Mehr wir, weniger ich!

04.03.2025 |

Gastkommentar von Johannes Arnold, Oberbürgermeister von Ettlingen

Ab und zu puzzle ich gerne, besonders in diesen eher trüben Tagen. Es ist entspannend, weil die Gedanken fokussiert sind auf das Suchen und Zusammenfügen der Teile. Es ist schön, das Bild komplett zu bekommen. Und es lassen sich aus dem Tun gute Gedanken ableiten: Der Wert für manches schwierige Projekt, Schritt für Schritt vorzugehen. Nicht aufzugeben, auch wenn man das große Ganze noch nicht erkennt. Oder auch: Jedes einzelne Teil hat seinen Platz, jedes Teil wird gebraucht, aber kein Teil funktioniert für sich. Denn: Auch wenn am Schluss von 500 Teilen ein einziges, angeblich unscheinbares Puzzlestück fehlt, dann fehlt eben was – und das letzte Teil macht für sich alleine auch kein Bild alleine aus.

Das gilt auch für unsere Gesellschaft, unser Gemeinwesen, unsere Demokratie. Natürlich gibt es die zentralen Eck- und Randstücke, beispielsweise alle Ehrenamtlichen in Vereinen, im Sozialen, in kirchlichen Organisationen (Danke dafür!). Und dennoch, es kommt auf jede(n) an, dass er/sie sich einbringt. Es entsteht nur ein Gesamtbild, wenn alle etwas beitragen. Nimmt sich jemand zurück, dann steht er alleine und wirkt wenig. Dies gilt umso mehr, als dass Individualisierung, Egoismus und „me first“ (kein amerikanisches Phänomen!) leider mehr als zugenommen haben. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass so noch nie Herausforderungen bewältigt werden konnten. Nach den Zerstörungen und dem Elend des letzten Weltkrieges konnte unser Land nur wieder aufgebaut werden, weil alle zusammengehalten haben und unsere Vorgängergeneration mit viel Entbehrung unseren heutigen Wohlstand aus Trümmern wieder errichtet hat (Danke dafür!). In der Ölkrise der 1970er-Jahre, dem gesellschaftlichen Streit über die Abrüstungsdebatte der 1080er, dem Hype und der rasch folgenden Krise der NewEconomy in den 1990ern und auch in den zurückliegenden Coronazeiten oder der Energiekrise waren sehr viele Menschen bereit, das „Ich“ zurückzustellen und zum „Wir“ beizutragen. Danke dafür!
 
Und zu genau dieser Haltung sind wir aktuell mehr denn je gefordert, denn Russland, China und die USA machen uns Angst, der Zustand unserer Wirtschaft und Demokratie sowie ungeklärte Zukunftsfragen bereiten Sorgen. Darin zu bestehen, geht nur, wenn wir das „Wir“ wieder mehr in den Mittelpunkt stellen und uns selbst nicht mehr am wichtigsten sind. Gemeinwesen als Basis unseres Zusammenlebens geht eben nur gemeinsam und nicht einsam.
 
Johannes Arnold ist seit 2011 Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Ettlingen. Der Vater dreier Kinder engagiert sich u. a. in der Initiative „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“.