige Entscheidung an.
 
Kirsten Zimmerer