Ein Visionär

27.01.2026 |

Zur Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens von Pater Alfred Delp

Seit fast zwanzig Jahren erinnert in der Mannheimer Jesuitenkirche eine Büste an den von den Nationalsozialisten kurz vor Kriegsende ermordeten Jesuitenpater und Widerstandskämpfer Alfred Delp. 2008 reiste eigens der inzwischen verstorbene Kardinal Karl Lehmann von Mainz nach Mannheim, um das Kunstwerk des Bildhauers Karlheinz Oswald zu segnen. Im Bistum Mainz verbrachte Alfred Delp die Hälfte seines Lebens. Seither erinnert in der Kirche der schroffe, schwarze Kopf an den in Mannheim geborenen Priester, der wohl auch Ecken und Kanten hatte, doch für seine Überzeugungen bis in den Tod ging. Das Denkmal ist auch eine bronzene Mahnung, niemals gleichgültig zu werden, zu seinem Glauben und seinen Werten zu stehen.

Kardinal Karl Lehmann war Ehrenmitglied der 2006 gegründeten Alfred-Delp-Gesellschaft Mannheim, die seither die Erinnerung an den Sohn ihrer Stadt wach hält und damit auch dem jetzt eröffneten Seligsprechungsverfahren mit den Weg bereitete. Ihre Mitglieder haben – und wir dürfen es ihnen danken – einen Teil ihres Lebens der Forschung zu Alfred Delp verschrieben. Nicht alle von ihnen durften nun die Eröffnung des Verfahrens noch erleben. Auch der nun angestoßene Prozess könnte noch einmal Jahrzehnte dauern. 

Warum das Verfahren gerade jetzt eröffnet wird, darüber mag spekuliert werden, aber vielleicht mussten erst Jahrzehnte vergehen, um vollends zu erkennen, wie visionär Pater Alfred Delp dachte und handelte. Denn der christliche Märtyrer, der es abgelehnt hatte, für seine Freiheit aus dem Orden auszutreten und der stattdessen im Gefängnis seine letzten Gelübde ablegte, hinterließ ein geistliches Erbe, dessen Aktualität in vielfacher Hinsicht staunen lässt. Schon zu Beginn der 1940er-Jahre etwa beklagte Delp eine Gottunfähigkeit der Menschen, ein Blindsein für Gott, heute sprechen wir wohl von der Säkularisierung der Gesellschaft. Doch der Jesuit hatte auch zahlreiche Ideen, wie sich Kirche wandeln müsste, etwa durch eine „Rückkehr in die Diakonie“, wie sie Papst Franziskus Zeit seines Pontifikats forderte. 

Das Seligsprechungsverfahren ist also auch eine Chance, Delps Texte, die zu einem großen Teil „mit gefesselten Händen“ entstanden, neu zu entdecken, ganz unabhängig davon, wie der Prozess der Seligsprechung ausgeht. Dabei kann Delp auch Mut machen im Angesicht der Umbrüche und Krisen dieser Zeit. „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt“, schrieb er in der Todeszelle.
 
Kirsten Zimmerer


Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Keine Kommentare vorhanden